"Findet Nemo"-Fortsetzung Etwas von Dorie ist verloren gegangen

Das Pixar-Meeresabenteuer "Findet Nemo" gilt als Animationsfilmklassiker. Die Fortsetzung will noch mehr: Bei "Findet Dorie" geht es nicht nur um Familie, sondern auch um Selbstfindung.

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Wer im Laufe der vergangenen 13 Jahre vergessen haben sollte, wer eigentlich Dorie ist, dem hilft der Disney-Konzern seit Monaten kräftig auf die Sprünge. Die blaue Doktorfisch-Dame war schon im Sommer am Strand auf den Badetüchern junger Schwimmer zu sehen, an innerstädtischen Laternenmasten hängen Dorie-Vermisstenanzeigen, und zum Filmstart kommt auch ein "Findet Dorie"-Magazin an den Kiosk.

Dass "Findet Dorie" allerdings in den USA im Juli den erfolgreichsten Kinostart eines Animationsfilms überhaupt hinlegte, ist gewiss nicht nur mit patentem und potentem Produktmarketing zu erklären. Sondern vor allem damit, dass es die Fortsetzung von "Findet Nemo" ist, einem Film, der längst nicht nur zu den Klassikern des Genres gezählt wird, sondern unlängst in einer BBC-Umfrage sogar zu einem der besten Filme unserer Epoche insgesamt.

"Findet Nemo" hat seit 2003 kaum etwas von seinem Charme eingebüßt, was sicher auch daran liegt, dass seine Grundgeschichte - ein Vater sucht seinen verlorenen Sohn und überwindet dabei alle Hindernisse - so allgemeinverständlich und zeitlos ist. Der Vater, Clownsfisch Marlin, sucht sich Hilfe (allen voran die ewig optimistische Dorie), und zusammen schaffen sie es und finden Nemo, den Sohn.

Ein Szenario für einen philosophisch angehauchten Thriller

Für die Fortsetzung haben die Macher aus den Pixar Studios eine Art von Wiederholung gefunden, wollen aber mit dem Grundkonzept der Geschichte noch mehr erreichen. Bei "Findet Dorie" geht es im Kern ebenfalls um eine Familienzusammenführung - auch Dorie wurde, wie Nemo, schon als kleines Kind von ihren Eltern getrennt und will sie nun wiedersehen.

Doch Dorie muss sich erst mal daran erinnern, dass sie überhaupt Eltern hat. Denn, das ist ja der erzählerische Clou dieser Figur, sie ist ja so unglaublich vergesslich. Deswegen beinhaltet der Filmtitel "Findet Dorie" diesmal, dass Dorie sich selber finden muss; in ihrem unzuverlässigen Gedächtnis sucht sie nach Spuren ihrer Vergangenheit und damit auch ihrer Persönlichkeit. Ein Ausgangsszenario mit viel Potenzial - aber vielleicht doch eher für einen philosophisch angehauchten Thriller als für ein Animationsabenteuer, das auch Vorschulkinder ansprechen soll?

Jedenfalls macht sich Dorie auf den Weg durch den Ozean und wird dabei begleitet vom Vater-Sohn-Duo Marlin und Nemo. Hindernisse sorgen für Action, aber schon bald wird ein Mangel im Vergleich zu "Findet Nemo" bemerkbar: Dorie ist nicht mehr so lustig (obwohl die Rolle, die im Original Ellen DeGeneres hat, in der deutschen Fassung wieder sehr gelungen von Anke Engelke gesprochen wird.)

Im ersten Film war Dories Vergesslichkeit stete Quelle für fröhlichen Quatsch - und wurde gerade von den jungen Zuschauern erstaunlich schnell als selbstverständlich hingenommen. Nun aber werden die Gedächtnislücken thematisiert, sie machen Dorie traurig, verändern den Charakter. Er wird vielschichtiger, aber leider auch weniger überzeugend.

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"Findet Dorie": Was würde Dorie tun?

"Findet Dorie" hat Andrew Stanton geschrieben, der auch schon bei den "Toy Story"-Filmen am Drehbuch beteiligt war. Beim wunderbaren postapokalyptischen Roboterdrama "WALL-E" führte er zusätzlich die Regie, wie auch bei "Nemo" und "Dorie". Wenn es in Uniseminaren heißt, Pixar sei ein Beispiel für das Studio als Auteur, so ist Stanton in diesem System wiederum selbst ein Autorenfilmer. Natürlich ist dieser Verlust den erfahrenen Storybastlern bei Pixar bewusst.

Als Comic-Relief-Ersatz tritt also diesmal ein neuer Charakter an: Der mürrische Krake Hank, dem ein Tentakel fehlt, weswegen er kein Oktopus sein kann, sondern ein Septopus, sorgt mit seiner Wandlungsfähigkeit für einige gelungene Slapstick-Gags. Hank ist so etwas wie der Weise des Meeresbiologischen Instituts in Kalifornien, in das alle Pfade von Dories Vergangenheitssuche hinführen.

Gut wäre, wenn es keinen Doktorfisch-Hype gäbe

Ein versehrter Tintenfisch, eine Hauptfigur mit Amnesie, dazu Nemo mit seiner schwächeren "Glücksflosse" - "Findet Dorie" hat eine klare inhaltliche Botschaft: Ob körperliche oder geistige Handicaps - jeder hat seine speziellen Stärken, die der Gemeinschaft nützen können. Es wird nicht sonderlich subtil vorgebracht, aber dieses Plädoyer für Inklusion hat seinen Wert in einem Film, der sich an Kinder und ihre Eltern richtet.

So positioniert sich "Findet Dorie" auf durchaus gelungene Weise im Geiste des gefeierten Vorgängers, doch will der neue Film mehr, mehr Themen, mehr Komplexität - will aber zugleich auf der simplen Ebene funktionieren, die bei "Nemo" ja schon durch die klaren, leuchtenden Farben der Fische symbolisiert wurde. Im Kino läuft vor "Dorie" ein Vorfilm aus dem Hause Pixar namens "Piper", der sehr eindrucksvoll die neuesten Errungenschaften in Sachen Fotorealismus vorführt. Vielleicht würde diese Optik besser zu einer Dorie auf Selbstfindungstrip passen.

Ein Gutes hat es aber vielleicht, dass die blaue Fischfigur jetzt weniger gelungen ist: "Findet Nemo" hatte ja seinerzeit einen Clownsfisch-Hype unter jungen Aquarianern ausgelöst. Vielleicht wird der Paletten-Doktorfisch, dem Dorie nachempfunden ist, nicht so stark als Aquariumstier nachgefragt und wird nicht in so großer Zahl unter schrecklichen Umständen aus dem Meer gefischt.

Im Video: Der Trailer zu "Findet Dorie"

Disney
"Findet Dorie"

    USA 2016

    Regie: Andrew Stanton, Angus MacLane

    Drehbuch: Andrew Stanton, Victoria Strouse

    Synchronstimmen (deutsche Fassung): Anke Engelke, Christian Tramitz, Udo Wachtveitl

    Synchronstimmen (Originalfassung): Ellen DeGeneres, Albert Brooks, Idris Elbe, Kaitlin Olson, Ed O'Neill, Eugene Levy, Diane Keaton, Willem Dafoe

    Produktion: Pixar Animation Studios, Walt Disney Company

    Verleih: Walt Disney Germany

    Länge: 97 Minuten

    Start: 29. September 2016



insgesamt 10 Beiträge
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querollo 29.09.2016
1. Waaalisch
Ich hab den Film schon auf Englisch gesehen und kann mich der Beurteilung, der Film habe gegenüber Nemo verloren, überhaupt nicht anschließen. Dorie ist hier nicht mehr oder weniger lustig. Sie ist vor allem in den Fokus gerückt. Sie ist kein Sidekick mehr. Mit Nemo und seinem Vater sind wir auch durch dick und dünn gegangen und haben von ihnen gelernt, wie weit wir Feiglinge kommen können, wenn wir uns einfach mal in ein Abenteuer stürzen, das wir uns eigentlich nicht zutrauen. Von Dorie lernen wir jetzt, dass unsere eigene Beurteilung unserer Schwächen meist sehr viel harscher ausfällt, als die anderer. Natürlich fühlt sich Dorie von ihrer Gedächtnisschwäche eingeschränkt. Wer täte das nicht? Aber sie lernt hier auch, wie hervorragend sie sich dennoch geschlagen hat und dass ihre Behinderung sie offenbar weit weniger einschränkt als ihre Angst davor. Vielleicht ist das einfach nur nicht so das Thema des Autors. Ich bin da meine eigene Dorie und finde deswegen den Film ganz ungeheuer sehenswert.
Idefix™ 29.09.2016
2. Auf jeden Fall
werde ich mir den Film ansehen! Findet Nemo war schon echt super. Mittlerweile spreche ich Dank Dorie auch schon ganz passabel Buckelwalisch....
Ringmodulation 29.09.2016
3. Die Überwasser-Szenen sehen atemberaubend aus
Leider wirkt alles, was unter Wasser spielt, immer noch genau wie 2003. Natürlich hat man, wenn man die Figuren unter Wasser Bewegungen ausführen lässt, die wegen der Trägheit des Wassers eigentlich unmöglich wären, das Problem, dass bei zu hoher Bildqualität der Zuschauer gar nicht mehr intuitiv fühlt, ob das ganze jetzt unter oder über Wasser stattfindet. Aber da hätte man eine bessere Lösung finden müssen als alles milchig-diffus aussehen zu lassen. Klareres Wasser, dafür feinere Partikel und vor allem aufwändigere Kaustik hätten diesem Teil des Films gutgetan.
cybernic 29.09.2016
4. Geht in Ordnung
Mit weniger Erwartungen ins Kino zu gehen, steigert in jedem Fall das Filmvergnügen.
andreasclevert 29.09.2016
5. wir hatten
den Film schon in Spanien im Sommer gesehen, und die Kinder (3, 6, 8) waren hin und weg. Auch von Dorie. Der Charakter gewinnt doch durch seine Vielschichtigkeit.
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