Filmfestspiele Venedig Großes Kino auf Nummer sicher

Große Stars und große Sorgen: Bei den heute beginnenden 62. Filmfestspielen in Venedig tritt nicht nur die Hautevolee des Filmgeschäfts in Erscheinung, auch die Angst geht um. Seit den Attentaten in London steigt die Furcht vor Terroranschlägen.


Festival-Leiter Müller, Festspiel-Präsident David Croff: Strarrummel und Terrorangst
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Festival-Leiter Müller, Festspiel-Präsident David Croff: Strarrummel und Terrorangst

Marco Müller, seit letztem Jahr Festspielchef am Lido, weiß, wie man Glamour inszeniert. Auch für das 62. Filmfestival in Venedig, das heute startet, hat er wieder große Regisseure und ihre Filme verpflichtet: Ang Lee ist mit seinem neuen Werk "Brokeback Mountain" vertreten, Regieberserker Abel Ferrara präsentiert das Drama "Mary", aus Hollywood sind George Clooney mit "Good Night and Good Luck" und Terry Gilliam mit "Brothers Grimm" dabei.

Im Vorjahr hatte es noch arg bei der Organisation gehapert; Produzenten-Legende Harvey Weinstein und Superstar Al Pacino waren ebenso sauer wie Francois Ozon, dessen Film "5 x 2" erst nach langem Hin und Her gezeigt werden konnte. Wenn heute Abend im Festivalpalast die 62. Mostra mit dem Historiendrama "Seven Swords" des Chinesen Hark Tsui eröffnet, steht für Müller einiges auf dem Spiel, nicht zuletzt, weil in der Lagunenstadt die Angst umgeht.

Aufgrund der Attentate in London befürchtet die italienische Regierung ein erhöhtes Terrorrisiko. Der Festivalbereich wird deshalb weiträumig abgesperrt, die Sicherheitsvorkehrungen hat man verschärft. Wer ohne Ausweis oder mit großen Taschen oder Rucksäcken am Lido aufkreuzt, wird draußen bleiben müssen.

Ein Risiko geht für die Behörden auch von den rund 400 Globalisierungsgegnern aus, die am Strand eine "Pirateninsel" errichtet haben. Die Aktivisten wollen mit Demonstrationen den Deichbau des sogenannten Mose-Projekts verhindern, das die Abschottung der Lagune bei starkem Hochwasser in der Adria ermöglichen soll. Die Störung der einen oder anderen Filmpremiere könnte da für zusätzliche Publicity sorgen.

"Casanova, der es ja liebte, wenn es hoch herging, hätte an diesen Festspielen seine Vorfreude gehabt", scherzte heute die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Tatsächlich ist der Trubel am Lido im vollen Gange. So kann Lasse Hallströms in Venedig gedrehter "Casanova"-Film nicht auf dem Campo San Polo gezeigt werden, weil der Disney-Konzern aus Angst vor Raubkopien und nicht genehmigter Vorberichten ein Veto einlegte. Die Venezianer, tief gekränkt, revanchierten sich und nahmen ihre Zusage für den Dogenpalast als Premierenort zurück. Jetzt wird der Film regulär in einem der Festspielkinos laufen.

Für Zwist sorgte auch der italienische Regisseur Tinto Brass, bekannt als Chefästhet des europäischen Soft-Pornos. Sein aktueller Film "Monamour" schaffte es nicht ins Programm des Festivals; Brass schimpfte, Müller sei ein "Höfling und Lakai".

Filmreife Auseinandersetzungen also, auf der Leinwand und am Lido selbst. Das neben Berlin und Cannes exklusivste Kinofestival Europas verspricht, ein Spektakel zu werden.



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