Neuer Film von Paul Verhoeven in Cannes Es ist die Pest

Corona bleibt Dauerthema beim Filmfestival in Cannes – auch deshalb schockt eine Seuchen-Schmonzette von Paul Verhoeven. Gelungener, wenn auch nicht genial: Wes Andersons neuer Film »The French Dispatch«.
Aus Cannes berichtet Hannah Pilarczyk
Nonne Benedetta: Wer die Pandemie ernst nimmt, kann sich in diesen Tagen in Cannes ähnlich bedrängt fühlen

Nonne Benedetta: Wer die Pandemie ernst nimmt, kann sich in diesen Tagen in Cannes ähnlich bedrängt fühlen

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Cannes Film Festival

Er hatte alles aufgefahren: Lesbische Nonnen, Jesus-Erscheinungen und eine kleine, hölzerne Marienstatue, die mit ein paar Schnitzereien zum Dildo umfunktioniert wird. Paul Verhoevens Historienfarce »Benedetta« sollte der fröhlich-verderbte Skandalfilm von Cannes werden. Stattdessen hat er unfreiwillig den Horror der diesjährigen Filmfestspiele eingefangen.

Verhoevens Titelfigur, der historisch verbürgten Nonne Benedetta Carlini, liegt nämlich nicht nur die Befriedigung irdischer Gelüste am Herzen. Sie will auch das italienische Städtchen Pescia, in dem ihr Konvent liegt, vor der Pest beschützen. Die Tore müssen geschlossen bleiben, niemand darf rein, lauten ihre seherischen Anweisungen. Doch die Granden aus Florenz, die in Pescia nach Zucht und Ordnung sehen wollen, setzen sich über sie hinweg – und bringen den schwarzen Tod in die Stadt.

Wer die Pandemie ernst nimmt, kann sich in diesen Tagen in Cannes ähnlich bedrängt fühlen wie die Bürgerinnen und Bürger von Pescia. Nur gibt es an der Croisette niemanden, der so beherzt für den Schutz aller eintritt wie Benedetta. Die Festivalleitung lebt film business as usual vor und bekommt dafür Schützenhilfe von Präsident Macron. Am Montagabend verkündete er, dass nun auch für den Kinobesuch ein negativer PCR-Test, vollständiger Impfschutz oder Genesung von einer Covid-Infektion nachgewiesen werden müsse. Beginn der Maßnahmen allerdings: erst nach Ende des Festivals.

Nur raus aus dieser Welt

Schulter an Schulter mit Kollegen, die ihre Masken unter der Nase tragen oder sie ganz abnehmen, sobald sie an der Ticketkontrolle vorbei sind und Platz nehmen, bleibt Corona Dauerthema, egal, wie sehr sich das Geschehen auf der Leinwand bemüht, in eine andere Welt zu entführen. Und bemühen tut sich der diesjährige Cannes-Jahrgang unbedingt. Die wenigsten Filme spielen in einer erkennbaren Gegenwart, neben Catherine Corsini hält noch am ehesten Joachim Triers Lifestyle-Liebeskomödie »The Worst Person in the World« über eine Millennial-Frau, die mit ihrer Unentschiedenheit einem bindungswilligen Mittvierziger das Herz bricht, eine aktuelle Gefühls- und Warenwelt fest.

Renate Reinsve und Anders Danielsen Lie in »The Worst Person in the World«

Renate Reinsve und Anders Danielsen Lie in »The Worst Person in the World«

Foto: Cannes Film Festival

Erwartbar weltflüchtig geht es dagegen bei Wes Anderson zu. Dessen Episodenspektakel »The French Dispatch« war schon für Cannes 2020 angesetzt, nun wird es wie einige andere Filme auch mit einem Jahr Verspätung gezeigt. Der Titel bezieht sich auf ein fiktionales Magazin, in dem amerikanische Expats aus einem fiktionalen französischen Städten namens Ennui-sur-Blasé für ein amerikanisches Publikum berichten.

Bei aller Meta-Verschrobenheit hat »The French Dispatch« ein reales Vorbild, nämlich den opulenten Magazinjournalismus des »New Yorker«. Wie dessen große Lesestücke inszeniert Anderson auch die drei Episoden seines Films: ausholend und wortreich. In der ersten Episode steht ein genialer Künstler mit kriminellen Tendenzen im Mittelpunkt, in der zweiten die Studentenbewegung von 1968, den Abschluss bildet das Porträt eines Starkochs.

Szene aus »The French Dispatch«: Es gibt so viel zu hören und zu sehen

Szene aus »The French Dispatch«: Es gibt so viel zu hören und zu sehen

Foto: Disney

Unschwer kann man darin Klischees der französischen Kultur erkennen. Statt sie zu verdoppeln, verfälscht sie Anderson jedoch gekonnt: Wie beim Stille-Post-Spielen verändert sich bei ihm die Geschichte durch das mehrfach gebrochene Erzählen und hat am Ende unterhaltsam wenig mit dem ursprünglich Gesagten zu tun. So wird der Mai 1968, der wohl prägendste Monat in der französischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, im »French Dispatch« zum Beispiel zum März 1968 – und dies bleibt auch unkorrigiert.

Unbebildert, vollgetextet

Diese neue, buchstäblich textgebundene Erzähllust macht großen Spaß, erschöpft aber gleichzeitig in Verbindung mit den üblichen detailversessenen Bildern von Anderson. Es gibt so viel zu hören und zu sehen in »The French Dispatch«, von den vielen Kurzauftritten von Stars wie Edward Norton, Tilda Swinton, Bill Murray und Léa Seydoux ganz zu schweigen, dass einem leicht schwindelig werden kann. Danach erst mal einen Taubenauflauf, wie ihn Andersons Starkoch Nescaffier auffährt. (Ja, auch jede Menge Wortwitze werden dazu serviert.) Und dann viel Rosé.

Mit seiner Entscheidung, nicht die Bilder sprechen zu lassen, sondern sehr viele Worte zu verlieren, ist Anderson bei aller Idiosynkrasie nicht allein. Der Cannes-Wettbewerb textet sein Publikum in diesem Jahr unnachgiebig zu. Drei Stunden lang erzählen sich die Figuren in »Drive My Car« des Japaners Ryusuke Hamaguchi wechselseitig ihre Lebensgeschichten. Per Voiceover kleistert Sean Penn sein ohnehin pathetisch-verhobenes Vater-Tochter-Drama »Flag Day« noch mehr zu. Und als wäre der Titel seines Films nicht schon genug, stellt auch Joachim Trier per Erzählerin noch mal klar, was man von seiner Hauptfigur, der wankelmütigen Julie, zu halten hat.

Auf die großen Bilder, die von Cannes aus ihre Strahlkraft nur noch steigern, lässt das Festival also warten. Hoffentlich sind es nicht die dicht gedrängten Schlangen und die unmaskierten Gesichter, die sich am Ende am nachdrücklichsten einbrennen werden.