Filmfestival in Venedig Überforderte Männer auf Oscar-Kurs

Männliche Rollenbilder, seziert durch schauspielerische Hochleistungen: Adam Driver dominiert das Scheidungsdrama "Marriage Story" trotz Scarlett Johansson - und Brad Pitt geht auf Selbstfindungs-Odyssee im Weltraum.

Scarlett Johansson und besonders Adam Driver retten einen eher mittelmäßigen Film
Filmfest Venedig

Scarlett Johansson und besonders Adam Driver retten einen eher mittelmäßigen Film

Aus Venedig berichtet


Intensiver hat man Scarlett Johansson lange nicht gesehen: In Noah Baumbachs Scheidungsdrama "Marriage Story", einer Netflix-Produktion, die beim Festival in Venedig im Wettbewerb läuft, zeigt sich Hollywoods aktuell bestverdienende Schauspielerin ungeschminkt, verheult, zerbrechlich und mit burschikosem Kurzhaarschnitt.

Johansson spielt eine Schauspielerin, die einst ihre beginnende Karriere in L.A. hinter sich ließ, um einem Mann ans Off-Theater in New York zu folgen. Sie wird zum Star seiner Produktionen, bekommt einen Sohn - und stellt irgendwann fest, dass sie selbst völlig verschwunden ist hinter den Ansprüchen, Wünschen und Lebensvorstellungen ihres Partners. Sie trennt sich, geht zurück zu ihrer Familie an die Westküste - und reicht die Scheidung ein.

"Marriage Story" muss viel aushalten hier am Lido: Das Festival in Venedig gilt seit einigen Jahren als Rampe für die Oscaranwärter der beginnenden Awards-Saison in den USA, so gut wie alle Gewinner der jüngsten Zeit feierten hier Premiere, darunter "Gravity", "Birdman", "The Shape Of Water" und zuletzt "Roma", ebenfalls von Netflix.

In diesem Jahr wirkte das Programm im Vorwege etwas weniger strahlend, daher gilt der starbesetzte neue Film des New Yorker Beziehungskomödienspezialisten Noah Baumbach ("The Squid And The Whale", "Frances Ha") als einer der wenigen Wettbewerbsfilme, die jene allseits erwartete Oscar-Magie entfalten können.

Hält der Film diesem Druck stand? Einerseits ja, denn wie gesagt: Scarlett Johansson ist umwerfend in ihrer Fähigkeit, vom kümmerlichen Häufchen Elend zur verletzten "Fuck"-fluchenden Furie aufzubrausen. Es macht noch neugieriger auf ihren kommenden Solo-Einsatz als "Black Widow" in Marvels "Avengers"-Universum. Aber "Marriage Story" ist eigentlich gar nicht ihr Film. Er gehört ihrem männlichen Gegenpart, dem Alter Ego des Regisseurs, der von Adam Driver ("Star Wars", "Paterson") dargestellt wird.

Ermüdende zwei Stunden

Baumbach, der einst schon seine Kindheit in Brooklyn verfilmte, verarbeitet hier ganz offensichtlich seine Scheidung von Schauspielerin Jennifer Jason Leigh, die sich 2010 von ihm trennte. Schon klar, dass die Sympathie des Filmemachers da am Ende doch eher beim männlichen Part des Scheidungskriegs liegt, so sehr sich der Film auch um Parität bemüht.

Tatsächlich ist aber auch Driver, ohnehin einer der besten Schauspieler seiner Generation, brilliant als genialischer Theater-Egoist. Er bricht einem das Herz, wenn er weint, und wirkt verloren, als er aus seinem Habitat New York ins verhasste, viel zu sonnige und weitläufige L.A. reisen muss, um seinen Sohn zu sehen und nach teuren Anwälten (u.a. Laura Dern, Ray Liotta) zu suchen, die aus der kleinen traurigen Trennung eine schmutzige, grelle Scheidungsshow machen.

Das ist in Wahrheit aber auch das Problem dieses mit so viel Ereignisdruck befrachteten Films: Er erzählt bei aller persönlicher Dramatik am Ende doch eine recht alltägliche Geschichte, die durch Schauspielerparaden und Starpower größer wirkt, als sie ist. Immer wieder muss man, auch wegen Drivers "shaggy" Dustin-Hoffman-Frisur, an den bis heute besten und berührendsten Scheidungskrieg im Kino denken: Robert Bentons "Kramer vs. Kramer" von 1979.

Der spielte aber vor einem ganz anderen gesellschaftlichen Hintergrund und entfaltete dadurch eine übers Private hinausweisende Relevanz. Damals hatte der öffentliche Diskurs über Gleichberechtigung, Emanzipation und Individualismus in der Ehe gerade erst begonnen, was die Story so dringlich machte. So bleibt von "Marriage Story" nach letztlich doch ermüdenden zwei Stunden vor allem der Nachgeschmack, dass sich die Hierarchie- und Kommunikationsprobleme zwischen Eheleuten in 40 Jahren offenbar keinen Deut verbessert haben.

Oscarnominierungen für Johansson (hoffentlich) und Driver (ziemlich sicher) sollte es trotzdem geben. Und natürlich verhandelt Noah Baumbach in seinem Film auch klug seine eigene, zutiefst maskuline Schafsköpfigkeit, die Männer immer wieder aus allen Wolken fallen lässt, wenn um sie herum Dinge explodieren, deren Aufkochen sie gar nicht bemerkt haben.

Abgewandelt findet sich dieses Motiv auch in dem Wettbewerbsbeitrag "Ad Astra": Brad Pitt stürzt in James Grays Film buchstäblich aus diesen Wolken, er spielt einen Astronaut, der durch eine Detonation an einem bis in die Stratosphäre reichenden Sendeturms ins Bodenlose trudelt und fällt.

Brad Pitt in "Ad Astra": scheinbar ein Held
Filmfest Venedig

Brad Pitt in "Ad Astra": scheinbar ein Held

Pitts Major McBride ist aber - scheinbar - ein Held der alten Hollywoodschule, er hat sich, seine Fähigkeiten und seinen Job im Griff. Aus dem Off erklärt er, wie er alles - Liebe, Gefühle, Familie - seiner Mission unterordnen kann und dabei mit dem Ruhepuls nicht über 80 kommt. Nicht beim Sturz ins Bodenlose, und auch später im Film nicht, als er die wohl erste Autoverfolgungsjagd auf dem Mond meistert, inklusive Schießerei.

Aber "Ad Astra" ist kein Actionfilm und kein Thriller, sondern eine mit viel Atmosphäre und Metatext inszenierte Therapiesession vor spektakulärer Weltraumkulisse, die den Supermajor mit unterdrückten Ängsten und Komplexen konfrontiert, die das frühe Verschwinden seines Vaters (Tommy Lee Jones) auslöste, einem nicht minder beziehungsunfähigen Weltraumpionier, der im Orbit verschollen ist. McBride beginnt eine Space-Odyssee in die wohl toxischste Zone der männlichen Psyche: den Solipsismus.

Und Brad Pitt, der dieses Jahr bereits in Tarantinos "Once upon a Time… in Hollywood" glänzte, spielt diesen allmählich zerbröselnden Buzz Lightyear mit neuer Nuanciertheit und Tiefe, die ihn auf Oscar-Kurs setzen könnte.

Man sieht diesen im Kino um sich selbst kreisenden Männern ja immer wieder gerne zu. Aber es wird eben auch kalt da draußen.



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