Russisches Drei-Stunden-Epos Aus Schlamm geboren

Der letzte Film des russischen Regie-Visionärs Aleksei German verlangt dem Zuschauer einiges ab, vor allem Geduld. Dafür entführen die Schwarz-Weiß-Bilder ihn in eine Welt aus Dreck und Gewalt, die er so noch nie erlebt hat.
Russisches Drei-Stunden-Epos: Aus Schlamm geboren

Russisches Drei-Stunden-Epos: Aus Schlamm geboren

Foto: Drop-Out Cinema/ Bildstörung

Menschen stapfen durch den Dreck einer mittelalterlich anmutenden Stadt, schmieren ihn sich gegenseitig ins Gesicht und rotzen auf den Boden. Überall ist Schlamm, es regnet ununterbrochen, und wenn es nicht regnet, schneit es. Ständig geraten die ungeschlachten Gestalten, die diese sagenhaft unwirtliche Welt bevölkern, aneinander, spucken einander an oder schlagen und demütigen sich. Immer wieder fährt die Kamera ganz nah an den schwitzigen Gesichtern und verfetteten Haaren entlang. Es dampft und suppt aus allen Poren. Man möchte duschen, wenn man aus dem Kino kommt: Der erste und stärkste Eindruck, den diese Bilder dem Zuschauer aufs Auge drücken, ist der von nassem, omnipräsentem Schmutz.

So sieht das Leben auf einem Planeten aus, informiert uns die Erzählerstimme zu Beginn der dreistündigen Tour de Force "Es ist schwer, ein Gott zu sein", auf dem die Renaissance verhindert wurde. Die Universität wurde niedergebrannt, die wenigen Gelehrten müssen um ihr Leben fürchten. In dieses phantastische Szenario werden 25 Wissenschaftler von der Erde geschickt, um zu beobachten. Intervenieren dürfen sie nicht. Don Rumata (Leonid Yarmolnik), einer der Wissenschaftler und Hauptfigur des Films, gilt in der Bevölkerung als unverwundbarer Gott.

"Es ist schwer, ein Gott zu sein" ist der letzte Film des 2013 verstorbenen russischen Regisseurs Aleksei German. Fertiggestellt wurde er posthum, von seinem Sohn. Alles, was ihn noch interessieren würde, hat German in einem seiner letzten Interviews gesagt, sei die Möglichkeit, "von Grund auf eine Welt, eine eigene Zivilisation zu erschaffen" . Das ist ihm mit "Es ist schwer, ein Gott zu sein" ohne Zweifel gelungen. Den wenigen Kritikern, die Germans Filme kennen, gilt er zurecht als einer der neben Andrej Tarkowski größten Stilisten und Visionäre des russischen Kinos .

Sein Abschiedswerk ist eine der zermürbendsten Filmerfahrungen der letzten Jahre. Die Ausgangsidee ist dem gleichnamigen Roman von Boris und Arkadi Strugatzki entnommen, einem Klassiker der sowjetischen Science-Fiction-Literatur. German hat den Text weniger adaptiert als mit aller Wucht dekonstruiert. Der Don Rumata der Strugatzkis ist ein unablässig räsonierender Held, ein Geheimagent, Wissenschaftler und melancholischer Intellektueller, der darunter leidet, nicht handeln zu dürfen angesichts der omnipräsenten Gewalt: "Sollen sie morden und schänden, wir werden es wie die Götter ruhig mitansehen", heißt es bei den Strugatzkis. Im Roman ist der Glaube an gesellschaftlichen Fortschritt allerdings noch intakt - in der Verfilmung hingegen herrscht ein radikaler Fatalismus. Der Don Rumata der Verfilmung kann seine Wut und seine Verachtung nur schlecht verbergen und langt selbst gerne zu. Bei German ist der Held von Anfang an von der Gewalt, die ihn umgibt, infiziert. Getötet hat er nicht, aber immerhin in 186 gewonnenen Duellen 372 Ohren abgeschnitten.

Akt der Gewalt - gegen den Zuschauer

Aleksei Germans Gesamtwerk besteht aus nicht mehr als sechs Filmen, der erste erschien 1968, nur zwei sind nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entstanden. Es läge nahe, das Geschehen auf der Leinwand als filmische Parabel auf eine Gesellschaft im Niedergang zu verstehen, aber das wäre eine allzu schnelle Rationalisierung. "Es ist schwer, ein Gott zu sein" verweigert eindeutige Sinnangebote. Die Geschichte, die eher angedeutet als erzählt wird, zerfasert und ist kaum nachvollziehbar. Stattdessen wird ein enervierend statischer Zustand geschaffen: Figuren tauchen auf, gehen aufeinander los und verschwinden wieder, eine Leiche liegt am Straßenrand, es wird gestritten, man weiß nicht, um was. Die Kameraführung trägt zur weiteren Desorientierung bei: Details werden in größte Nähe und wichtig scheinende Ereignisse an den Rand oder außerhalb des Bildes gerückt. Ab und zu durchbricht eine der debilen Schreckensgestalten die vierte Wand und grient idiotenfroh ins Publikum, man weiß nicht, ob zur Aufmunterung oder amüsiert darüber, dass vor der Leinwand noch jemand sitzt und durchhält.

"Es ist schwer, ein Gott zu sein" ist damit selbst ein Akt der Gewalt, und zwar gegen den Zuschauer. Germans filmisches Vermächtnis zeugt von einem kompromisslosen und bewundernswerten künstlerischen Eigensinn, der im Kino heute rar geworden ist. Die durchkomponierten Schwarz-Weiß-Bilder funktionieren nach eigenen Regeln, die mit dem, was wir im Kino gewohnt sind, nur wenig zu tun haben. Man muss sich auf sie einlassen. Dann kann dieser niederschmetternde Wust aus Gewalt, Obszönität und Schmutz eine verstörend hypnotische Wirkung entfalten. Gleich, was man von ihm am Ende halten mag - eines der ungewöhnlichsten, forderndsten und irritierendsten Kinoereignisse seit Andrej Tarkowskis "Stalker"  ist "Es ist schwer, ein Gott zu sein" in jedem Fall.

Trailer zu "Es ist schwer, ein Gott zu sein":

Es ist schwer, ein Gott zu sein

RU 2013

Originaltitel: Trudno byt bogom

Regie: Alexei German

Drehbuch: Alexei German, Svetlana Karmalita

Darsteller: Leonid Yarmolnik, Yuriy Tsurilo, Aleksandr Chutko, Aleksandr Ilin, Evgeniy Gerchakov

Produktion: Lenfilm Studios

Verleih: Bildstörung

Länge: 177 Minuten

FSK: ab 16 freigegeben

Start: 3. September 2015