Filmrevolution Die Formel für den perfekten Film

Eine britische Firma hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Einspielergebnisse von Filmen vorhersagen lassen sollen. Wenn das stimmt, wird Hollywood nicht mehr wiederzuerkennen sein, meint Peter Körte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

"Das Wetter", sagt Nick Meaney und deutet auf den bestürzend blauen Londoner Januarhimmel, "man sollte in die Wettervorhersage investieren." Dann lacht er und erzählt einen anzüglichen Witz über Billigfluglinien, den ich nicht zitieren darf. Der 49-Jährige steckt schon in einem anderen Geschäft, in dem sich, wenn es funktioniert, mindestens genauso viel Geld machen lässt. Im Filmgeschäft. Er produziert nicht, er verkauft Prognosen.

Wettervorhersagen fürs Kino. Er hat die magische Formel. Und diese geheimnisvolle Formel soll das Filmgeschäft umwälzen. Die Firma Epagogix Ltd., deren "Managing Director" Meaney ist, hat ein kompliziertes, computergestütztes Verfahren entwickelt, mit dem sich die Einspielergebnisse von Filmen vorhersagen lassen. Mit beängstigender Präzision. Das klingt wie Science-Fiction. Aber Hollywood steht längst in Kontakt mit Epagogix.

"Ich fühlte mich geradezu beleidigt von der Missachtung für den effizienten Einsatz von Kapital in Hollywood", sagt Sean Verity, "Chief Financial Officer" der Firma, als wir in einem Restaurant im Stadtteil Marylebone sitzen, mit Blick auf die sandstrahlgereinigte Fassade der BBC. Das Büro von Epagogix liegt direkt um die Ecke, in einem schmalen, gediegenen Londoner Haus mit tiefen Teppichen im Foyer, doch über die Empfangsdame bin ich nicht hinausgekommen.

Meaney und der 52-jährige Verity, dessen Visitenkarte einen Schweizer Wohnsitz nennt, kennen sich aus einem großen Versicherungskonzern in der Londoner City. Sie haben beide in Amerika gearbeitet, Meaney kommt aus dem Marketing, Verity aus dem Bankgeschäft, sie verstehen viel von Risikomanagement, und sie betrachten Hollywoods Glamour und Gigantomanie mit dem kühlen Blick von Finanzleuten. Doch das Sanierungskonzept hüten sie wie Verschwörer ihren Geheimplan.

Bevor wir uns trafen, nach ausführlichem Mailwechsel, warnte man mich freundlich, ich solle keine großen Enthüllungen erwarten – keine Namen, keine Zahlen, keine Projekte. Hier muss man nun kurz Malcolm Gladwell erwähnen, der im "New Yorker" über Epagogix geschrieben hat. Der Autor von Bestsellern wie "Blink!", erzählt Meaney, sei auf ihre Spur gestoßen, als er sich mit dem Manager eines Hollywood-Studios unterhalten habe – demselben Mann, mit dem Epagogix schon im Geschäft war. Ganz so glücklich seien sie nicht gewesen über dieses "Leck", aber dann hätten sie sich damit abgefunden. "Wir haben seither Anfragen aus aller Welt, von Studios, unabhängigen Firmen und Investoren, die unsere Dienste in Anspruch nehmen wollen", sagt Meaney so stolz, dass man schon auf ein paar Namen hofft.

Wer ist Mr. Pink?

Statt seriöser Namen gibt es jedoch nur lustige Pseudonyme. Da ist ein mysteriöses Duo, Mr. Pink und Mr. Brown, wie bei Tarantino. Zwei Schattenmänner – weitere Nachfragen zwecklos. Sie haben über Jahre ein kompliziertes Verfahren entwickelt, Drehbücher zu zerlegen, "herunterzubrechen" in ihre kleinsten erzählerischen Einheiten. Sie halten fest, ob der Held Anzug oder Jeans trägt, wann er in eine moralische Krise gerät, ob sein bester Freund schwarz ist oder weiß, ob der Schauplatz eine Großstadt ist oder ein Dorf. Und sie haben diese Partikel streng gewichtet: Welches hat wann in welcher Kombination wie viel Erfolg gehabt? Und so ermitteln sie, nur zum Beispiel, ob eine unerfüllte Liebe unter gewissen Umständen für eine Umsatzeinbuße von ein paar Millionen Dollar verantwortlich war. Welche Stars die Liebenden verkörpern, spielt dabei keine große Rolle. Die Stars und ihre Agenten werden das nicht gerne hören – es drückt auf den Preis.

Mr. Pink sei ein alter Freund aus Collegezeiten, enthüllt Meaney beiläufig, der selbst einen Abschluss in Filmstudien hat – "aber nur im Nebenfach". Er hat Pink und Brown zusammengebracht mit einem Computerexperten, der nicht mal ein Pseudonym haben darf. Nennen wir ihn Mr. X. Mr. X ist ein Spezialist für künstliche neuronale Netzwerke, die er mit den Drehbuchanalysen von Pink und Brown und den Einspielergebnissen der Filme füttert. Ein neuronales Netzwerk ist eine für Laien kaum durchschaubare Sache. Es ist ein lernfähiges Informationsverarbeitungssystem, eine Form von künstlicher Intelligenz, die auch im Versicherungsgeschäft oder in der Tornadofrüherkennung zum Einsatz kommt; ein komplexes System von autonomen Teilen, deren Dynamik nicht wie bei normalen Computern durch Programme zentral gesteuert wird, sondern sich selber organisiert.

Man muss sich das, sehr vereinfacht, so vorstellen, dass die erfassten Daten stunden-, wenn nicht tagelang von dem Netzwerk verarbeitet werden, und am Ende steht eine Zahl da: 49 Millionen Dollar zum Beispiel. Wie neulich, als Epagogix eine Eilanfrage aus Hollywood bekam. Ein Drehbuch, aus dem das Studio einen großen, sehr teuren Film machen wollte, "von einem Top-Autor", sagt Meaney, sollte geprüft werden. Das Betriebssystem arbeitete, aber mehr als 49 Millionen kamen nicht heraus. Das Studio sah seine Bedenken bestätigt – und legte das Projekt auf Eis.

Bewährungsprobe bestanden

Und warum diese Geheimnistuerei um Pink und Brown und Mr. X? "Sie sind unsere Kronjuwelen, und deshalb wollen wir sie schützen", sagt Meaney, und das klingt fast so verschwörerisch wie in einem James-Bond-Film. Da ist allerdings auch eine deutliche Distanz zu Hollywood zu spüren, wenn sie von ihrem ersten Besuch in Los Angeles erzählen, von den vielen deutschen Luxuslimousinen auf dem Studioparkplatz und der Arroganz mittlerer Manager, die bloß gefragt hätten: "Warum macht ihr dann nicht selber Filme?"

Dass sie überhaupt in Hollywood vorgelassen wurden, haben sie einem Mann namens Richard Copaken zu verdanken, dem Präsidenten von Epagogix. Der 65-Jährige war Partner in einer großen Washingtoner Anwaltskanzlei, ein renommierter Spezialist für internationales Recht. "Ein extrem gut vernetzter Mann mit einem enormen Wissen über Mathematik und neuronale Netzwerke", sagt Meaney, der ihn aus seiner Zeit in Amerika kennt. "Hätten wir in Hollywood angerufen, wären wir nicht weit gekommen." Copaken ist gerade vom Sundance-Festival, wo sein Enkel die Hauptrolle in einem Film spielte, nach Washington zurückgekehrt, als wir telefonieren. Er hat in Sundance "sehr interessante Gespräche" geführt, er ist ein Filmbesessener, und natürlich weiß er, dass jemand, milde gesagt, auf Skepsis stößt, der behauptet, er habe die definitive Formel für den Kassenerfolg gefunden. Man werde für verrückt gehalten oder als Scharlatan verdächtigt. Ganz unverständlich ist dieses Misstrauen ja nicht.

Lesen sie im zweiten Teil, wie überschätzt Stars werden

Die ersten Bewährungsproben auf die Formel, die vor mehr als drei Jahren stattfanden, fielen jedoch erstaunlich gut aus; es waren erst Fernsehstoffe, dann Filmprojekte, und immer kam heraus, dass die Produzenten zweistellige Millionenbeträge hätten sparen können, wenn sie dem Orakel gefolgt wären. Das Interesse wuchs in einer Branche, die seit Jahrzehnten auf Stars schwört und einen historisch gut dokumentierten Hang zu finanziellen Exzessen hat. "Was unser System ausmacht", sagt Copaken mit der Selbstgewissheit des erfahrenen Anwalts, "ist seine unbarmherzige Objektivität. Hollywood ist ein komplexes Gebilde mit Verpflichtungen und wechselseitigen Abhängigkeiten. Angst kommt der rationalen Analyse oft in die Quere. Wir dagegen konzentrieren uns ganz auf die Wahrheit eines Drehbuchs."

Es waren dann aber wohl weniger Wahrheit und Objektivität, welche die Studios neugierig machten. Es war vor allem verlockend, dass die langen Untersuchungsberichte, die Copaken immer selbst schreibt, nur kleine, unscheinbare Verbesserungsvorschläge enthielten, die nicht viel Geld kosten, wohingegen Hollywood siechen Drehbüchern am liebsten durch einen großen, teuren Star aufhilft. "Aber ein Star", sagt Copaken, "kann ein schlechtes Drehbuch nicht retten. Schauen Sie sich nur die fünfzig erfolgreichsten Filme an, viele von ihnen wurden mit Schauspielern gemacht, die zu der Zeit noch gar keine Stars waren."

Aber ist ein Drehbuch nicht bloß eine Blaupause? Fügen ihm nicht Regisseur, Schauplatz und eben ein Leonardo DiCaprio oder eine Julia Roberts etwas hinzu, was erst den Erfolg ausmacht? Hat nicht der falsche Regisseur schon oft ein gutes Drehbuch ruiniert? Die Männer von Epagogix lächeln bei solchen Fragen wissend. Man bestreite ja die Macht der Stars gar nicht, es ginge nur um die vernünftige Proportion ihrer Gagen zum Budget und zum prognostizierten Erfolg des Films. Und als habe er die Fragen erwartet, erinnert Meaney an Schwarzenegger, an seinen Appeal als Actionheld, an seine Ausflüge ins Komödienfach, an seine schwindende Popularität – so etwas berücksichtige das System natürlich, es werde ja ständig mit neuen Daten gefüttert.

Paradies für Investoren

Das heißt, setze ich nach, die Formel kann also auch die Wahl eines bestimmten Schauspielers in Dollars taxieren? Natürlich ist die Antwort ein kunstvolles Ausweichmanöver. Einen geeigneten Typus könne man vielleicht ermitteln, sagt Meaney und wählt als Beispiel den "Paten": "Wir können uns den Film nur mit Brando und Pacino vorstellen, aber wer sagt denn, dass nicht auch de Niro oder jemand ganz anderes den Part von Pacino mit demselben Erfolg hätte übernehmen können?" Im Kern, fügt er hinzu, "geht es immer nur um die Story". Ein Steven Spielberg, man hat es oft genug gehört, sagt in Interviews auch nichts anderes.

So laufe ich im Gespräch immer wieder gegen eine von Höflichkeit gepolsterte Wand. Meaney verrät auch, dass er mich vor dem Besuch gegoogelt habe, und deutet an, dass er meine Vorlieben ahne. Es ginge ja nicht darum, sagt er deshalb unaufgefordert, nur Drehbücher zu kapitalintensiven Blockbustern zu prüfen; man müsse seine Investitionen vernünftig streuen und kleineren Filmen ein angemessenes Budget geben. "Die Revenue optimieren", nennt Copaken das. Und das große Ziel? Hollywood zu einem Paradies für Investoren zu machen? Da nicken sie zustimmend.

Als Sean Verity sich verabschiedet hat, reden wir noch über Filme und Fußball, wobei Meaney erwähnt, dass Verity auch an der Finanzierung von Fußballvereinen mitgewirkt habe, und Meaney meint, dass angesichts der Summen, die inzwischen bewegt werden, auch im Fußball ein wenig Risikomanagement nicht schaden könnte. Erst das Kino, dann das Wetter, dann der Fußball. Da ist es auch nicht mehr weit bis zur Weltformel.

Die Filmflüsterer

Und während ich mich durch den Londoner Nachmittagsverkehr kämpfe, bleibt das Rätsel: Wer sind diese Männer von Epagogix, deren Firmenname von Aristoteles stammt, bei dem Epagoge den Weg induktiven Lernens bezeichnet – "Experience. Knowledge. Prediction" steht auf der kargen Firmenhomepage. Sind sie kühle Rechner, die eine für ihr enigmatisches Geschäftsgebaren bekannte Branche Effizienz lehren wollen? Genies, welche die Geheimformel gefunden haben, wonach die Branche seit Jahrzehnten sucht? Oder sind sie gerissene Geschäftsleute, die Hollywoods latente Heilserwartungen geschickt für sich auszunutzen wissen, ohne dass man deshalb von Schwindel sprechen könnte? Wunderheiler, Filmflüsterer, die strotzende Gesundheit für kränkelnde Drehbücher versprechen?

Schwer zu sagen. Sicher ist nur: Wenn Epagogix mit der Formel Erfolg hat, wenn immer mehr Kunden sie anwenden, dann wird die Filmbranche, wie wir sie kennen, nicht wiederzuerkennen sein. Es wäre so etwas wie eine friedliche Revolution. Wenn, wie gesagt, wenn die Formel funktioniert.

Mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"

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