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29. Juli 2007, 16:54 Uhr

Florian Henckel von Donnersmarck

"Ulrich Mühe war ein großer Mann"

"Ohne ihn hätte ich keinen Oscar" sagt der Regisseur des Films "Das Leben der Anderen" über den verstorbenen Schauspieler. Einer Zeitung gegenüber gab er an, er habe sogar vorgehabt, Mühe seinen Oscar zu überlassen.

Berlin - Der Regisseur und Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck hat den verstorbenen Ulrich Mühe als einen "genialen Schauspieler" und "großen Mann" gewürdigt. Mühe, von Donnersmarcks Hauptdarsteller im Oscar-gekrönten Film "Das Leben der Anderen", sei "offen, feinfühlig, kreativ und diszipliniert" gewesen, sagte der Regisseur der "Bild am Sonntag". "Was mich aber bei den Dreharbeiten fast noch mehr beeindruckt hat, war sein wirklich demokratischer Geist", betonte er. Mühe sei zu allen "gleichermaßen höflich und respektvoll, ganz unabhängig von Rang und vermeintlicher Wichtigkeit" gewesen: "Er war ein großer Mann."

Florian Graf Henckel von Donnersmarck und Ulrich Mühe (v.l.): "Ohne Ulrich Mühe hätte ich keinen Oscar"
DPA

Florian Graf Henckel von Donnersmarck und Ulrich Mühe (v.l.): "Ohne Ulrich Mühe hätte ich keinen Oscar"

Bei ihrer ersten Begegnung sei er von Mühe regelrecht eingeschüchtert gewesen, sagte von Donnersmarck dem Blatt: "Ulrich war ein richtiger Herr, und so etwas begegnet einem nicht oft." Mühe habe ihn "auf seine interessierte, vorurteilslose, aber - zumindest auf den ersten Blick - nicht gerade überbordend herzliche Art" angesehen. Es sei ein sehr interessantes Gespräch gewesen, "das ich hätte genießen könne, wenn für mich nicht so wahnsinnig viel auf dem Spiel gestanden hätte".

Zum letzten Mal habe er drei Tage vor dessen Tod am Telefon mit Ulrich Mühe gesprochen, sagte Henckel von Donnersmarck. "Seine Stimme war schon viel schwächer als in den Wochen davor. Er erzählte mir von Tom Cruises Besuch bei ihm zu Hause und sagte mir, wie viel ihm diese Anerkennung bedeutet hatte", fügte er hinzu. Auf die Frage, was er ihm gerne noch gesagt hätte, antwortete Henckel von Donnersmarck: "Dass ihn viel mehr Menschen geliebt haben, als er es zuletzt geglaubt hat. Leider zeigen wir in Deutschland unseren großen Schauspielern oft nicht genug Zuneigung. Er hätte noch mehr davon gebraucht."

Als eigentlichen Abschied bezeichnete der Regisseur seinen Besuch bei Mühe im Winter, bevor er in die USA zog. "Er lud mich zu sich nach Hause ein, holte aus seiner Bibliothek eine winzige Ausgabe von Goethes 'Faust' und sagte 'Die hat mein Vater den ganzen Krieg hindurch im Ranzen gehabt, ich möchte sie dir schenken, vielleicht machst du ja einen Film daraus'."

"Ohne Ulrich Mühe hätte ich keinen Oscar", sagte von Donnersmarck: "Als Autor liefere ich nur die Noten, als Regisseur bin ich vielleicht noch der Dirigent", aber die Musik, das seien die Schauspieler. Auf einen Vorschlag von Mühes Frau Susanne Lothar hin habe er Mühe den Oscar noch vor seinem Tod schicken wollen - "eine wunderbare Idee"- und habe ihm sogar schon die Begleitkarte geschrieben: "Lieber Ulrich. Hier ist der Oscar. Er gehört Dir, solange Du lebst, und ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich die nächsten 40 Jahre ohne diesen Goldjungen bin." Da habe ihn die Nachricht vom Tod Mühe erreicht. Der an Magenkrebs leidende Mühe war am vergangenen Sonntag gestorben, wenige Tage, nachdem er seine Krankheit publik gemacht hatte.

mak/afp/AP/ddp

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