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16. Mai 2006, 15:51 Uhr

Filmthema Terror

Wie wir uns verraten

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Gewalt und Paranoia sind ein filmreifes Paar. So ist Benjamin Heisenbergs "Schläfer" eine exzellente Studie über Verrat in Zeiten globaler Terrorängste. Christoph Hochhäuslers "Falscher Bekenner" präsentiert das Attentat als Fiktion - und Lebenshilfe.

Wie wird einer zum Verräter? Zum Beispiel so: Er arbeitet in einem Labor mit einem Algerier zusammen und wird vom Verfassungsschutz angesprochen, ob er den Mann nicht mal ein bisschen im Auge behalten könne. Es gäbe Anzeichen dafür, dass der Kollege ein Schläfer sei. Zuerst lehnt der Angesprochene den Auftrag empört ab. Doch dann glaubt er tatsächlich, Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund zu entdecken. Dass der andere beim Job und in Liebesdingen als Konkurrent auftritt, schürt das Misstrauen noch. Eine Anzeige erscheint unausweichlich - und kommt auch den eigenen Ambitionen zupass.



Wie wird einer zum Terrorist? Zum Beispiel so: Er ist 18, weiß nichts mit sich anzufangen, schleicht nachts über Autobahnzubringer, stößt dort zufällig auf einen verunglückten PKW, steckt ein gebrochenes Achsenteil ein und schreibt am nächsten Morgen einen Bekennerbrief, in dem er behauptet, einen Anschlag auf den Fahrer begangen zu haben. Ein ungeheuerlicher Unfug, aber immerhin hat er jetzt eine Bestimmung: Bekennerbriefe schreiben.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Weder "Schläfer", das Psychodrama über den Verfassungsschutzspitzel, noch "Falscher Bekenner", jenes über den Möchtegernbombenbauer, sind Filme über den realen Terrorismus. Aber sie erzählen davon, wie der Terrorismus als allgegenwärtiges Thema des Menschen ins Unheilvolle verzerren kann.

Terrorist? Wie man's sieht

Alles eine Frage der Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung: von der Fremdzuschreibung "Er, der Terrorist" in "Schläfer" zur Selbstdefinition "Ich, der Terrorist" in "Falscher Bekenner" ist es ein kurzer Weg.

Dass die beiden kleinen feinen deutschen Produktionen mit nur einer Woche Abstand in die Kinos kommen, ist kein Zufall. Die Regisseure Benjamin Heisenberg ("Schläfer") und Christoph Hochhäusler ("Falscher Bekenner") kennen sich schon seit langer Zeit von der Münchner Filmhochschule. Sie geben gemeinsam das Cineastenkampfblatt "Revolver" heraus und haben in Kooperation bereits den experimentellen Spielfilm "Milchwald" gedreht, für den sie das Märchen "Hänsel und Gretel" vom Mythengewand befreit und den Blick auf den grausamen Eltern-Kind-Konflikt gerichtet haben.

In Frankreich, wo ihre Filme im offiziellen Programm von Cannes zu sehen waren, feiert man die beiden für ihren radikalen Formwillen schon neben Christian Petzold oder Angela Schanelec als Vertreter einer "Neuen Deutschen Welle", hierzulande kriegen die Regisseure ihre Arbeiten trotzdem nur schwer ins Kino. Was nicht verwundert, taugen ihre komplexen Dramen trotz heikler Thematik nicht dazu, als Thesenfutter in Talkshows gereicht zu werden. Beim am Freitag vergebenen Deutschen Filmpreis kamen beide Produktionen bezeichnenderweise nicht vor.

Täter und Löhne

Dabei könnte ein Film wie Heisenbergs "Schläfer", unlängst immerhin mit dem für das deutsche Nachwuchskino unverzichtbaren Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, doch Licht in die aktuelle Stasi-Debatte bringen. Eben gerade weil diesem Meta-Thriller alles Monströse oder Heroische abgeht. Denunziation kommt hier als Alltagsentscheidung und Karriereplanungsaspekt daher; ruhig, unnachgiebig und auf hochgradig verstörende Weise arbeitet sich der Film auf diese Weise zum Wesen des Verrats vor.

Der junge Virologe Johannes (Bastian Trost) ist eigentlich ein netter Kerl. Gerade hat er als Doktorand angefangen, Kollege Farid (Mehdi Nebbou) serviert zur Begrüßung einen hochprozentigen Alkoholcocktail im Reagenzglas. Bald ziehen die beiden zusammen um die Häuser. Doch der Blick auf den Algerier ist eben nicht ungetrübt, überall finden sich mögliche Bestätigungen des Verdachts, den die Verfassungsschutzbeamtin geäußert hat. Als Johannes vom Freund das Mädchen ausgespannt und dann auch noch von ihm im wissenschaftlichen Wettbewerb abgehängt wird, wächst das Gefühl, es mit einem Verschwörer zu tun zu haben. Es ist nun mal so: Wir sehen, was uns ins Bild passt.

Die Denunziation an sich ist dann keine große Sache mehr. Dass der Algerier tatsächlich ein Terrorist sein könnte, erscheint unerheblich. Der "Schläfer", um den es hier geht, ist in Wirklichkeit der junge deutsche Wissenschaftler, in dem das Potenzial zum Verrat und zur Vernichtung schlummert.

Fiktion und Befreiung

In einem ähnlichen Spannungsfeld hat Christoph Hochhäusler sein Adoleszenzdrama "Falscher Bekenner" angesiedelt: Armin (Constantin von Jascheroff) hat die Schule geschmissen, nun schreibt er auf Anregung seines Vaters eine Lehrstellenbewerbung pro Tag. Einstellungsgespräche steht er lustlos durch, Annäherungsversuche an eine Nachbarin scheitern, in seinen Tagträumen lässt er sich von einer Motorradgang vergewaltigen.

Doch mit dem ersten Schreiben, in dem er sich zu einem Anschlag bekennt, der in Wirklichkeit ja ein Unfall war, entwickelt der Hänger einen eigentümlichen Elan. Aus dem diffusen Zustand der Pubertät spinnt er sich ein gewagtes Selbstbild zusammen: Er ist jetzt Terrorist. So somnambul er sich am Anfang auch durch die atemberaubend kühl fotografierte Peripherie des Ruhrgebiets schleppt - irgendwann hält er den Illusionsapparat mit beachtlichem logistischem Aufwand am Laufen. Die Lüge wird zum Fulltime-Job.

So konstruiert sich der junge Delinquent in der Tristesse am Rande Mönchengladbachs eine gefährliche Scheinidentität zusammen. Das Beige und Braun des Reihenhauskosmos samt seiner überfürsorglichen Mutter und dem kumpelhaften Vater schlucken jeden zaghaften Widerstand. Jeder hat einen guten Tipp für den Jungen parat, der ältere Bruder genauso wie der Personalleiter beim Bewerbungsgespräch.

Der Ausbruch aus dem Gefängnis freundlicher Direktiven erscheint in "Falscher Bekenner" nur als grausamer Regelverstoß möglich. Wie glücklich Armin ist, als er von der Polizei als Terrorverdächtiger abgeführt wird! Die Pubertät ist nun mal ein Paradox: Der schönste Moment ist es, wenn andere in einem erkennen, was man vorgibt zu sein. Es ist eben alles eine Frage der Wahrnehmung.

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