Bilanz der Kino-Biennale Sieg des weiblichen Blicks

Das herausragende Filmfestival in Venedig war in diesem Jahr ein Triumph der Frauen über die Männerwelt. Sogar Ridley Scotts Ritterfilm bot eine #MeeToo-Perspektive an.
Aus Venedig berichtet Wolfgang Höbel
Szene aus »Das Ereignis«: Regisseurin Audrey Diwan wurde mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet

Szene aus »Das Ereignis«: Regisseurin Audrey Diwan wurde mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet

Foto: Filmfest Venedig

Der Triumph der Frauen ist fast zwangsläufig eine Ungerechtigkeit gegen ein paar Männer.

Die französische Regisseurin Audrey Diwan hat mit dem Film »L’évènement« (»Das Ereignis«), der von einer Abtreibung im Frankreich der Sechzigerjahre erzählt, auf dem Lido von Venedig am Samstagabend den Goldenen Löwen gewonnen – sie ist erst die sechste Frau in der Geschichte des 1932 begründeten Festivals, die den Hauptpreis gewann.

Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion bekam von der Jury für den Spätwestern »The Power of the Dog« den Regiepreis zuerkannt. Und die US-amerikanische Schauspielerin und Regiedebütantin Maggie Gyllenhaal erhielt für ihre Elena-Ferrante-Verfilmung »The Lost Daughter« die Auszeichnung für das beste Drehbuch.

Benedikt Cumberbatch in »The Power of The Dog«

Benedikt Cumberbatch in »The Power of The Dog«

Foto: BBC Films / ZUMA Press / IMAGO

Für einige starke männliche Regiekollegen der Siegerinnen, darunter der Pole Jan Matuszynski und der Venezolaner Lorenzo Vigas, ist es möglicherweise ein bisschen hart, dass sie beim Preisverteilen leer ausgingen. Die Auszeichnung des Italieners Paolo Sorrentino für »È stata la mano di Dio« (»Die Hand Gottes«) wirkt wie eine Trost-Auszeichnung.

Ein Film, der »mit Hirn, Herz und Bauch« gemacht ist

Dennoch ist es ein hochverdienter Sieg des weiblichen Blicks auf die Welt und die Filmkunst, den die Jury unter Mitwirkung der Regisseurin Chloé Zhao (»Nomadland«) und des Regisseurs Bong Joon-ho  (»Parasite«) verkündete. Die Entschiedenheit, mit der die Französin Diwan in ihrem erst zweiten Spielfilm »L'évènement« den Kampf einer Studentin gegen die Unmoral und die Gesetze einer Männerwelt schildert, verleiht dem Film eine tolle Wucht, die Intensität der Schauspielerin A­na­ma­ria Var­to­lo­mei in der Hauptrolle lässt die Zuschauerinnen und Zuschauern fast körperlich mitleiden.

Die Ärzte und männlichen Mitstudierenden, an die sich die Heldin in ihrer Not wendet, begegnen ihr mit saurer Moral, Feigheit und Hilflosigkeit – so ähnlich erging es der Schriftstellerin Annie Ernaux, als sie im Jahr 2000 das Buch herausbrachte, das dem Film zugrunde liegt. Unter dem Mantel eines »monumentalen Schweigens« hätten die Männer des französischen Literaturbetriebs die Abtreibungsstory begraben, sagte Ernaux Jahre nach der Veröffentlichung. Mit dieser Ignoranz ist es hoffentlich vorbei durch die Filmversion, von der die Regisseurin am Samstagabend bei der Preisverleihung sagte, sie habe sie »mit Bauch, Hirn und Herz« gemacht.

Am Anfang der diesjährigen Filmfestspiele hatte sich deren Chef Alberto Barbera noch entschuldigt, dass in diesem Jahr nur fünf Regisseurinnen unter den 21 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Wettbewerbs um den Goldenen Löwen waren. Das sei, so Barbera, ein der Coronapandemie geschuldeter – weil sie die Frauenarbeit im Filmgeschäft angeblich besonders behindert – »kurzzeitiger Rückschlag auf dem Weg zur Geschlechterparität, die wir uns alle wünschen«.

Am Ende des Festivals darf man feststellen, dass in diesem Jahr trotz Corona viele gute und auch ein paar herausragende Filme im Wettbewerbsprogramm liefen. Und man kann bilanzieren, dass die Filme, die sich polemisch, neugierig, zupackend mit Geschlechterperspektiven und Geschlechterrollen beschäftigten, die aufregendsten dieses Biennale-Jahrgangs waren.

Das tat erwartungsgemäß zum Beispiel der Regisseur Pedro Almodóvar, der im Wettbewerb mit dem Liebes- und Babyverwechslungsdrama »Parallel Mothers« (»Parallele Mütter«) antrat, für den Penelope Cruz völlig zu Recht als beste Darstellerin prämiert wurde. Ein eher unerwarteter, aber höchst interessanter Beitrag zum Geschlechterdiskurs kam vom 83-jährigen Regie-Haudegen Ridley Scott, der seinen Film »The Last Duel« zwar außerhalb des Wettbewerbs präsentierte, damit aber doch die wohl spektakulärste Premiere des ganzen Festivals feierte.

Ein fast klassischer Männerkampf, zu Pferde und in Rüstung

»The Last Duel« ist ein Ritterfilm mit Starbesetzung, in dem Matt Damon und Adam Driver als ungleiche Edelleute im Frankreich des späten 14. Jahrhunderts gegeneinander antreten – zu Pferde und in Rüstung. Aus drei verschiedenen Blickwinkeln lässt der mit legendären Kinoschlachten wie »Blade Runner« (1982) und »The Gladiator« (2000) berühmt gewordene Scott schildern, warum die beiden Männer auf Leben und Tod kämpfen müssen.

Jean de Carrouges (Damon) und Jacques Le Gris (Driver) sind Kampfgenossen und Rivalen, bis eines Tages Carrouges’ Frau Marguerite (Jodie Comer) Le Gris beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. Erst stellen die beiden Männer ihre Version der Geschichte dar. Bis es zum Prozess vor dem französischen König und zum Duell kommt, das nach damaliger Rechtspflege als Gottesurteil gelten soll: Für den Fall, dass ihr Gatte im Duell unterliegt, ist die Frau als Lügnerin überführt und der Scheiterhaufen schon errichtet, auf dem Marguerite lebendig verbrannt werden soll.

Auch das Ritterdrama »The Last Duel« von Ridley Scott empfahl den weiblichen Blick

Auch das Ritterdrama »The Last Duel« von Ridley Scott empfahl den weiblichen Blick

Foto: 20th Century Studios / IMAGO

Es ist ein bisschen dreist, aber höchst unterhaltsam und einleuchtend, wie Scott aus dem historischen, auf einer wahren Geschichte beruhenden Intrigenspiel ein #MeToo-Drama macht. Denn natürlich ist der Blick der Frau auf die Ereignisse der einzig glaubwürdige. »Alles leugnen, immer alles leugnen« ist die Devise, nach der Drivers famos großkotziger Ritter Jaques Le Gris vorgeht, ein Harvey Weinstein in französischen Burgmauern. Damon als Carrouges gibt einen grobianischen Ehemann, der die vergewaltigte Frau ebenso der Liederlichkeit bezichtigt wie das Gericht, das sie sogar noch nach ihrer Orgasmusfähigkeit befragt. Und die Mächtigen am Hofe sind ein verkommener Männerbund, der Prüderie predigt und bei Tag und Nacht der Unzucht frönt.

Das Festival in Venedig hat sich in den letzten Jahren einen schönen Ruhm als Startrampe für Filme erworben, die später bei den Oscars groß herauskamen. Natürlich wäre es gerecht und ist den Filmen von Audrey Diwan und von Jane Campion ganz herzlich zu wünschen, dass auch sie es mindestens auf Oscar-Nominierungen bringen. Angesichts von Ridley Scotts nicht immer feiner, aber doch mitreißender Aktualisierungskunst darf man darauf hoffen, dass auch »The Last Duel« auf den Nominierungslisten der Academy in Los Angeles nicht übersehen wird.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.