Polanskis "J'Accuse" in Venedig Ein wichtiger Film, ein endloser Skandal

Mit seinem historischen Antisemitismus- und Justizdrama "J'accuse" liefert Roman Polanski beim Filmfestival in Venedig einen dringlichen Kommentar zur Gegenwart. Die Debatte um ihn selbst wirkt schal.

Szene aus "J'accuse" von Roman Polanski: Die Aktualität der Dreyfus-Affäre
Filmfest Venedig

Szene aus "J'accuse" von Roman Polanski: Die Aktualität der Dreyfus-Affäre

Aus Venedig berichtet


Wie vergiftet die Debatte über Roman Polanskis Teilnahme am Filmfestival in Venedig vor allem von US-amerikanischen Medien geführt wird, zeigte sich an einer "Breaking News"-Überschrift des Branchenblattes "Hollywood Reporter": "Polanski skips premiere of 'An Officer And A Spy'" - so heißt der neue Film des 86-Jährigen im englischsprachigen Raum. Er wurde am Morgen unter großem Beifall der Presse gezeigt, später gab es eine Pressekonferenz, an der Polanski nicht teilnahm.

Natürlich tat er das nicht: Polanski, der heute in der Schweiz lebt, wird seit 1977 von der US-Justiz strafrechtlich verfolgt: Ihm wird sexueller Missbrauch einer 13-Jährigen vorgeworfen. Polanski muss damit rechnen, von Italien ausgeliefert zu werden, wenn er einreist.

Nichts an seiner Abwesenheit in Venedig ist also "breaking news", wie der "Hollywood Reporter" dann auch gleich im Vorspann des zugehörigen Artikels einordnet. Zumal bereits im Vorwege des Festivals klar war, dass Polanski nicht auftauchen würde. Aber die Überschrift insinuierte, er würde auslassen, wenn nicht gar schwänzen, womöglich, um Protesten und Kritikern zu entgehen, die einen Skandal darin sehen, dass "J'accuse" - so der Name des neuen Films hierzulande - in Venedig gezeigt wird.

Die Debatte über Polanski bestimmte die ersten Tage des Festivals, nachdem sich die Regisseurin Lucrecia Martel, Vorsitzende der Wettbewerbsjury, unklar darüber geäußert hatte, ob sie an der Gala zu Ehren des Films teilnehmen würde, weil sie ungern dabei gesehen werden würde, Polanski zu zelebrieren.

In manchen Medien wurde behauptet, sie hätte überlegt, sich den Film gar nicht anzusehen, was Martel in einem Extra-Statement korrigierte: Wenn sie voreingenommen an Filme im Wettbewerb herangehen würde, hätte sie die Jury-Präsidentschaft niedergelegt.

Dennoch hatte Luca Barbareschi, der italienische Produzent von "J'accuse", am Donnerstag kurzzeitig damit gedroht, den Film zurückzuziehen. Auf der Pressekonferenz am Freitag, an der auch Hauptdarsteller Jean Dujardin und Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner teilnahmen, ließ Barbareschi dann eine Diskussion über die "Polanski-Affäre" nicht zu: Das hier sei kein Moralgericht, sagte er.

Aber ist es so einfach? Viel eher ist es hochkompliziert.

Natürlich wird aktuell auch Polanskis Vergangenheit pauschal mit gegenwärtigen #MeToo-Vorwürfen vermengt - was, siehe "Hollywood Reporter"-Headline, in Wahrheit wohl auch dem Zeitgeist einer in der Öffentlichkeit inzwischen extrem verkürzten Skandal- und Empörungslunte entspricht.

Dennoch gab es die Vergewaltigung der 13-Jährigen. Und dann gibt es wiederum auch noch Polanskis neuen Film "J'accuse", der, das macht die Sache auch nicht einfacher, ein beeindruckend präzise inszeniertes, packendes Historiendrama ist:

Wie bisher kein anderer Film in diesem Wettbewerb kommentiert Polanski mit dem Film das drohende Kippen des gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Diskurses in überkommen geglaubte Faschismusmuster. Als Justizthriller wird die Aufdeckung der sogenannten Dreyfus-Affäre in Frankreich durch den Geheimdienstleiter Georges Picquard (Dujardin) erzählt: Kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Offizier Alfred Dreyfus, der einzige Jude in seinem Regiment, wegen Spionage und Landesverrat unehrenhaft aus dem Dienst entlassen und auf die "Teufelsinsel", eine Strafkolonie in Französisch-Guyana, verbannt.

Regisseur Polanski (2018): Vielleicht sein letzter großer Film?
AP

Regisseur Polanski (2018): Vielleicht sein letzter großer Film?

Gegen die massiven Widerstände seiner Kommandierenden entlarvt Picquard jedoch ein letztlich antisemitisch motiviertes Komplott gegen Dreyfus, der mit fingierten Beweisen verurteilt wurde. Die Affäre stürzte Frankreich in eine innenpolitische Krise, der Staatsapparat wurde von dem Schriftsteller und Journalisten Emile Zola in dessen berühmtem Zeitungsartikel mit der Überschrift "J'accuse" ("Ich klage an") zur Rechenschaft aufgefordert. Es kommt zu Bücherverbrennungen der Werke Zolas und pogromartigen Szenen gegen jüdische Geschäfte.

Vor allem diese fast beiläufig eingestreuten Bilder sind es, die großes Unbehagen auslösen, denn sie erinnern an den Horror der Nazis in Deutschland, machen aber zugleich noch einmal klar, wie alltäglich und institutionalisiert der Judenhass bereits Jahrzehnte zuvor war. Die Botschaft ist peinvoll: Gerade jetzt, da überall in Europa verstärkt Juden und Migranten diskriminiert und verfolgt werden, wirkt die Erinnerung an diesen Fall von staatlich sanktioniertem Antisemitismus wie ein Mahnruf aus der Geschichte.

Polanski, selbst Holocaust-Überlebender, erzählt in "J'accuse" keine Opfergeschichte. Dreyfus (Louis Garrel) spielt hier nur eine nicht unbedingt sympathische Nebenrolle. Der Fokus des Regisseurs liegt ganz auf Picquard, dem einen Mann in einem verdorbenen System, der als Held nicht taugt, es aber für seine Pflicht hält, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Polanskis Hoffnung, das machen die Szenen mit Zola und dem Team der Zeitung "L'Aurore" deutlich, ruht auf der Integrität und Zivilcourage jedes Einzelnen, aber auch auf der aufklärerischen Macht der Presse.

Eine Dreyfus-Affäre könne jederzeit wieder passieren, sagte Polanski in einem Interview, das dem Pressematerial zum Film beigefügt war: "Alle Zutaten sind vorhanden, um es geschehen zu lassen: Falsche Anschuldigungen, miserable Gerichtsprozesse, korrupte Richter - und vor allem die sozialen Medien, die ohne fairen Prozess oder das Recht auf Revision verurteilen und verdammen."

Das klingt, als vermenge Polanski hier den Umgang mit seiner Person mit den Mechanismen, die er selbst im Film so grandios seziert.

Sortiert man klarer, muss man, statt komplexe Sachverhalte miteinander in Zusammenhang zu bringen, einfach aushalten: Polanski ist ein Mann, der einerseits seine Macht missbraucht hat. Er ist aber andererseits auch ein begnadeter Regisseur, der einen großen Film gedreht hat.



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