Beziehungskomödie "Copacabana" Mama, du bist so peinlich

Die Boheme triumphiert: Schauspielerin Isabelle Huppert mischt in der französischen Komödie "Copacabana" als zu jung gebliebene Mutter die Provinz auf - und nervt ihre spießige Tochter mächtig. Ein Fest für Huppert-Fans im gesetzten Alter! Und für andere eine Prüfung.

Von Andreas Banaski


Wie das Schicksal so spielt, wenn ein Filmautor es in die Hand nimmt: Babou (Isabelle Huppert) ist nach langem Vagabundieren im heruntergekommenen nordfranzösischen Industrierevier an der belgischen Grenze gelandet. Wohl weil sich der Kontrast gut macht, denn der Boheme-Freigeist, der sich nach dem Strand von Rio sehnt, hat in diesem faden Ambiente eigentlich nichts verloren.

Auch sonst baut der französische Regisseur Marc Fitoussi auf simple Gegensätze. Als Widerpart zur flippigen und selbstsüchtigen Babou hat er sich deren strebsame, kleinbürgerliche Tochter Esméralda (Lolita Chammah, auch im wahren Leben Hupperts Tochter) ausgedacht. So ist beim Zank der Generationen auch ordentlich Stimmung in der Bude - für die übrigens offenbar die Tochter die Miete zahlt. Nur wie macht die das? Sie jobbt zwar neben dem Studium als Serviererin, aber zahlen die in der französischen Gastronomie etwa so viel, dass zwei davon leben können?

Bevor der Zuschauer zu sehr über diese Ungereimtheit grübelt (es bleibt nicht die einzige), findet sich Babou in einem Anflug von Verantwortungsblues zum Vorstellungsgespräch in einer Zuckerbäckerei ein. Doch leider verspätet, was die blasierte Arbeitgeberin wenig goutiert. Bei so viel Engstirnigkeit kriegt Babou natürlich einen Rappel und randaliert.

Nervensäge oder Freigeist?

Esméralda, die ins Establishment einheiraten möchte, ist nicht amüsiert. Als Teenie fand sie ihre ewig jugendliche und partywillige Mutter noch toll, jetzt, ungefähr ein Jahrzehnt später, ist ihr Babous unreifes Getue ein Graus. Ihrer Hochzeit, deren Mitfinanzierung Babou sich sowieso nicht leisten könnte, soll Mutter also lieber fernbleiben. Um es ihrer Tochter und überhaupt der ganzen Bourgeoisie zu zeigen, will sich Babou nun im Geschäftsleben beweisen. Und was könnte weiter weg liegen vom sonnigen Traumziel Copacabana als das unwirtliche winterliche Ostende. Ausgerechnet in der belgischen Depri-Atmosphäre soll Babou Hochhaus-Appartements an Teilzeitmieter vermitteln.

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Film "Copacabana": Mama, du bist so peinlich
Hier kippt die Geschichte von "Copacabana" völlig ins Märchenhafte: Ohne Vorqualifikation und Talent erweist sich Babou, angezogen wie eine Bordsteinschwalbe, als Provisionsstar ihrer Drückerkolonne. Nebenbei bandelt sie mit einem attraktiven Hafenarbeiter an. Und als sie ein junges Tramp-Pärchen frieren sieht, meldet sich ihr soziales Gewissen, und sie gewährt kostenlosen Unterschlupf im Ferienneubau.

Das versöhnliche Finale gaukelt dann überraschend einen persönlichen Triumph vor - dabei regiert lediglich der Zufall. Und so ist der Film eigentlich wieder da angekommen, wo er angefangen hat. Eine Entwicklung macht Babou nicht durch. Eher hat man den Eindruck, eine sich immer gleich wiederholende Episode aus ihrem überwiegend im Dunklen gelassenen Vorleben gesehen zu haben. Autor Fitoussi beschreibt Babou als "Beispiel innerer Freiheit", aber auch als "eine fürchterliche Nervensäge". Weshalb er das Umfeld des "Paradiesvogels" mit genügend Munition versorgt, um Babou mit Vorwürfen zu bombardieren. Das übersteht sie jedoch relativ unbeschadet und ist am Ende die Sympathieträgerin. Aber warum bloß?

Will sie aus Mutterliebe oder aus verletztem Stolz ihrer Tochter die Lebenstüchtigkeit beweisen? Den älteren, gutmütigen platonischen Freund, der gerne mehr draus machen würde, lässt Babou nicht ran, ist ihr wohl zu unsexy. Dabei ist Huppert trotz dicker Schminke und aufgekratzter Freigeistigkeit das Alter von 59 Jahren anzusehen, auch wenn sie hier im Film, den sie mit "überschäumender Energie und unbekümmerter Lebensfreude" (Pressetext) prägt, vermutlich mindestens zehn Jahre jünger sein soll. Wieso ihr der virile Proletarier verfällt, ist umso weniger zu verstehen, da die Alternativen vor Ort nicht so unattraktiv sind.

Das alles dürfte aber die Zielgruppe nicht groß kratzen, wie diverse wohlwollende Kritiken belegen. Denn diese "rebellische Komödie, komisch und bewegend" ("La Tribune"), bedient perfekt die Sehnsucht von Kunstkinobesuchern, auch im gesetzten Alter noch mal die Rotznase raushängen zu lassen. Und wer der "göttlichen Huppert", wie ihre Fans sie nennen, ergeben ist, dürfte ohnehin wunschlos glücklich werden.


Copacabana. Start 28.6. Regie: Marc Fitoussi. Mit Isabelle Huppert, Lolita Chammah.



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MichaelKuss 28.06.2012
1. Herrlich!
Die Huppert wird immer besser! Auch wenn die Handlung nach bürgerlichen Maßstäben abstrus sein sollte, mir egal: Isabelle Huppert ist "extraordinaire". Endlich wieder mal provozierendes französisches Kino, dass mich an einen frühen Michel Piccoli ("Themroc") erinnert. Zu jener Zeit war die Huppert noch das süße kleine Mädchen mit Schmollmund und Kulleraugen. Welch eine tolle Entwicklung!
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