Filmfestival in Cannes "Von einem Verrückten zum nächsten"

Er ist die graue Eminenz des wichtigsten Filmfests der Welt: Cannes-Präsident Gilles Jacob verrät im Interview, wie man die richtige Balance zwischen Popcornkino und Autorenfilm findet, warum die Smoking-Pflicht notwendig ist - und warum Kritiker im Kino gerne schlafen dürfen.

AP

SPIEGEL ONLINE: Monsieur Jacob, Mitte der sechziger Jahre kamen Sie zum ersten Mal zum Festival nach Cannes. Welche Bilder sind Ihnen aus dieser frühen Zeit in Erinnerung geblieben?

Jacob: Das erste Bild von Cannes, das mir in Erinnerung geblieben ist, sind die ersten Sitzreihen im alten Palais, auf denen Taschen standen und Jacken lagen, weil sich die Kritiker dort gegenseitig die Plätze freihielten. Sogar Jean-Louis Bory, ein großer Kunstkritiker und Autor, hat das für mich getan. Das zweite Cannes-Bild, das ich nie vergessen werde, ist der Anblick der Schauspielerin Farrah Fawcett, die von den Journalisten gerade übel angegangen worden war und weinend in der Ecke stand, ihr Make-up war völlig zerlaufen. Ich wollte instinktiv zu ihr hin und ihr ein paar tröstende Worte sagen, aber ich musste mich sehr beeilen, um in die nächste Vorstellung zu kommen. Was sollte ich machen?

SPIEGEL ONLINE: 1978 übernahmen Sie das Festival als Programmchef. Was haben Sie verändert?

Jacob: Das ursprüngliche Festival war sehr akademisch. Als ich das Festival 1978 übernahm, hatte ich erst mal keine freie Hand, erst nach und nach konnten wir die alten Strukturen abschaffen. Ich wollte eine möglichst große Vielfalt im Programm haben, möglichst viele Länder, möglichst viele Generationen von Filmemachern. Das Publikum von Cannes ist kein normales Publikum. Man kann ihm neben leichter Unterhaltung auch harte Kost zumuten. Und Vielfalt hat auch einen großen Vorteil. Wenn für jeden etwas dabei ist, heißt es am Ende nicht: Alle Filme waren schlecht.

SPIEGEL ONLINE: 1983 wurde der neue Festival-Palais eingeweiht, der aufgrund seiner wuchtigen Gestalt "Bunker" genannt wurde.

Jacob: Ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich Ihnen versichere, dass ich mit der Konzeption und dem Bau des neuen Palais nichts zu tun hatte! Die Entwürfe stammen aus den siebziger Jahren. Die Kinosäle, die dunkel sein müssen, liegen in den Obergeschossen, und die Bereiche, in denen sich die Menschen treffen und unterhalten, liegen im Keller. Kaum ein Strahl des Lichts der Côte d'Azur dringt in dieses Gebäude vor. Das ist absurd! Man müsste es komplett abreißen und neu bauen, aber dazu fehlt der Stadt das Geld. Und wo sollte das Festival hin währenddessen?

SPIEGEL ONLINE: Aber die Treppen des neuen Palais sind zu den berühmtesten Treppen der Welt geworden.

Jacob: Sie sind eine religiöse Metapher: Man steigt zum Himmel auf. In Venedig und Berlin ist der Eingang zum Premierenkino ebenerdig, bei der Oscar-Verleihung auch. Nur bei uns steigt man auf, Schritt für Schritt, immer höher.

SPIEGEL ONLINE: Das muss man aber erst mal verkraften, als Regisseur.

Jacob: Als Lars von Trier zum ersten Mal in Cannes war, hatte er vor dem Aufstieg große Angst. Er wollte da nicht hoch, war wie gelähmt. Zum Glück trug er den Smoking des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer, der in den fünfziger und sechziger Jahren Filme in Cannes gezeigt hatte, er war ein großes Idol von Lars. Dieser Smoking funktionierte bei Lars wie ein umgekehrter Taucheranzug: Er half ihm aufzusteigen. Er hatte das Gefühl, Dreyer schiebe ihn die Treppe hoch.

SPIEGEL ONLINE: Wann kam eigentlich der rote Teppich nach Cannes?

Jacob: In den ersten Jahren lag auf den Treppen des neuen Palais noch kein roter Teppich. Ich erinnere mich sehr genau daran, weil wir die Treppe noch mal neu bauen mussten. Die Stufen waren nämlich zu hoch für die Frauen in ihren bodenlangen, engen Kleidern. Bei jedem Schritt mussten sie fürchten, den Stoff einzureißen. Doch auch danach war die Treppe noch sehr glatt, es gab böse Ausrutscher. So kamen wir auf die Idee mit dem Teppich, die Farbe Rot kam erst danach.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen immer an jedem Abend des Festivals am oberen Ende der Treppe, um die Filmemacher zu begrüßen, fast wie Gott.

Jacob: Die Leute fragen sich immer: Woran denkt Gilles Jacob, wenn er da oben steht? Denkt er an die Freundschaften zu den großen Filmemachern, die da zu ihm hochsteigen, hat er erotische Phantasien mit Schauspielerinnen wie Sharon Stone zu seinen Füßen? Doch tatsächlich denke ich nur an eins: ob wir pünktlich anfangen können. Wenn Gott sie von oben zu sich ruft, müssen sie kommen, und zwar sofort. Bei mir ist das ein wenig anders.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal so richtig die Nerven verloren, da oben auf der Treppe?

Jacob: Ich glaube nicht. Es dauert 50 Minuten, bis sich der Saal geleert hat. Wir haben einen sehr engen Zeitplan, an den wir uns halten müssen. Wenn sich die Crew eines Films zu sehr verspätete, habe ich die Vorführung einfach schon mal anfangen lassen. Das war dann unangenehm für die Crew, sie musste sich dann bei Dunkelheit durch die Reihen einen Weg zu den Plätzen bahnen. Das sprach sich rum, und beim nächsten Film waren alle pünktlich.

SPIEGEL ONLINE: Was war das Intimste, das Ihnen jemals ein Filmemacher auf dem roten Teppich gesagt hat?

Jacob: Der intimste Satz auf dem roten Teppich? Den sage ich! Vor der Schlussveranstaltung, wenn alle sehr aufgeregt sind und wissen wollen, ob sie etwas gewonnen haben, dann flüstere ich ihnen schon mal ins Ohr: Es könnte die Goldene Palme sein.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Abendpremieren in Cannes herrscht seit Jahrzehnten Smoking-Pflicht. Mögen Sie den Smoking denn überhaupt?

Jacob: Nein! Wenn's nach mir ginge, hätten wir schon lange damit aufgehört.

SPIEGEL ONLINE: Geht es nicht nach Ihnen?

Jacob: Es geht schon auch nach der Tradition. Es gibt zwei Gründe, an der Smoking-Pflicht festzuhalten. Würde man sie aufheben, kämen die Leute schon bald in kurzen Hosen. Zum Zweiten wollen sich die Frauen schön machen und auf dem roten Teppich elegante Abendkleider tragen. Sie sollten nicht Männer in verschlissenen Jeans neben sich ertragen müssen. Es gab sogar einmal einen Kulturminister, Michel Guy, der die Smoking-Pflicht in Cannes abschaffen wollte. Doch er konnte sich nicht durchsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Seitdem Sie in Cannes amtieren, wird im Wettbewerb der sogenannte Autorenfilm gefördert. Was ist denn eigentlich ein "Autor"?

Jacob: Hm, das könnten Sie vermutlich besser formulieren. Ein Autor ist jemand, der ein Werk konstruiert. Wie ein Schriftsteller, der Buch um Buch schreibt und so ein eigenes Universum erschafft. Der Fehler machen kann und auch schlechte Filme. Gleichzeitig ist diese Definition idiotisch. Ein Regisseur wie Louis Malle hat völlig verschiedene Filme gedreht, die kaum etwas miteinander gemein haben. Und er war ein großer Autor! Vielleicht ist ein Autor jemand, der die Grenzen verschiebt.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren ganz früh dabei, Sie haben die ersten Texte von Truffaut gedruckt, der in den fünfziger Jahren als Kritiker mit Kollegen wie Jean-Luc Godard oder Claude Chabrol Regisseure wie John Ford oder Alfred Hitchcock entdeckte und zu den "Autoren" ihrer Filme erklärte.

Jacob: Das Interessante an dieser sogenannten "politique des auteurs" ist ja, dass ein Regisseur wie Ford, der in den fünfziger Jahren von französischen Kritikern zum Autor seiner Filme erkoren wurde, sich nie als solcher verstanden hatte. Ford ging nie in den Schneideraum, er hat einen Film abgedreht, dann bekam er das nächste Skript und fing drei Wochen später mit den Dreharbeiten an. Ford war ein Angestellter, der drei, vier Filme pro Jahr gemacht hat. Er war ein Handwerker, der von europäischen Kritikern zum großen Künstler geadelt wurde, auf eine Weise, die er sich nie hätte träumen lassen

SPIEGEL ONLINE: Aber ist die "politique des auteurs" dann nicht eine große Illusion?

Jacob: Das glaube ich nicht, doch erst zur Zeit des New Hollywood haben amerikanische Regisseure wie Brian de Palma, Martin Scorsese oder Steven Spielberg den Autorenstatus für sich reklamiert. Das waren Cinéphile, die Filmgeschichte studiert hatten und Kritiken lasen, die unter dem Einfluss der Nouvelle Vague standen. Ein Regisseur wie George Roy Hill etwa war extrem stark durch das Werk von Louis Malle beeinflusst worden. Auch deutsche Regisseure wie Wim Wenders oder Alexander Kluge machen Filme in dem Bewusstsein, Intellektuelle zu sein.

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