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"Wir sind die Flut": Verschwunden mit dem Wasser

Foto: Derzian Pictures

Ebbedrama "Wir sind die Flut" Grenzenloses Grau

Seit 1994 ist in Windholm Ebbe. Mit dem Wasser sind auch die Kinder des Dorfes verschwunden. Der Regie-Debütant Sebastian Hilger spinnt darum ein Drama, das die Vorstellung von Nähe und Distanz neu auslotet.

Auch der Stillstand ist im Kino Bewegung. Dass in Windholm, einem fiktiven Dorf an der deutschen Nordsee, die Zeit stehen geblieben ist, kann man an den schwerfälligen Bewegungen seiner Bewohner ablesen. An den Haaren, die nicht mehr gewaschen zu werden scheinen und die sie sich aus dem Gesicht wischen. An den Gebäudefassaden, von denen mit der Zeit der Putz bröselte.

Seit einem Tag im April 1994 folgt dort auf die Ebbe keine Flut mehr. Hinter dem Dorf weitet sich das Watt unter trübem Himmel bis an den Horizont; keine definierte Linie, eher eine nebulöse Übergangszone vom einen Grau ins andere. Vor über zwanzig Jahren verschwanden mit der Flut mysteriöserweise auch die Kinder des Ortes. Mittlerweile hat sich der einstige Horror dieser Gravitationsanomalie zur nüchtern-akademischen Rechengrübelei entschärft.

An der Humboldt-Universität Berlin gibt es ein Forschungskolleg, das sich mit der rätselhaften Abweichung beschäftigt, auch wenn dort im Grunde nicht gearbeitet zu werden scheint. Nur Micha (Max Mauff), ein Doktorand des Forschungsbereichs, will dem Ganzen noch auf die Spur kommen. Sein Ansatz ist ein methodischer Zweifel an der Naturgesetzlichkeit naturgesetzlicher Konstanten. Also genau das, was man revolutionär nennen kann und womit die bequeme Professorenelite in Ruhe gelassen werden will.

"Wir sind die Flut" - ein Titel, der einen programmatischen Sound bekommt, wenn man bedenkt, dass es sich hier um den Diplomfilm von insgesamt sieben Filmstudenten handelt - feierte in der diesjährigen Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino Premiere. In diese Programmschiene passt er aus demselben Grund hinein, aus dem er auch aus ihr heraussticht. Es gibt im jungen deutschen Kino nämlich eine erkennbare Tendenz zur Paraphrase. Quentin Tarantino ist einer dieser Regisseure, dessen Stilistik gerne blaugepaust wird, die Autoren der Berliner Schule sind andere.

"Wir sind die Flut"

Deutschland 2016

Regie: Sebastian Hilger

Drehbuch: Nadine Gottmann

Darsteller: Max Mauff, Lana Cooper, Gro Swantje Kohlhof, Max Herbrechter, Hildegard Schroedter, Roland Koch

Verleih: derzianPictures

Länge: 84 Minuten

FSK: Freigegeben ab 6 Jahren

Start: 10. November 2016

"Wir sind die Flut" - Offizielle Website 

Daran ist im Kern überhaupt keine Kritik zu knüpfen, im Gegenteil: alles, was es einmal gab, gehört zum Materialbestand kinematografischer Poetiken und es wäre absurd, den Zugriff darauf prinzipiell zu beanstanden. Problematisch wird es allenfalls dann, wenn Filmschaffende sich gerade nicht für Poetiken, das heißt für kleinschrittige Inszenierungsarbeit interessieren, sondern lediglich für einzelne motivische Einfälle. Dann kann es passieren, dass ein Film Gefahr läuft, als fade Abschrift aufzufliegen.

Sebastian Hilgers Debüt - übrigens auch die erste Kooperation zwischen den Filmhochschulen in Potsdam und Ludwigsburg - unterläuft dieser Fehler nicht. Denn auf dieser Ebene operiert sein Film hochkonzentriert. Christopher Nolans "Interstellar" ist ein Bezugspunkt, der ins Auge springt. Nicht nur, weil in beiden Filmen ein Kinderzimmer zum Angel- und Fluchtpunkt des mysteriösen Ereignisses wird, weil sich dort mit einem Mal die Identitäten verflüssigen und Anachronismen entstehen; nicht nur, weil Micha und seine Freundin Jana (Lana Cooper) einmal in raumanzugsähnlicher Schutzkleidung datenerhebend über das grenzenlose Grau des Watts marschieren, sondern vor allem, weil die Nolan'sche Affektpoetik hier aus den Dimensionen des Alls auf friesischem Boden geerdet wird.

In Bewegungen gefächerter Stillstand

Dass mit dieser Szene keine unfreiwillige Ironie entsteht, liegt daran, dass Hilger sehr genau weiß, wie er die Endlosigkeit der Szenerie organisiert und seine Science-Fiction-Vision konkretisiert. Nämlich durch den gekonnten Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive: das Innerhalb des Schutzhelms und das Außerhalb des Watts. Dank der Ablösung starrer Totalen durch hektisch bewegte Großaufnahmen, durch die Öffnung und Verengung des Raums, durch die Art, wie ein Fuß im Schlick aufsetzt, wie die Stimmen hinter den Helmen entrückt klingen, wie dadurch die Kategorien von Nähe und Distanz abhanden kommen und neue, gespenstische räumliche Bezüge entstehen, durch den symphonisch aufgebrezelten Score, die minimalen, in Schleife laufenden Melodiefiguren, die den Raum mit dem Gesetz eines ständigen Rückfalls in der Zeit belasten. So präzise und virtuos sieht man eine kinematografische Etüde im deutschen Nachwuchsfilm selten.

Nicht, dass "Wir sind die Flut" einzig an der konzentrierten Vortragskunst tradierter filmischer Dynamiken gemessen werden kann. Aber sie ist vielleicht das beste Beispiel, um mit dem Selbstbewusstsein dieses Films umzugehen. Der Produktionsaufwand war immens. die Aufgabe, die nun ansteht, den Film im Eigenverleih an die Spielstätten zu vertreiben, auch aus Protest gegen die Subventionslogik des deutschen Verleihgeschäfts, durch die speziell eine studentische Produktion auf keine breite Kinoauswertung hoffen kann, ist nicht minder gering. Auch hier ist Selbstbewusstsein gefragt.

Aber ein Film muss erst einmal auf Augenhöhe mit dem Selbstbewusstsein kommen, das ihn von Außen her umgibt. Und "Wir sind die Flut" gelingt das. Das primäre Prinzip, die allererste Leistung dieses Films besteht in der Strukturierung einer komplexen ästhetischen Erfahrung - der Erfahrung eines in Bewegungen gefächerten Stillstandes, eine, die wir eigentlich aus dem amerikanischen Kino kennen und von der wir bisher noch nicht wussten, dass man sie auch an der Nordsee findet.

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