Ein Vierteljahr im Kino Besonders wertlos

Die Koalition will in die Vielfalt der Kinolandschaft investieren. Ein Fest für die Branche? Keinesfalls. Die Kinolobby macht sich lächerlich mit Forderungen, in deren Folge selbst Netflix Förderung beanspruchen könnte.
Netflix-Serie "Haus des Geldes"

Netflix-Serie "Haus des Geldes"

Foto: Netflix

Ist die Kinobranche genauso rückwärtsgewandt wie Horst Seehofer? Den einzelnen Betreibern von Lichtspielhäusern, oft links, oft sozial engagiert, tut man mit einem solchen Vorwurf sicher unrecht. Und doch wählen sie sich ihre Verbandschefs so, dass sie den Vergleich provozieren.

Während einer Lobbyveranstaltung der Kinowirtschaft im Berliner Zoopalast Mitte September brachte nicht etwa eine Politikerin der Linken oder der Grünen den Vergleich mit Rechtsaußen vor, sondern Elisabeth Motschmann, CDU-Abgeordnete aus Bremen, Jahrgang 1952.

Nachdem sie sich die lange Werbeveranstaltung angehört hatte, brach es aus Motschmann heraus: Sie hätte sich nicht träumen lassen, drei Stunden über die Zukunft des Kinos zu hören, ohne dass eine Frau etwas dazu zu sagen habe. Zu den beiden Veranstaltern sagte sie schließlich knapp, sie seien ja genauso schlimm wie Seehofer.

Screenshot von der Homepage des Bundesinnenministeriums

Screenshot von der Homepage des Bundesinnenministeriums

Foto: BMI

Motschmann mag dabei nur an das Bild seiner rein männlichen Staatssekretärsriege gedacht haben. Doch sie trifft mit ihrer Kritik etwas, das weit darüber hinaus reicht. Ein angeblich repräsentatives Panel zu Zukunftsfragen ausschließlich mit Männern zu besetzen, ist nur ein erster Anhaltspunkt für den reaktionären Horizont der Kinowirtschaft.

Als Motschmann die beiden Verantwortlichen des Abends konfrontierte, durfte die unabhängige Presse nicht dabei sein. Alfred Holighaus, Präsident des Dachverbands SPIO, und Thomas Negele, Vorstandschef des Hauptverbands Deutscher Filmtheater, hatten sich die Anwesenheit von Journalisten, die möglicherweise kritisch berichten würden, verbeten. Verständlich angesichts des harten Tobaks, der dort vielen Augenzeugen zufolge aufgetischt wurde!

Bloß keine Konkurrenz!

"Einen Film anzuschauen ist Bildung," ließ etwa ein Ratzeburger Kinobetreiber verlauten. Der Pädagogik-Hammer, er scheint immer zum Greifen nah in Deutschland, als könne man Kultur nicht anders legitimieren. Das Absurde: Dem Kinobetreiber liegt nichts daran, die Latte etwas höher zu hängen. Ein Blick ins Programm seines Kinos genügt: "Mamma mia 2", "Equalizer 2", "The Nun", "Klassentreffen 1.0" und "Das Haus der geheimnisvollen Uhren".

Wenn Kinobetreiber dieser Tage wieder vermehrt von "Bildung" sprechen, dann ist das Teil einer perfiden Kampagne der Gleichmacherei. Seitdem es den Kino-Lobbyisten im Frühjahr gelungen ist, der Bundesregierung das Versprechen abzuringen, Kinos in Deutschland mit einem "Zukunftsfonds" strukturelle Hilfe zu leisten, wollen sie die guten Vorsätze der Koalition umdeuten.

Die hat sich nämlich darauf verständigt, ein neues Förderprogramm aufzusetzen, um kulturell anspruchsvolle Filme in der Fläche, also außerhalb der Ballungsgebiete, zu unterstützen - damit es vielfältiges, aber gerade nicht beliebiges Kino überall in Deutschland in Reichweite gibt. Als Fördersumme sind 30 bis 40 Millionen Euro jährlich im Gespräch.

Ein schönes Ziel, das Holighaus, Negele und co. unbedingt verhindern wollen, denn es würde die Multiplexe und Ketten, also diejenigen, die viel Geld umsetzen und entsprechend den Lobbyisten erst ihre Arbeit ermöglichen, außen vor lassen. Schlimmer noch: Es würde die Konkurrenz der Ketten, nämlich die engagierten Programmkinos stärken. Damit das nicht passiert, fallen an dem Abend Sätze wie: "Kultur darf Spaß bringen, Bildung darf Spaß bringen!"

Gewerbe, Gewerbe, Gewerbe

Tatsächlich sind schon die grundlegenden Annahmen falsch: Weder muss Kultur immer Spaß machen, noch braucht Kino das Deckmäntelchen der Bildung. Meist bildet doch just das, was es gar nicht darauf abgesehen hat. Mal macht es Spaß, mal nicht, jagt stattdessen Angst ein, provoziert Sorgen, schüttelt einen durch.

Doch in Deutschland gibt es Kultur nicht ohne Pädagogik und Kino nicht ohne Verweis auf seine gewerbliche Natur. Die Arbeitsgemeinschaft Kino (kurz: AG Kino), die vorgibt, Programmkinos zu vertreten, wird nicht müde, das bei jeder Gelegenheit zu betonen, wie zuletzt bei der Filmkunstmesse Leipzig. Gewerbe, Gewerbe, Gewerbe.

Die dort von ihr vorgelegte, jährlich erstellte Liste der Arthouse-Hits, belegt das: 2017 führt sie mit großem Abstand das RomCom-Musical "La La Land" an. Merkwürdig, dass das zum Arthouse zählt? Nicht wenn man weiß, dass es nur dieses eine tautologische Prinzip gibt: Arthouse ist, was sich selbst Arthouse nennt.

Arthouse-Hit "La La Land" mit Ryan Gosling und Emma Stone

Arthouse-Hit "La La Land" mit Ryan Gosling und Emma Stone

Foto: Studiocanal

In Frankreich gelten strenge Kriterien, um Kinos für ihr Programm gleichzeitig auszuzeichnen und zu fördern, vom Staat festgelegt, von Experten überprüft, und eine Liste der Filme, deren Einsatz mit einem Geldbonus einhergeht, mit bis zu 2,5 € pro verkauftem Ticket. Das Label dafür heißt "art et essai", also etwa "Kunst und Labor". Ein Viertel der Titel stammt aus der Filmgeschichte, und die meiste Förderung gibt es für die, die sich der filmischen "Forschung und Entdeckung" verschreiben, darunter Künstler wie Wang Bing, Hong Sang-soo und Jean-Luc Godard, deren Filme in Deutschland in der Regel gar nicht erst ins Kino kommen.

Liest man demgegenüber die Liste der Arthouse-Hits 2017 (neben "La La Land" gehören dazu "Jugend ohne Gott", "Grießnockerlaffäre" und "Trainspotting 2"), muss man sich ernsthaft fragen: Macht diese deutsche Liste, macht der Begriff Arthouse überhaupt irgendeinen Sinn? Und: Soll man dieses austauschbare, nach unten nivellierte Programm auch noch fördern?

"Eine wunderbare Liebesgeschichte"

Schlimmer wird es, wenn man auf das einzige Label guckt, das es in diesem Sinn tatsächlich in Deutschland gibt - und das sich absurderweise bis heute auf die Förderung auswirkt: die Prädikate der Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW). "Besonders wertvoll" ist schon so sehr zu einer Anti-Empfehlung geworden, dass sich ein kleines Festival in Abgrenzung dazu benannt hat, das sehr sympathische "Besonders Wertlos" in Köln. Absurd ist die Förderung vor allem, weil die FBW für die Bewertung bezahlt wird - von den Filmverleihern, die die Prädikate beantragen.

Die Ergebnisse sind ähnlich tautologisch wie beim Arthouse: Wertvoll ist, was wertvoll sein will. Für Amüsement sorgen immerhin die hanebüchenen Jury-Begründungen, wie zuletzt die für "Werk ohne Autor" von Henckel von Donnersmarck, deren Sätze in keinem Zusammenhang mit dem Film zu stehen scheinen: "Es ist eine wunderbare Liebesgeschichte. Es ist die Geschichte von Freundschaft. Es ist der Glaube an die Wahrheit und an sich selbst."

Vielleicht sollte man einfach die Einlassungen der Kinobranche selbst als Werke verstehen? Passend dazu Holighaus: "Das Kino ist der Ort, an dem Menschen unerwartete Erfahrungen machen und damit soziale Kompetenzen erlangen. Jedes Kino übrigens. Und deshalb ist auch jedes Kino ein Kulturort." Das ist Augenwischerei und sich als großzügig ausgebende Politik, die nur in die eigene Tasche wirtschaftet. So etwas aber mit ernster Miene vorzutragen, verdient den größten Respekt.

Was der Dachverband SPIO da für eine Politik durchdrücken will, ist eine Farce. Schließlich könnte man mit solchen Begründungen genauso gut eine staatliche Förderung für Netflix fordern, immerhin dürfte der Streamingkonzern schon rein statistisch öfter dafür sorgen, dass Zuschauer "unerwartete Erfahrungen machen". Und wenn gleichzeitig die Spielfilmchefin vom ZDF Simone Emmelius sich damit brüstet , "Bridget Jones", " Jason Bourne" und "Heidi" im Hauptprogramm zu zeigen, warum nicht auch noch fürs Privatfernsehen Förderung vorsehen?

Es ist letztlich ganz einfach: Wer Kinos fördern will, muss möglichst flexibel und genau schauen, wer da mit welchen Mitteln und welchen Zielen was zeigt. Denn es gibt sie, die Kinos, die es darauf anlegen, ein anderes Erlebnis zu bieten, ein Korrektiv zum Markt zu sein, die ein Konzept haben. Vielleicht fängt man da am besten bei den Kinematheken und Kommunalen Kinos an, damit auch die mehr Spaß und Bildung bringen - oder auch mal nicht.

Zum Autor
Foto: privat

Frédéric Jaeger ist Vorstandsmitglied im Verband der deutschen Filmkritik und Chefredakteur von critic.de . Als freier Autor schreibt er unter anderem für SPIEGEL ONLINE. 2015 hat er die parallel zur Berlinale stattfindende Woche der Kritik  mitgegründet und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein Jahr lang zu Filmpolitik gearbeitet. An dieser Stelle hält er vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche .

Anm. d. Redaktion: Eine Formulierung zur Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) wurde präzisiert, um klarzustellen, dass nicht die Prädikate direkt von Filmverleihern bezahlt werden, sondern nur indirekt über die Bezahlung der Prüfgebühren.