Filmkritik "Wer mich liebt, nimmt den Zug" - Serie von Mikrodramen

Das lange Geleit für einen toten Maler artet zu nervösem Familienstreit aus.


Ein letzter Satz, schon vom Totenbett aus gesprochen und fast so geheimnisvoll wie das ganze Leben von Jean-Baptiste, dem Maler: "Wer mich liebt, nimmt den Zug". Der eigensinnige alte Mann (Jean-Louis Trintignant), den man in kurzen Rückblenden immer wieder stumm in seinem Atelier sitzen sieht, stirbt zwar in Paris, läßt sich aber im südfranzösischen Limoges begraben und zwingt seinen ganzen Hofstaat, ihm hinterherzureisen.

Während sein Sarg die Strecke im Fond eines Kombis zurücklegt, fahren die Begräbnisgäste - mit gelegentlichen Aussichten auf den Leichentransport - parallel dazu im Zug und verstricken sich schon unterwegs in die ersten Auseinandersetzungen: Ein schwules Paar (Pascal Greggory und Bruno Todeschini) entzweit sich über einem schönen, aidsinfizierten Jüngling (Sylvain Jacques). Eine junge Frau (Valeria Bruni-Tedeschi) traut sich nicht, ihrem Mann (Roschdy Zem) von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Ohne die ordnende Hand des Meisters - und Tyrannen - spielen sie alle verrückt: die Freunde und die Freundinnen, die Verwandten und die Liebhaber (Jean-Baptiste hatte Faible für beide Geschlechter).

"Wer mich liebt, nimmt den Zug" ist eine Abfolge von Mikrodramen, gefilmt mit der gleichen Nervosität, die auch die Figuren beherrscht. Eric Gautier folgt ihren Launen über weite Strecken mit der Handkamera, und der Regisseur Patrice Chéreau stachelt sie an, sich auch ordentlich zu verausgaben. "Ich weiß jetzt, was mir das Kino bringt, und was ich nur im Kino finden kann", sagt der Theatermacher Chéreau. Und, daß Kino und Theater durchaus miteinander zu vereinbaren seien. - Da denkt man gerne an "Citizen Kane", in dessen Credits die wunderbare Feststellung erscheint: Mit Schauspielern des Mercury Theaters gedreht."



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