Festivalchef Thierry Frémaux Hinter den Kulissen von Cannes

Wer nach Cannes darf, entscheidet er: Als Festivalleiter ist Thierry Frémaux einer der mächtigsten Männer des Autorenkinos. Zur 70. Ausgabe hat er sein Tagebuch veröffentlicht und lässt sich ein wenig in die Karten gucken.
Schauspielerin Blake Lively und Festivalleiter Thierry Frémaux

Schauspielerin Blake Lively und Festivalleiter Thierry Frémaux

Foto: Ian Langsdon/ picture alliance / dpa

Mal eben von Paris nach New York und zurück am selben Tag, um mit Martin Scorsese zu schnacken. Mit dem Privatflugzeug eines Freundes vom abendlichen Fußballspiel an die Côte d'Azur gebracht werden. Ständige Reisen, Essen und Drinks mit den Bekannten, Einflussreichen, Schönen des Metiers - das ist das wohl Erwartbarste am Alltag von Thierry Frémaux, seit über 15 Jahren Leiter der Filmfestspiele von Cannes.

Rechtzeitig zu deren 70. Ausgabe, die kommenden Mittwoch beginnt, ist sein Tagebuch erschienen, das er von Mai 2015 bis Mai 2016 geführt hat, vom Ende eines Festivals zum Ende des nächsten - der Name: "Selection Officielle", Offizielle Auswahl.

Das 600-Seiten-Werk liest sich wie eine heitere Anekdotensammlung, mit vielen diskreten und einigen indiskreten Hinweisen darauf, wie er seiner Arbeit nachgeht. Mehr noch aber lässt sich darin das Psychogramm dieses Mannes erkennen, der alleine darüber entscheiden kann, wessen Filme in der "offiziellen Auswahl" des wichtigsten Festivals der Welt laufen und wer damit auf internationalen Ruhm hoffen kann. Im Autorenkino gibt es kaum jemanden, der mehr Einfluss hat als Frémaux.

Er feiert alles um ihn herum

Was macht es mit einem Menschen, wenn er von Macht, Geld und Stars umringt wird? Wer muss man sein, um das heil zu überstehen? Es gibt ein schön böses Wort im Französischen, um Leute zu bezeichnen, die sich lieber nicht festlegen oder denen alles gleich ist: Je-m'en-foutiste. Eine richtige Entsprechung gibt es im Deutschen nicht, Wörterbücher sprechen etwas ungelenk von Gleichgültigkeit oder Null-Bock-Haltung. Das einfache "Je m'en fout" (etwa: das geht mir am Arsch vorbei) ist jedoch ein gängiger Spruch, derbe, aber auch in zivilisierten Gespräche häufig gebraucht.

Kann Thierry Frémaux, der 56-Jährige, ein Je-m'en-foutiste sein? Man könnte ihn manchmal für einen halten. Nicht, weil es ihm an Leidenschaft fürs Kino mangelt - im Gegenteil: weil er so über Filme und Menschen schreibt, als würde ihm alles gefallen und als wäre er mit allen befreundet.

Vielleicht gerade weil jede Kritik an ihm abzuperlen scheint, ist Frémaux eine in Frankreich nicht unumstrittene Figur. Der Historiker, der seine gesamte Arbeitskarriere in der Kinemathek von Lyon gemacht hat, bevor er nach Cannes berufen wurde, ist ein Mann, der die Bühne gewohnt ist und mit einer Mischung aus unbändigem Selbstvertrauen und einer Prise Ironie vors Publikum tritt.

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Filmfestival: Das war Cannes 2016

Foto: YVES HERMAN/ REUTERS

"Es war nicht nichts, was mir Gilles [Jacob, ehemaliger Präsident des Festivals, Anm. d. R.] da anbot: im Zentrum der größten internationalen Kulturveranstaltung, des einzigartigsten Ereignisses der Welt zu sein. In dem Beruf, den man gewählt hat, den begehrtesten und prestigeträchtigsten Posten zu besetzen. Es war, wie Chef der Tour de France zu werden oder am Collège de France zu unterrichten: Welt-Botschafter des Kinos zu werden (doch, doch, darum handelt es sich)."

Das Selbstbewusstsein, mit dem er die Bedeutung von Cannes beschreibt, wirkt vielleicht etwas ungewohnt für Deutsche, die von Menschen in (hohen) Ämtern oft Bescheidenheit einfordern. Bei Frémaux klingt es allerdings selten überheblich, weil er mit einer schier unendlichen Großzügigkeit alles um ihn herum feiert.

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Fremaux, Thierry

FRE-SELECTION OFFICIELLE: Journal (Litterature Francaise)

Verlag: GRASSET
Seitenzahl: 624
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30.01.2023 06.34 Uhr

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Dass er jüngst ein Tagebuch gehalten hat, sollte nicht missverstanden werden: Frémaux ist kein Mann der Introspektion, sondern ein Macher. Er ist ständig unterwegs, ein Mann mit Mission, der die frühen Filme der Brüder Lumière, die Erfinder des Kinematografen, genauso leidenschaftlich einem Publikum anpreist wie einen neuen Animationsstreifen oder einen Actionfilm mit Hollywood-Stars. "Ohne Genre wäre das Weltkino um 80 Prozent seiner Substanz beraubt", schreibt er und bedauert, dass beim Festival nicht alle diese Wertschätzung teilen.

Frémaux ist seine sonderbare Nettigkeit selbst sehr bewusst. Er beschreibt sie als eine Entdeckung in seiner eigenen Biografie: Während er als junger Filmliebhaber mit einiger Arroganz glaubte, die wahre Filmliebe gehöre den Cinephilen, hat er in seinem Beruf schnell erkannt, dass die Leidenschaft fürs Kino bei Verkäufern, Produzenten und Filmemachern genauso groß ist. Das sorgt für eine Form von Respekt, die man nicht vortäuschen kann. Ein Respekt, der auch dann noch spürbar ist, wenn er doch einmal durchscheinen lässt, dass ihm der eine oder andere Film weniger gut gefällt oder er sich über Kritiker ärgert.

Wettbewerb der Komplimente

Es ist ein schmaler Grat, auf dem Frémaux wandelt, wenn er über Filme schreibt, die Cannes abgelehnt hat. Darunter einige, die in den vergangenen Jahren von vielen Beobachtern in der offiziellen Auswahl vermisst wurden: die "1001 Nacht"-Trilogie von Miguel Gomes, "Nocturama" von Bertrand Bonello oder den Berlinale-Wettbewerbsfilm von Lav Diaz, der zuerst Cannes vorlag.

Mit wenigen Filmen geht er so hart ins Gericht wie dem von Gomes: "'1001 Nacht' ist gescheitert, weil die Meinung einiger fieberhafter Laudatoren nicht die des Publikums ist, dessen Ansicht unmittelbar, kenntnisreich und ehrlich ist. Ein weiterer Beweis dafür, dass es eine andere Weise gibt, über Kino zu sprechen als jeden Mittwoch [dann starten in Frankreich die Filme] in einen Wettbewerb der Komplimente zu treten, wo die Adjektive regieren, die Verleiher anschließend auf Plakate drucken, wie Überzeugungen, die über die Ungewissheit der Zeit gelegt würden."

Frémaux mit Sean Penn beim Festival 2016

Frémaux mit Sean Penn beim Festival 2016

Foto: LOIC VENANCE/ AFP

Selten schreibt er direkt darüber, was er als Schwächen von Filmen versteht. Eigene Fehler gesteht Frémaux aber freimütig ein, den vermutlich größten des vergangenen Jahres leitet er früh ein. Viele haben sich 2016 gefragt: Wie konnte es bloß Sean Penns missglückter "The Last Face" (bis heute ohne Kinostart in Deutschland) in den Wettbewerb schaffen? Man hätte es sich vielleicht denken können, die Ehrlichkeit von Frémaux ist dennoch entwaffnend: Er hatte nur eine frühe Fassung des Films gesehen und schlicht darauf vertraut, dass Penn die Schwächen des Films noch würde korrigieren können.

Anstatt auf eine finale Fassung zu warten, lud er ihn ein und warf sich nach den katastrophalen Pressereaktionen dann doch selbst vor, ihn diesen ausgesetzt zu haben: "Ich kenne die Regeln von Cannes: Sean wird als Nichtsnutz behandelt werden. Ich fühle mich schuldig, weil er ein Freund ist, weil ich ihn hierher geführt habe. Man wird wohl damit leben müssen."

Front National auf dem roten Teppich?

Auf etlichen Seiten beschäftigt Frémaux die Situation der Filmkritik. Er will alles dafür tun, dass KritikerInnen wieder glücklich sind. Doch er stößt sich an ihren oft extremen Reaktionen: "Es ist wie in der Politik: Extreme setzen ihre Agenda. Am Ende scheitern diese Positionen, während das Volk, oder das Publikum, woanders hinguckt." Einmal denkt er darüber nach, was es bedeuten würde, wenn in Südfrankreich der rechtsextreme Front National an die regionale Macht käme und beschließt: Sie würden die Repräsentanten genauso wie alle anderen auf dem roten Teppich freundlich begrüßen. Mann der Mitte heißt in Cannes dann doch nicht, dass er etwas am Protokoll, der strikten Hierarchie oder dem Glamour des Festivals ändern würde.

Den perfekten Gewinnerfilm beschreibt er deshalb auch als eine Mischung aus großen Stars, Autorenhandschrift und Publikumserfolg. Da wundert dann wenig, dass er sich aus der Menge an eingereichten Filmen just abseitige Werke herausgreift, um dann doch etwas herablassend zu schreiben: "Viele Filme, die an die Tür der Auswahl klopfen, sind völlig unguckbar: unverständliche experimentelle Essays, in einer Küche eigenproduzierte Amateurfilme, wir werden nicht verschont." Professionell soll das Kino schon sein, das er zeigt. Nur, was heißt professionell?

Frémaux mag Bonmots und liefert mit ihnen immer wieder Argumente, warum er letztlich doch kein Je-m'en-foutiste ist. Ein schönes Zitat hat er von St. Augustinus: "Wer sich in seiner Leidenschaft verliert, verliert weniger, als der, der seine Leidenschaft verliert." Das klingt doch nach einem Programm für das Festival von Cannes.

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