Cannes-Tagebuch Zwischen großartig und Gurke

Buhrufe gabs für beide: Nicolas Winding Refns Topmodel-Schocker "The Neon Demon" spaltet das Cannes-Publikum. Sean Penns Afrika-Schnulze "The Last Face" ist für alle der Tiefpunkt des Wettbewerbs.

Szene aus "The Neon Demon"
Festival de Cannes

Szene aus "The Neon Demon"

Von , Cannes


"Wenn ihr euch nur zwei Stunden lang ins Kino setzt, um die Zeit rumzubringen, dann seid ihr hier falsch", sagte Nicolas Winding Refn am Freitag bei der Pressekonferenz zu seinem Cannes-Wettbewerbsfilm "The Neon Demon". Ob ihn die lautstarken Buhrufe und Missfallensbekundungen nach der Pressevorführung am Vorabend denn gar nicht geärgert hätten, hatte ein besonders ahnungsloser Journalist von dem dänischen Filmemacher wissen wollen. Das war natürlich eine Steilvorlage für den 45-Jährigen, mal wieder den Ober-Aufmischer des Autorenkinos zu geben. Offenbar hatte Winding Refn am Donnerstagabend die Mitternachtsvorführung von Jim Jarmuschs liebevoller Iggy-Pop-Doku "Gimme Danger" besucht, denn sichtlich enthusiasmiert vom Unmut der Kritiker bezeichnete er seinen Film als "Punkrock". Es wäre eine Niederlage gewesen, wenn er keine Reaktion provoziert hätte, sagte er. Denn darum ginge es schließlich in der Kunst.

Seit Winding Refn 2011 mit dem schön fotografierten L.A.-Noir-Thriller "Drive" sein umjubeltes Debüt an der Croisette gab und sich damit auch abseits des Festivalbetriebs ein Publikum erschloss, hat der Däne großen Spaß daran, dessen Erwartungen an einen weiteren, schön zugänglichen "Drive"-Nachfolger immer wieder zu unterlaufen - 2013 wurde seine bis zur Schmerzgrenze durchstilisierte Männerkörper-Demontage "Only God Forgives" in Cannes zerrissen.

Mit "The Neon Demon" nun kehrt Winding Refn zumindest zum Schauplatz L.A. zurück. Nach den soliden, aber wenig überraschenden Wettbewerbsfilmen der letzten Tage lastete die eine oder andere Hoffnung auf dem lüstern als Horrorschocker in der Model-Welt annoncierten Film. Und ja, vorm Wegdämmern bewahrte Winding Refn das Publikum schon: Während sich so mancher über einige mal wieder recht drastische Tableaus erregte - unter anderem gibt es lesbischen Sex mit einer Leiche, eine Lache aus Menstruationsblut und eine Kotz-Szene zu sehen, in der ein Augapfel die Hauptrolle spielt -, gaben sich andere betont gelangweilt von der Oberflächlichkeit und Aussagelosigkeit der schönen, diesmal von Nastash Braier fotografierten und lange ausgekosteten Bildkompositionen.

Aber womit soll ein Film über die oberflächlichste Stadt und die oberflächlichste Branche der Welt auch sonst hantieren, wenn nicht mit Schönheit und ihrer kunstvollen Brechung? Die Hauptrolle in "The Neon Demon" spielt die soeben 18 gewordene US-Schauspielerin Elle Fanning ("Super 8") als Dorfschönheit Jesse. Die 16-Jährige mit Unschuldsblick und Engelslocken kommt, wie so viele junge Mädchen, auf der Suche nach Ruhm nach Los Angeles, um Model zu werden. "She's got that... thing", beschreibt die Maskenbildnerin Ruby (Jena Malone) Jesses chirurgisch unverbaute Anmut, als sie die Novizin in L.A.s surreale Partywelt einführt. Rubys Freundinnen Sarah und Gigi, von den echten Models Abbey Lee und Bella Heatcote als anorektische Zombie-Barbies verkörpert, verzehren sich danach, so schön zu sein wie Jesse - im wahrsten Sinne des Wortes, wie sich später herausstellt.

"Beauty isn't everything, it's the only thing", entwirft ein Modeschöpfer in einer Szene das Credo dieser Welt, in der man mit 20 als Schrumpelgreisin gilt. Jesse, befallen vom "Neon Demon" sonnt sich in ihrer Rolle als Objekt der allgemeinen Begierde. "Ich will nicht wie die sein", erklärt sie ihrem skeptischen, alsbald kühl abservierten Lover Dean (Karl Gusman), "die wollen so sein wie ich!" Allzu eitle Hybris, die geradewegs ins Verderben führt - denn die Vampirfurie L.A. saugt den Wonneproppen so schnell aus wie sie ihn in ihre Fänge gelockt hat.

Man könnte "The Neon Demon" durchaus als Abschreckung nach jeder neuen Folge "Germany's Next Top Model" zeigen, aber Winding Refn ist kein Moralist, der Begrifflichkeiten wie Bodyshaming oder Sexismus diskursiv verarbeitet. Sein Film ist eine abgründige, letztlich undurchdringlich bleibende Meditation über Schönheit, die sich in ihrer traumwandlerischen Ästhetik bei Paul Schraders "Katzenmenschen" ebenso bedient wie bei "Black Swan" und "Mulholland Drive". Der allgegenwärtige Elektro-Soundtrack von Cliff Martinez verleiht der lethargischen, im letzten Akt sogar absurden Dramaturgie immer wieder pulsierende Spannungsmomente, Kameraüberblendungen und dunkel schimmernde Farben erinnern an die L.A.-Studien von Michael Mann. Keanu Reeves hat einen Kurzauftritt als übergriffiger Norman-Bates-Wiedergänger, wie ein Zuhälter leitet er das schäbige Motel in Pasadena, in dem Jesse auch dann noch wohnen bleibt, als sie schon lukrative Aufträge hat. Eine Fliegenfalle auf dem Weg ins Tal der Puppen. Originell ist das alles nicht sonderlich. Aber ziemlich sexy in seiner stilistischen Kompromisslosigkeit und Unverschämtheit.

Kein Zweifel bestand am Freitagmorgen daran, dass der diesjährige Cannes-Wettbewerb mit "The Last Face" seinen absoluten Tiefpunkt erreicht hat. Gleich nach der Pressevorführung am frühen Morgen hagelte es Häme auf Twitter. Kein Wunder, dass sich Hauptdarstellerin Charlize Theron nach diesem Mist von Regisseur Sean Penn getrennt habe, ätzte einer, und tatsächlich begann das unwillkürliche Kichern im Festivalpalast bereits beim Vorspann, als der Bürgerkrieg in Liberia und der andauernde, blutige Konflikt im Südsudan mit der "unmöglichen Liebe" zwischen "einem Mann... und einer Frau" gleichgesetzt wurde. Es folgten zwei schier unerträgliche Stunden, in denen Penn versucht, vor der Kulisse schockierender Gräuelbilder eine Liebesschnulze und einen Afrika-Aufrüttler zu erzählen. Kaum erstaunlich: Keines von beiden funktioniert.

Szene aus "The Last Face"
Festival de Cannes

Szene aus "The Last Face"

Die Schauspielerqualitäten Sean Penns stehen ebenso wenig infrage wie sein politisches und humanitäres Engagement an Krisenherden überall auf der Welt. Als Regisseur jedoch hat der 55-Jährige nicht immer ein sicheres Händchen, seine Arbeit schwankt zwischen großartig ("Into The Wild") und Gurke ("The Pledge"). Statt fast schon stümperhaft Filme wie "The Last Face" zu drehen, könnte er lieber eine ungleich packendere Rede vor der Uno-Vollversammlung halten.

Denn das Anliegen seines Films, dem Penn hier keinen Gefallen tut, ist wichtig und richtig: Die Gewaltexzesse auf dem afrikanischen Kontinent geraten immer wieder aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit, es obliegt engagierten Alltagshelden von "Ärzte ohne Grenzen" und anderen Organisationen, das Leid zumindest punktuell zu lindern. Eine Sisyphos-Arbeit, wie sie der spanische Arzt Miguel Leon (Javier Bardem) scheinbar unermüdlich verrichtet. Man kann sich gut vorstellen, dass sich Penn auch als ein solcher Kerl sieht: bullig und strubbelig, aber mit großem Herz bei der Sache.

Auf ihn trifft, in den Wirren des liberianischen Gemetzels, die nach Lebenssinn suchende Südafrikanerin Wren Petersen (Theron), deren verstorbener Übervater eine Ikone der humanitären Rettungsarbeit war. Miguel ist nicht nur die perfekte Projektionsfläche für ihre daddy issues: Bevor sie ihn traf, erzählt sie einmal aus dem Off, sei sie nur eine "Idee ihrer selbst" gewesen, "ich existierte nicht wirklich".

Während die Dialoge von Drehbuchautor Erin Dignam über dieses schockierend niedrige Niveau nicht hinauskommen, stellt Wren fest, dass sie nervlich nicht für den zerrüttenden Einsatz am sterbenden Menschen geschaffen ist. Anders als Miguel sieht sie keinen Sinn darin, Wunden zu verbinden, wenn am Ende doch alle tot sind. Nach einem Zwischenfall mit mörderischen Rebellen lässt sie Miguel zurück, um als Afrika-Offizierin im Uno-Hilfscorps an größeren Rädern zu drehen. Bei einem Benefiz-Dinner in der Schweiz beschwört sie die Wichtigkeit und Relevanz der Träume von Flüchtlingen auf der ganzen Welt. Sie seien doch genau wie wir.

Ach ja? Schamlos lässt Penn immer wieder großäugige Kindergesichter auf der Leinwand stehen, anders als zuletzt bei "Beasts Of No Nation" dürfen die Afrikaner aber keine andere Rolle spielen als die des hilflosen Schlachtviehs, dem von edlen weißen Westlern aus der Schlamassel geholfen werden muss. Erstklassige Darsteller wie Jared Harris oder Adele Exarchopoulos werden zu Stichwortgebern degradiert, der arme Jean Reno, im Flüchtlingscamp "Doctor Love" genannt, muss die dümmlichste Zeile des ganzen Films aufsagen, als er Miguel und Wren bei ihren Annäherungsversuchen beobachtet: "That's not grabbing, that's love!".

Das alles wäre schon ärgerlich genug. Dann werden die Weißen aber auch noch ständig in Weichzeichner-Optik beim Zärteln und Zweifeln gezeigt: Ebenso nah wie an seine Mitleidsobjekte zoomt die Kamera auch immer wieder an Bardem und Theron heran, während elegischer Ethno-Soundtrack jegliche Ansätze von Relevanz und Ernsthaftigkeit mit "Jenseits von Afrika"-Kitsch einseift. Ein Elendsporno im Softcore-Modus.

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Karbonator 20.05.2016
1.
"The Pledge" ist keine Gurke - nicht unbedingt wegen Sean Penn's Regiekunst, aber auf jeden Fall wegen der Schauspieler, allen voran Jack Nicholson. Sein neuer Film hingegen klingt wirklich grottig.
Mario Monaro 20.05.2016
2. The Pledge war keine Gurke...
Sowohl Drehbuch, als auch Regie haben aus dem Dürrenmatt-Stoff herausgeholt was drin war. Die Top-Schauspielerleistungen allein heben den Film über den Mainstream hinaus.
thomasmann 21.05.2016
3. Wen das Thema interessiert....
Man braucht nur Penns Interview mit El Chapo nachzulesen um zu wissen, dass er nicht zu den Geistesgrössen der Welt gehört und beschränkt sich dann auf seine schauspielerischen Leistungen. Aber wen das Thema interessiert für den gibts einen brilliant, intelligenten Film. A Perfect Day
Das Grauen 21.05.2016
4. Das ist ein Flop, aber unsere Medien Top?
Da wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen. Die Berichterstattung über Flüchtlinge kann noch so dümmlich einseitig, schönfärberisch und weltfremd sein, Kritik wird nicht geäußert. Aber wenn Sean Penn mit den gleichen Mitteln einen Kinofilm macht, wird das Werk in der Luft zerrrissen? Ja, was denn nun? Weniger Häme über den gutgemeinten Versuch, echtes menschliches Leid zum Thema zu machen, und mehr Kritik an dreisten Verzerrungen der Flüchtlingswirklichkeit in den Medien wäre wünschenswert. Wo bleibt die Selbstkritik der Journalisten? Ist radikales Gutmenschentum nur peinlich, wenn es von Sean Penn ausgeht?
Das Grauen 21.05.2016
5. @thomasmann: Penn ist auch nicht dümmer als die Medien.
Zitat von thomasmannMan braucht nur Penns Interview mit El Chapo nachzulesen um zu wissen, dass er nicht zu den Geistesgrössen der Welt gehört und beschränkt sich dann auf seine schauspielerischen Leistungen. Aber wen das Thema interessiert für den gibts einen brilliant, intelligenten Film. A Perfect Day
Die meisten Journalisten sind auch keine Genies und bringen ziemlich peinliche Fehlleistungen zustande. Aber da wird dann nicht so brutal abgeurteilt, darüber wird meist stillschweigend hinweggegangen. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Sean Penn's Film mag ein Flop sein, aber das gilt auch für viele Beiträge der Medien. Journalisten sollten mal die gleichen Maßstäbe auf die eigene Zunft anwenden, um auch dort das Niveau zu verbessern!
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