Filmkunst-Drama "Der rote Punkt" Leichen am Wegesrand

Eine Japanerin reist auf den Spuren ihrer toten Eltern durchs Allgäu: Nach einem triumphalen Zug durch die globale Festivalszene läuft das ambitionierte Filmkunst-Drama "Der rote Punkt" im Kino an.

Von Andreas Banaski


Das Spielfilmdebüt einer japanischen Absolventin der Münchner Filmhochschule, mit bescheidensten Mitteln vorwiegend in Bayern gedreht und von einem engagierten Kleinverleih nun als "Der rote Punkt" ins Kino gebracht - das hört sich schon mal supersympathisch an.

Entsprechend begeistert reagierten weltweit Cineasten auf diversen Festivals. Produzent Martin Blankemeyer: "Überall gab es tolle Publikumsreaktionen, zum Beispiel in Kairo, in Goa, in Göteborg. Es wurde viel geweint, denn das Ende des Films ist sehr berührend." In Hof, dem Heimspiel der deutschen und vor allem Münchner Filmkunstszene, gewann das Werk im Oktober 2008 den Förderpreis, und auch Wolfgang Höbel geriet in seinem Festivalbericht auf SPIEGEL ONLINE aus dem Häuschen: "Die Verweigerung von Dramatik kann große Kunst sein."

Offenbar also ein Pflichttermin, zumindest für notorische Filmfestbesucher und Fans bleierner Selbstbespiegelung. An alle anderen geht hier aber die Warnung raus: Dieser Film mit Geschwindigkeitshintergrund - im Mittelpunkt eines Beziehungstaifuns, in dem "es jedoch immer still und wolkenlos" ist (O-Ton der Regisseurin Marie Miyayama), stehen das Opfer eines Verkehrsunfalls und ein Bursche, der seinen Vaterknatsch mit Motorradraserei kompensiert - kommt auf der Kriechspur daher. Oder wie Wolfgang Höbel dozierte: "Die Stärken deutscher Filmproduktionen liegen oft gerade im schier Atmosphärischen und in der Verweigerung von Action." Im Klartext: In diesem "Kleinod für die Seele" ("Cinema") wird ein ganz trockenes Brot durchgekaut. Das nennt man dann gern "formstreng", weil's nach Kino-Koryphäen wie Ozu oder Dreyer oder Bresson schmeckt.

Die Inhaltsangabe des Verleihs beginnt mit dem Satz: "Die junge Japanerin Aki Onodera wird von Träumen aufgewühlt, die aus den lange verschütteten Erinnerungen an ihre frühen Kindheitstage aufsteigen." Klingt nicht schlecht, denn so fängt ja auch allerlei spannendes Gruselgarn an. Nach dem Anfangsthrill passiert aber nicht mehr viel. Die niedliche Japanerin kriegt angesichts der vorgezeichneten Business-Karriere und der Beziehung zu einem unsympathischen Yuppie-Schnösel die Sinnkrise und reist ins Allgäu (Miyayama: " Der äußere Weg Akis ist gleichzeitig ein Weg zu ihrem Innersten und erreicht somit Bereiche des kollektiven Unterbewusstseins aller Menschen.") zu der auf einer Landkarte mit einem roten Punkt markierten Stelle, an der einst Vater, Mutter und Bruder bei einem Autounfall starben. Dort gerät sie in Schicksalsgemeinschaft an besagten Motorradraser, der nämlich auch sein Kreuz in Gestalt eines spröden Holzhandwerker-Vaters zu tragen hat. Der wiederum japanische Leichen am Wegesrand liegen hat. Denen wiederum die fragile Japanerin eine andächtig rituelle Abschiedszeremonie widmet.

Für diese Konstellation prägte Wolfgang Höbel vergangenes hr den Granatenausdruck "eine geradezu Kleistsche Fügung des Schicksals". Leider haben sich mittlerweile auch Daily Soaps und Privatsenderfernsehspiele einige Kleistsche Fügungen abgeschaut, so dass dieser Konflikt hier trotz kunstgewerblicher Verbrämung als mittlerweile banale künstlerische Konfektion verpufft. Da versöhnt dann auch die ganze supersympathische Anmutung drumherum nicht mehr.



insgesamt 3 Beiträge
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michiwe 04.06.2009
1. der rote punkt
habe den film an den hofer filmtagen gesehen. war begeistert. ich kann nur hoffen, dass viele menschen sich diesen film ansehen. zu beschreiben ist in meinen augen sinnlos, man muss diesen film einfach sehen. von daher: BITTE SEHEN SIE SICH DIESEN FILM AN! (ps: habe nichts mit der produktion zu tun, hatte nur das glück, diesen film bereits in hof gesehen zu haben)
knight3000 04.06.2009
2. independent-kino auf weltniveau
ich habe mit der produktion zu tun. und ich bin ein großer fan von kid p. und verschlinge seine scharfen verrisse üblicherweise mit genuß. jetzt hats halt mal uns erwischt, mein gott, was solls. die bild schreibt heute was von "independent-kino auf weltniveau" - die wahrheit liegt wohl irgendwo in der mitte. es hilft nichts - da muß sich jeder sein eigenes bild machen ;-) all the best, MB www.derrotepunkt-derfilm.de
Andreas Banaski 04.06.2009
3. Respekt MB ...
... souveräne Reaktion. Und im aktuellen SPIEGEL gibt's ja immerhin eine positive Kritik.
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