Filmkritik "Donnie Brasco"

Einmal Mafia, immer Mafia, doch diesmal ganz ohne Pomp und Glamour - von Mike Newell mit Al Pacino und Johnny Depp.






Es muß, Fotos zeigen es, ein glorioses Veteranentreffen gewesen sein: Mit einer Star-Gala wurde vor ein paar Wochen in San Francisco der 25. Jahrestag der Uraufführung von "Der Pate" gefeiert, und im Zentrum des Jubels standen (da sich, wie zu erwarten, Marlon Brando nicht blicken ließ) naturgemäß die beiden jungen Wilden, die damals - vom Branchen-Establishment höchst mißtrauisch beäugt - den Film über die

Runden gepowert hatten: Francis Ford Coppola und Al Pacino. Der dubiose "Pate" wurde dann, wie sich erwies, zum ersten Film in der US-Kinogeschichte, der in seiner Startsaison über hundert Millionen Dollar einspielte: So katapultierte er Coppola wie Pacino in den Zenith. Angeblich waren sogar Mafiosi vom "Paten" so begeistert, daß sie sich die feierlichen Begrüßungsrituale aneigneten, die Coppola einfach erfunden hatte, weil er nie einen Oberklassen-Gangster kennengelernt hatte.

Einmal Mafia, immer Mafia. Coppola hat, da dem Bann seines frühen Meisterwerks anders nicht zu entrinnen war, im Lauf der Jahre den "Paten" zu einer Trilogie gerundet, natürlich zusammen mit Pacino, und der ist auch ansonsten seinem Ruf als Star-Mobster immer wieder gerecht geworden. Nun spielt, pünktlich zum US-Revival des "Paten", dem er mit der Herrschaftspose der weit ausgebreiteten Arme seine singuläre Grandezza gab, Al Pacino noch einmal einen Mafioso, als sollte dann ein für allemal Schluß sein: Er spielt den letzten armen Hund der "Familie", Benjamin Ruggiero alias Lefty Two Guns, der grau und mit hängenden Schultern durchs Leben schlurft.

Coppola hat sich mit der romanhaften Opulenz seiner Großunternehmer-Saga zum Chronisten der Mafia-Fürstenhäuser gemacht; Martin Scorsese, Aufsteiger aus den "Mean Streets", ist durch "GoodFellas" und "Casino" (beides nach Tatsachenberichten) zum messerscharfen Porträtisten des höheren Managements der Firma geworden, die sich gern als "Familie" aufspielt; mit Mike Newells "Donnie Brasco" jedoch (ebenfalls nach einem Tatsachenbericht) ist nun das Mafia-Kino am glanzlosen untersten Ende der Hackordnung angekommen. Da erscheint die "Ehrenwerte Gesellschaft" als eine Schutzgemeinschaft talentloser Kleinganoven, die in einer Eckkneipe in Brooklyn herumhängen, ihren Chef (wie jedermann) für ein Arschloch halten, aber (wie jedermann) doch vor ihm kuschen und sich, wenn ihr Mitgliedsbeitrag fällig wird, nicht zu schade sind, Parkuhren zu knacken oder geklaute Tickets für ein Popkonzert zu verscherbeln: Kroppzeug in jedem Sinn.

Daß der Brite Mike Newell, 54, dieses erzamerikanische Kinostück zustande gebracht hat, ist verblüffend: Er hat, ein zäher Kerl offenbar, schon etliche Niederlagen (auch zwei Flops in Hollywood) überlebt, bevor er mit "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" den Super-Glückstreffer landete. Daß er sich danach unter vielen Offerten für "Donnie Brasco" entschied, spricht für seine Risikolust, und die hat sich gelohnt: Newell überzeugt als genauer und wirkungssicherer Schauspieler-Regisseur.

Lefty Two Guns hat vermutlich sein Leben lang brav erledigt, was anlag, 26 Morde, ohne daß es zu Reklamationen kam (unter den Opfern wird kaum ein honoriger Steuerzahler gewesen sein), und wurde dennoch bei jeder Beförderung übergangen. Inzwischen sitzt er am liebsten im Jogginganzug mit einem Teller Pasta vor der Mattscheibe und sieht sich Tierfilme an; sein erwachsener Sohn ist ein drogensüchtiger Taugenichts; und wenn er noch Träume hat, dann von einem eigenen Boot, um zum Angeln zu fahren. Ein ganz kleiner Angestellter alles in allem mit ganz kleinen Angestelltenträumen: Was hat die Mafia je für ihn getan? Und dennoch sagt er: "Die Familie bedeutet mir mehr als meine eigene Familie."

Al Pacino, der sonst immer allseits bewunderte Hochspannung- und Schnellfeuer-Schauspieler, läßt dieses ein wenig schläfrig gewordene Reptil Lefty wunderbar zeitlupenhaft - immer zögernd, mißtrauisch, umständlich - aufleben und dem Zuschauer ans Herz wachsen. Und dann plötzlich tut sich was, plötzlich ist nämlich eine neue Visage in der Familien-Kneipe aufgetaucht, ein schlauer junger Juwelenschieber aus Florida, wie man hört, und in dessen treuherzigem Strahlen liest Lefty eine Verheißung - sei es der Abglanz der eigenen Jugend oder der Wunsch-Sohn statt des Kümmerlings, der zu Hause hockt, oder die reine Idee, noch einmal eine Zukunft zu haben ... Das ist Donnie Brasco.

Jedermann weiß, daß die unendliche Geschichte der Mafia eine unendliche Geschichte von gegenseitigem Betrug ist, von Hinterlist, Verrat und Brudermord. Auch Lefty muß es wissen, und weil er dennoch nicht wahrhaben will, daß schon im allerersten Blickwechsel mit Donnie der Verrat lauerte und fortan jede herzliche Geste ihre Kehrseite von Niedertracht hatte, wird aus der Geschichte ihrer Freundschaft alles an Glück und an Verzweiflung, was das Leben für ihn übrig hat: Die Illusion, noch eine Zukunft zu haben, erweist sich als tödlich. Donnie Brasco ist Johnny Depp, und dieser sanfteste, gewinnendste Sonnyboy, der sich denken läßt, bringt diesmal mit erstaunlicher Strenge, Kälte, Disziplin all seinen Charme hinter einer Maske von Abwehr zum Verschwinden. So behauptet er sich auf Pacinos Höhe, und ihre schauspielerische Konfrontation, immer Auge in Auge, hält die Film-Spannung bis zuletzt: Während Pacinos Tränensäcke allein ganze

Geschichten erzählen, strahlt Depps Jungengesicht in purer Unergründlichkeit. Er mag sich diesmal noch so italienisch gebärden, er ist doch, wie er als kleiner Junge gern behauptet hat, ein Indianer.

Urs Jenny

Foto: Constantin Film



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