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Herausragender Debütfilm "Finsterworld" Dieses komische Deutschland

Soll man all diese Spinner lieben oder verachten? Mit ihrem Debütfilm "Finsterworld" gelingt Frauke Finsterwalder eine gloriose Schau menschlicher Befindlichkeiten. Bloß ihr seltsames Deutschland-Bild wirft Fragen auf. Was zu erwarten war bei diesem Co-Autor - dem umstrittenen Christian Kracht.
Von Kirsten Rießelmann

Im morgendlichen, flirrend durch die Baumstämme fallenden Sonnenlicht tanzen die Partikel des Waldes einen wunderschönen Reigen. Ein Einsiedler birgt eine verletzte Krähe. Ein Fußpfleger fährt mit überhöhter Geschwindigkeit über eine Landstraße und besticht den Polizisten, der ihn anhält, mit Fußpflegeprodukten. Eine TV-Doku-Macherin scheitert daran, einen Sozialbaubewohner zum Reden zu kriegen, gibt sich der Chefin gegenüber aber betont optimistisch: "So richtig große Gefühle zeigt er noch nicht, aber das krieg ich schon noch erzählt, kennst mich ja." Ein Werber-Ehepaar auf Businesstrip nach Paris bucht einen Mietwagen, will aber partout kein "Nazi-Auto", keinen Mercedes, keinen Porsche, keinen BMW. Ein Schnösel in Privatschuluniform begrüßt am Tag der Studienfahrt seine Mitschüler: "Na, ihr Spasmos! Ready for the KZ-Besuch?"

Die Schönheit der Landschaft, die Skurrilität, die Liebens- und Verachtungswürdigkeit der Menschen und die Fallstricke im Umgang mit deutscher Vergangenheit und nationaler Identität: Um all das geht es in Frauke Finsterwalders Spielfilmdebüt "Finsterworld". Schon die Exposition ist eine Verdichtung dessen, was diesen bemerkenswerten Film ausmacht: Es ist das Kaleidoskopische eines Episodenfilms, der sich absichtsvoll nicht entscheidet, ob er Komödie, Tragödie, sozialpsychologische Studie oder Märchen sein will.

Die Regisseurin (selbst ausgebildete Dokumentarfilmerin) hat gemeinsam mit ihrem Co-Drehbuchautoren und Ehemann Christian Kracht ("Faserland", "Imperium" ) eine ganze Menge richtig gemacht. Die Dialoge perlen auf eine Art und Weise, die die Veröffentlichung des Scripts als Taschenbuch sinnfällig macht. Das Licht ist für jeden Handlungsstrang passgenau gesetzt - mal liegt es leicht mattiert und flächig auf den Lederpolstern der Limousine, mal gleißt es über dem blühenden Rapsfeld, dann wieder fällt es retro-staubig durch die zerschlissenen Vorhänge im Altenheim, wo der Fußpfleger der Klientin seine Liebe gesteht.

Wo und wann sind wir?

Das Darstellerensemble ist mit Sandra Hüller, Corinna Harfouch, Margit Carstensen, Michael Maertens, Bernhard Schütz und Ronald Zehrfeld Crème de la crème, der minimalistische Soundtrack der grandiosen Künstlerin Michaela Melián schon für sich ein Trumpf. Die Settings haben sämtlich etwas merkwürdig Hyperreales, die Bilder scheinen wie unter einem Brennglas zu liegen, es gibt keine Statisten und keine Komparserie, in einem fort scheint die Sonne, es bleibt unklar, ob wir uns in einem Deutschland von heute oder von übermorgen befinden.

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"Finsterworld": Die Sache mit dem Deutsch-Sein

Foto: Alamode

Über diese Stilmittel bekommt "Finsterworld" seinen märchenhaften Touch, das überzeitlich Parabelhafte, das irgendwie auch der Versuch zu sein scheint, Deutsch-Sein in der postpostfaschistischen Zeit als Gefühlszustand zu bestimmen. Solange Schüler Ausflüge zu KZ-Gedenkstätten machen, scheint der Film hier und da nahezulegen, wo ihnen inbrünstig deutschlandkritische Lehrer die Kollektivschuld aufdrücken, werden sie in ihrer pubertären Überfordertheit Mitschülerinnen in den Verbrennungsofen stoßen. Und fehlende positive Identifikationsangebote jenseits von "Punkt, Punkt, Komma, Strich, Oberlippenbärtchen" betrauern.

Dieses Hadern mit Deutschland und dem Deutsch-Sein, das nicht alle, aber doch einige der "Finsterworld"-Figuren an den Tag legen, hat seine komischen und seine altbekannten Seiten. Es muss sich jedoch auch die Frage nach der politischen Stoßrichtung gefallen lassen, bleibt doch etwas unklar, ob hier eine einfachere nationale Identifikationsmöglichkeit ersehnt, ob das Komplizierte und Komplexbehaftete des Deutschseins belächelt oder ob ein an sich doch wünschenswert uneinfacher Zustand mit Zärtlichkeit betrachtet wird.

Wenn "Finsterworld" die Deutschland-Thematik zur Seite legt und das Uneinfache des Menschseins als solches betrachtet, die Stellen, wo Verkorkstheiten, Fetische und schräge Sublimierungsversuche als das Normale aufscheinen, sind auf jeden Fall die stärkeren. Wenn der Film sich, kurz gesagt, um seine tollen Figuren kümmert. Ob Fußpfleger Claude, dieser Kleinbürger mit dem großen Herzen, die abgeraspelte Hornhaut seiner Lieblingsklientin sammelt und in Keksen verbackt. Oder ob Polizist Tom im flauschigen Bärenkostüm während der Dienstzeit zu Furry-Partys eilt: Alle Figuren haben einen offenkundigen Hau weg, oszillieren zwischen liebenswert und unheimlich.

Den Ausgang jeder Episode hält der Film lange offen. Dass der Zuschauer besonders gegen Ende recht unvorhersehbar von der Erheiterung in die Ergriffenheit oder gar ins Entsetzen gestoßen wird, ist einer seiner großen Pluspunkte. Jenseits der wabernden Deutschland-Exegese gelingt "Finsterworld" so ein Kino-Vexierbild, in dem mit atemberaubender Schnelligkeit und Souveränität Liebe in Hass, Bekenntnis in Zurückweisung, Menschlichkeit in Barbarei und Identität in einen Scherbenhaufen umschlägt. Für einen deutschen Kinofilm deutlich mehr, als gemeinhin zu erwarten steht.

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