Filmfestival in Venedig Am Ende den Joker gezogen

Damit hätten die Wenigsten gerechnet: Die Comic-Adaption "Joker" gewinnt den Goldenen Löwen, der umstrittene Roman Polanski den großen Preis der Jury. Erkenntnisse aus dem 76. Filmfestival in Venedig.

Niko Tavernise/ Warner Bros

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Etwas ratlos saß man in den letzten Tagen des Festivals unter Kollegen zusammen und überlegte, welcher Film wohl die besten Chancen haben würde, den Goldenen Löwen zu gewinnen. Die Meinungen gingen auseinander, einig war man sich aber über eines: Der "Joker", die düstere, herausragende Comic-Adaption von Todd Phillips, würde es kaum sein: Die große Hollywood-Produktion hatte durch die Teilnahme am Festival und die durchweg jubelnden Premieren-Kritiken genug Oscar-Buzz aufgebaut, sie würde seine Preise in den kommenden Monaten auch ohne Venedigs Auszeichnung gewinnen. Ein Superheldenfilm als Festivalgewinner? Das schien schon sehr unwahrscheinlich.

Auch über Roman Polanski bestand Einigkeit: Sein Film "J'accuse" gehörte zwar wie "Joker" zu den besten dieses Venedig-Wettbewerbs, aber der in den USA wegen Missbrauch und Vergewaltigung einer Minderjährigen strafverfolgte Regisseur würde schon allein wegen dieser Kontroverse am Lido nichts gewinnen, zumal Jury-Präsidentin Lucrecia Martel bereits zum Start des Festivals ihren Unmut über Polanskis Einladung bekundet hatte. Der 86-Jährige kam weder zur Premiere, noch zur Preisverleihung am Samstagabend nach Venedig, er hätte damit rechnen müssen, in die USA ausgeliefert zu werden.

Am Ende gewann dann aber doch "Joker", der erste Comic-Blockbuster, der je bei einem A-Festival im Wettbewerb lief, den Goldenen Löwen - und Polanskis "J'accuse" die zweitwichtigste Auszeichnung, den Großen Preis der Jury. Das Festival war also, nach einer durchwachsenen zweiten Woche, doch noch für einen Knalleffekt gut.

Die Oscarrampe ist intakt

Kein anderes A-Festival hat einen solchen Lauf als Startrampe für die Oscars wie Venedig. Das liegt zum einen an der Platzierung des Festivals im Spätsommer, kurz bevor beim Festival in Toronto die US-Studios ihre Preisanwärter präsentieren. Zum anderen an der geschickten Verhandlungspolitik von Festival-Leiter Alberto Barbera, der am Lido in den vergangenen Jahren so gut wie alle späteren Oscarabräumer präsentieren konnte, von "Birdman" und "Gravity" über "La La Land" und "The Shape Of Water" bis hin zu "Roma" im vergangenen Jahr.

Auch in dieser Saison gelang es Venedig, Oscar-Buzz zu erzeugen, auch wenn das Programm im Vorwege weitaus weniger funkelte als in den Jahren zuvor: Adam Driver und Scarlett Johansson begeisterten in Noah Baumbachs Scheidungsdrama "Marriage Story", Brad Pitt in "Ad Astra" - und Festival-Gewinner "Joker" samt Hauptdarsteller Phoenix wird ebenfalls bereits als Oscaranwärter gehandelt. Auch der Eröffnungsfilm "La vérité", der erste fremdsprachige Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda, bekam freundliche Kritiken und wird seinen Weg durch die Arthouse-Zirkel finden. Und die Auseinandersetzung mit Roman Polanskis "J'accuse", der mit dem europäischen Antisemitismus auch inhaltlich ein wichtiges Thema verhandelt, wird nun wohl erst richtig starten.

Der zweite kontrovers diskutierte Film des Festivals, Nate Parkers Polizeigewalt-Drama "American Skin", gewann übrigens den Hauptpreis in der Festival-Nebensektion Sconfini. Es ist ein Mini-Comeback für den afroamerikanischen Regisseur, der einst wegen Vergewaltigung angeklagt wurde. Die Debatte darüber, ob Filme von Regisseuren wie Parker oder Polanski auf Festivals gezeigt und gewürdigt werden dürfen, hat gerade erst begonnen. Kann man, muss man Werk und Künstler trennen, zumal wenn die Filme ästhetisch und thematisch überzeugen und relevant sind?

Die überraschend mutige Entscheidung von Martels Wettbewerbsjury setzt hier ein starkes Signal.

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76. Filmfestival in Venedig: Die Preisträger im Überblick

Die Frauenfrage bleibt ungeklärt

Venedig hat unter den A-Festivals, zu denen auch Cannes und die Berlinale gehören, die schlechteste Bilanz, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit im Festivalprogramm geht. Zwar hatte Festival-Chef Barbera im vergangenen Jahr - widerwillig - die Petition "50/50 in 2020" unterzeichnet, wiederholte aber in diesem Jahr noch einmal seine umstrittene Position, dass es weitaus länger als bis nächstes Jahr dauern würde, ebenso viele weibliche wie männliche Filmemacher im Wettbewerb zu präsentieren und er lieber auf Qualität achte als auf Quote.

Zudem sehe er nicht die Festivals in der Verantwortung, sondern die Filmindustrie, deren ungerechte Bedingungen sich ändern müssten. Eine Henne-und-Ei-Argumentation, über die sich freilich streiten lässt. Rund 23 Prozent der Einreichungen für diesen Jahrgang seien Filme von Frauen gewesen, über das gesamte Festival betrachtet habe der Anteil von weiblichen Regiearbeiten bei 25 Prozent gelegen, sagte Barbera vergangene Woche bei einem eigens eingerichteten Seminar, das zwei Stunden lang mit verschiedenen Panels die Frauenfrage diskutieren ließ.

Im Wettbewerb ist die Schieflage dennoch eklatant: Zwar zeigte Barbera diesmal nicht, wie 2018, nur einen Film einer Regisseurin, sondern zwei Wettbewerbsbeiträge von Frauen: die deutsch-saudiarabische Produktion "The Perfect Candidate" von Haifaa al-Mansour und das australische Teenager-Drama "Babyteeth" von Shannon Murphy. Cannes und Berlin sind da mit jeweils bis zu fünf Beiträgen von Frauen jedoch deutlich weiter.

Zumal es in dieser Saison auch durchaus weitere, theoretisch verfügbare Filme von etablierten Regisseurinnen gegeben hätte, darunter von Marielle Heller, Kelly Reichardt und Marjane Satrapi. Und auch bei "Pelikanblut" von Katrin Gebbe, dem Eröffnungsfilm der Nebenreihe Orrizonti, fragte man sich, warumdie packende Mischung aus Adoptivdrama und Horrorfilm qualitativ nicht in den Wettbewerb gepasst hat. Das kommende Jahr ist Barberas vorerst letztes als Programmleiter des Festivals. Man darf gespannt auf seinen Abschiedsjahrgang sein - und auf das, was danach kommt.

Netflix und die verflixte zweite Woche

Venedig hat Filmproduktionen von Streamingdiensten früh umarmt und in den Wettbewerb integriert - zum Teil auch gegen den Widerstand der lokalen Kinobetreiber. Im vergangenen Jahr gewann mit "Roma" ein exklusiv von Netflix distributierter Film sogar erstmals den Goldenen Löwen. Auch in diesem Jahr konnte das Festival dank der Netflix-Filme "Marriage Story", David Michóds "The King", Steven Soderberghs Panama-Paper-Farce "The Laundromat" die für den Glamour dringend benötigten Stars (u.a. Meryl Streep, Robert Pattinson, Scarlett Johansson) an den Lido locken. Von der guten Zusammenarbeit profitieren, bis auf Weiteres, sowohl der US-Streamer, der hier für seine hochkarätig besetzten Filme werben kann, als auch das Festival, zumal Hauptkonkurrent Cannes sich nachhaltig schwertut, Netflix- oder Amazon-Filme zu zeigen.

Das löst aber nicht das Problem einer zunehmend schwächer werdenden zweiten Festivalwoche. Wegen der beginnenden Festivals in Telluride und Toronto muss Venedig fast alle seine Programmschätze bereits in den ersten Tagen offenbaren, weil vor allem die oscarrelevanten US-Produktionen, auch die von Netflix, sonst nicht als Weltpremiere am Lido gezeigt werden können. Der zweiten Woche des Festivals mangelt es dadurch automatisch an Highlights.

Selten zeigte sich das deutlicher und frustrierender als in diesem Jahr. Zwar gab es noch interessante und preiswürdige Filme aus europäischer und asiatischer Produktion im Wettbewerb zu sehen, darunter das Klassenkampf-Drama "Michael Eden", das Patriarchats-Requiem "A herdade" und den schillernden Animationsfilm "No. 7 Cherry Lane" von Yonfan. Dennoch konnte man sich erneut des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Venedig durch seine Abhängigkeit von den Zyklen der US-Saison immer stärker in Oscar- und Resterampe zweiteilt.

Auch für dieses Dilemma ist eine Lösung vorerst nicht in Sicht. Aber all diese Brüche, die sich ja in Wahrheit durch die gesamte Kino-Landschaft ziehen, machen Venedig eben auch zum vielleicht interessantesten der großen Festivals.

insgesamt 5 Beiträge
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jeby 08.09.2019
1.
Wir werden sehen, ob Joker wirklich ein Blockbuster sein wird. Er ist zwar ein bekannter Comicbuchcharakter, aber besonders Mainstream mäßig ist der Film mit Sicherheit nicht. Ob er jetzt mit anderen Comicverfilmungen beim Box Office mithalten kann, muss sich erst noch zeigen.
zeisig 08.09.2019
2. Erfreulich.
Ich freue mich für Roman Polanski. Kein Mensch hat es verdient, ein Leben lang stigmatisiert zu werden, und seine Kunst gleich mit.
lediglich 08.09.2019
3.
Hey Jeby, das der Joker ein erfolgreicher Blockbusterfilm wird ist lang entschieden. Businessanalysten können heutzutage aus "Awareness-Faktoren", "Trailerviews" und "Vorverkäufen auf Onlineplattformen" längst hochrechnen, was passieren wird bevor ein Film den ersten Tag im Kino verbringt. Ja sicher, der Film ist nicht langweilig und mainstreamtauglich wie "Avengers" und wird daher nicht diese Zahlen erreichen. Aber die Analysten gehen davon aus, dass der Joker in Amerika der erfolgreichste DC Film werden wird und weltweit diesen Trend fortsetzen wird, da ist man sich nicht ganz sicher.
Celegorm 08.09.2019
4.
Zitat von lediglichHey Jeby, das der Joker ein erfolgreicher Blockbusterfilm wird ist lang entschieden. Businessanalysten können heutzutage aus "Awareness-Faktoren", "Trailerviews" und "Vorverkäufen auf Onlineplattformen" längst hochrechnen, was passieren wird bevor ein Film den ersten Tag im Kino verbringt. Ja sicher, der Film ist nicht langweilig und mainstreamtauglich wie "Avengers" und wird daher nicht diese Zahlen erreichen. Aber die Analysten gehen davon aus, dass der Joker in Amerika der erfolgreichste DC Film werden wird und weltweit diesen Trend fortsetzen wird, da ist man sich nicht ganz sicher.
Der erfolgreichste DC-Film vermutlich, zumindest was den Profitfaktor angeht. In Gesamteinnahmen dürfte das eine andere Frage sein, ganz einfach weil dieser zumindest in den USA ein R-Rating erhalten hat. Sprich der Film wird grösstenteils ausserhalb des gängigen Familien-Event-Marktes laufen, der den meisten anderen Comic-Verfilmungen Milliarden in die Kassen spült. Die Referenz für den Joker werden darum eher andere R-Filme sein und damit v.a. Deadpool. Aber dessen Spitzenwert könnte er vermutlich knacken.
hegoat 08.09.2019
5.
Joker wird mit Sicherheit leider kein Blockbuster werden. Der Film ist zu melodramatisch, es gibt keine Action und keine bombastischen Spezialeffekte. DAS zieht an den Kinokassen, und nur das. Er wird auch beileibe nicht den bis dato erfolgreichsten DC-Film Aquaman schlagen. Was das Festival angeht: Ein paar Filmemacher feiern sich selbst, den Otto Normalzuschauer interessiert's wenig. Solche Festivals sind so überflüssig wie ein Kropf, vor allem, weil es zu viele davon gibt, die sich sich kaum unterscheiden: Venedig, Cannes, Berlin, BAFTA, Golden Globe, Oscar... die meisten interessieren sich nur für den letzten und das sich nur am Rande.
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