Filmparabel "Caótica Ana" Der Wahnsinn hat Hypnose

Hypnotisch, verstörend, überladen: Mit "Caótica Ana" unternimmt Julio Medem eine Reise zum Urgrund der Weiblichkeit. Bisweilen droht der spanische Kino-Künstler dabei im Esoterik-Morast zu versinken - trotzdem kann man sich der suggestiven Macht seiner Parabel nur schwer entziehen.

Von Jenny Hoch


Ein gelungenes Ölgemälde - ein richtiges Kunstwerk - besteht nicht einfach nur aus ein paar Farbtupfern. Es setzt sich aus mehreren, mal mehr, mal weniger dick aufgetragenen Farbschichten zusammen. Es wurde sorgfältig komponiert und - vielleicht das Wichtigste - der Künstler hat sich mitsamt seiner Gefühle und seinem Unterbewusstsein in das Werk eingeschrieben. Er hat mittels der Kunst etwas Intimes von sich preisgegeben.

"Caótica Ana"-Darstellerinnen Vellés, Rebolledo: Schmaler Grad zwischen Kitsch und Kunst
Prokino

"Caótica Ana"-Darstellerinnen Vellés, Rebolledo: Schmaler Grad zwischen Kitsch und Kunst

Dieser schöpferische Vorgang entspricht in etwa der Arbeitsweise von Julio Medem, neben Pedro Almodovóvar derzeit Spaniens eigenwilligster Kino-Künstler. In seinen Filmen wie "Das rote Eichhörnchen", "Die Liebenden des Polarkreises" (1998) oder "Lucia und der Sex" (2001) unternimmt er stets poetische und visionäre Reisen ins Unterbewusstsein. Aus dieser fernen Welt bringt er überladene und zugleich faszinierende Filmpoeme voller Mystik und Erotik mit und setzt sie seinem überraschten Publikum so direkt vor die Nase, dass es gar nicht anders kann, als sich mit dem fremden Stoff auseinanderzusetzen.

In seinem neuen Film "Caótica Ana" macht er das Kunst-Schaffen und damit die Schöpfung selbst zu seinem Hauptthema. Wobei ihm seine junge und von der Zivilisation fröhlich unberührte Hauptfigur Ana (gespielt von der Newcomerin Manuela Vellés) als weiße, jungfräuliche Leinwand dient, in die sich im Laufe einer langen (Film)-Reise nicht nur ihr eigenes, sondern das Leben der Frau schlechthin wiederfindet.

Man kann diesen Plot leicht abgehoben und esoterisch finden. "Caótica Ana" ist definitiv einer jener seltenen Filme, die aus denselben Gründen brüsk abgelehnt oder begeistert gefeiert werden können. Denn Medem, der ein abgeschlossenes Medizinstudium in der Tasche hat und eigentlich Psychiater werden wollte, wandelt mit dieser ins Freudianisch-Metaphysische überhöhten Filmparabel auf einem schmalen Grat zwischen Kitsch und Kunst.

Was er in seinem eher assoziativ als stringent aufgebauten Bilderreigen erzählt, ist eine feministische Fabel von der Unterdrückung der Frauen durch die Männer. Gleich die erste Szene nimmt diesen Topos metaphorisch vorweg: Eine Gruppe Jäger bestaunt einen Falken (männlich), als eine Taube (weiblich) vorüberfliegt und die Frechheit besitzt, dem Raubvogel auf den Kopf zu kacken. Ihr Schicksal ist damit besiegelt, der Falke steigt auf und es dauert keine drei Sekunden, da hat er die Taube vom Himmel auf die Erde geholt, wo sie blutend verendet.

Doch bevor Ana ein ähnliches Schicksal zu ereilen droht, lebt sie als Hippiemädchen mit ihrem deutschen Aussteiger-Vater (Matthias Habich) in einer Höhle auf Ibiza. Auf dem Wochenmarkt fallen ihre bunten, naiven Wachsbilder der Mäzenin Justine (Charlotte Rampling) auf, die Ana daraufhin anbietet, in ihre Künstlerresidenz nach Madrid zu ziehen, wo sie junge Talente ausbildet und fördert.

Angekommen in der libertinären Villa Kunterbunt, findet Ana in der Videokünstlerin Linda (Bebe Rebolledos) nicht nur eine feministische Freundin fürs Leben ("Alle Männer sind Vergewaltiger, alle Frauen sind Nutten"), sondern in dem geheimnisvollen Wüstensohn und Maler Said (Nicolas Cazalé) auch ihre erste große und verzweifelte Liebe.

An dieser Stelle kippt der Film von einer bisher relativ linearen Erzählweise ins Multiperspektivisch-Surreale und gräbt sich immer tiefer in die verborgenen Schichten von Anas Unterbewusstsein. Unterstützt von ihrem Mitbewohner, dem amerikanischen Hypnotiseur Anglo (Asier Newman), erkundet sie ihre dunklen Seiten und durchleidet unter Hypnose die gewaltsamen Tode einer ganzen Reihe von Frauen quer durch alle Kontinente und Jahrhunderte.

Ana erkennt, dass sie diese Leben tatsächlich gelebt hat, dass sie die Summe aller Frauen verkörpert. Das junge Mädchen, das lange nur an der Oberfläche der Dinge gelebt hat, entdeckt in sich die Abgründe und Untiefen der ewigen Frau. Widerstrebend, und auf Drängen ihrer Freunde willigt sie ein, immer weiter zurück bis auf den Grund allen Seins zu gehen, aber unter einer Bedingung: Sie will davon nichts erfahren, sobald sie aus ihrer Hypnose erwacht.

So wie ein Hypnotiseur rückwärts von zehn bis null zählt, um seine Patienten in einen traumähnlichen Zustand zu versetzen, hat Medem "Caótica Ana" in zehn rückwärtslaufende Kapitel unterteilt. Doch am Ende steht, anders als es bei diesem Meister des organischen Erzählens, vielleicht zu erwarten wäre, keine beruhigende Erkenntnis in das Wesen der Dinge, auch kein Happy End. In einer ganz und gar unerwarteten und auch ziemlich degoutanten Schlusspointe bricht er sein bisheriges Erzählmuster und hebt "Caótica Ana" auf eine andere, nicht unbedingt höhere, aber doch wesentlich brutalere Ebene.

Julio Medem hat mit "Caótica Ana"seine Leinwand bis zum Bersten mit Motiven gefüllt, es ist kein Fleckchen weiß mehr übrig. Ob der Betrachter etwas mit dem Resultat anfangen kann, hängt von seiner Bereitschaft ab, sich jenseits von Logik und Realitätssinn auf dieses psychopathetische Experiment einzulassen. Aber irgendwo verbirgt ja bekanntlich jeder sein persönliches Chaos.



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