Flugangst im Kino Neue Thriller gegen das 9/11-Trauma

Seit dem 11. September 2001 galt das Thema Fliegen bei amerikanischen Kinoschaffenden als Tabu. Vier Jahre später trauen sich Filme wie "Red Eye" und "Flight Plan" wieder in die Luft und beleben das traditionsreiche Flugangst-Genre neu.

Auf der Flugzeugtoilette poltert es verdächtig. Als sich die Tür öffnet, treten eine Frau und ein Mann heraus. Sie ordnet sich den Rock und die zersausten Haare, er zwinkert schelmisch der Stewardess zu. Die Flugbegleiterin ist von so viel Schamlosigkeit empört und belehrt das Paar, dass die Maschine kein Motel sei.

Doch was aussieht wie ein Quickie auf dem Bord-WC, ist in Wirklichkeit die gewalttätige Eskalation einer folgenschweren Erpressung: Eine junge Frau sieht sich während eines Nachtflugs dazu gezwungen, an der Ermordung eines Politikers mitzuwirken. Weigert sie sich, erschießt man ihren Vater, den die Attentäter schon unten auf dem Boden ins Visier genommen haben. Auf der Toilette hat das Opfer erfolglos versucht, sich gegen ihren Peiniger aufzulehnen.

Wie sich der Traum vom Fliegen in einen Alptraum des absoluten Ausgeliefertseins verwandelt - darüber hat der Horror-Altmeister Wes Craven mit "Red Eye" einen so überschaubaren wie effizienten Thriller gedreht. Über weite Strecken reichen ihm als Setting ein paar Sitzreihen der Touristenklasse und die Flugzeugtoilette. Ein Kind, eine nette alte Dame und ein paar Stewardessen stellen das bescheidene Personal dieses klaustrophobischen Kammerspiels über den Wolken dar.

Auf diese Weise wird eine der eigentümlichsten Ausformungen des US-Kinos reaktiviert: der Flugangst-Thriller. Ein Subgenre, das die viel beschworene amerikanische Mobilität auf engstem Raum ad absurdum führt. Denn über den Wolken findet der Mensch eben nicht die grenzenlose Freiheit, hier wird er vielmehr zwischen viel zu engen Sitzreihen mit der Unlenkbarkeit des eigenen Schicksals konfrontiert. Vor dem Szenario technischer Allmacht entfalten sich Geschichten größtmöglicher Ohnmacht.

Schon in den siebziger Jahren, als das Fliegen zumindest in den USA zu einem klassenlosen Unterfangen geworden war, schürte Hollywood im großen Stil die Skepsis seiner Zuschauer gegen die Luftfahrttechnik. In den Filmen der "Airport"-Reihe, die einen Boom an Katastrophenschockern immer gleicher Machart auslösten, mussten sich Reisegäste aus allen Schichten und Ethnien in Maschinen mit vergifteten Piloten oder vitalen Bombenlegern herumschlagen. Das waren als Thriller getarnte Gesellschaftspanoramen - in denen allerdings nach den heftigen Turbulenzen oft der Glaube an die Technik und die soziale Ordnung auf rührende Weise wiederhergestellt wurde.

Parallel zur Ausgestaltung des Actionkinos, in der man modernste Technik auf immer aberwitzigere Weise in die Handlung integrierte, wurden die Maschinen bald zu den eigentlichen Stars. In den neunziger Jahren setzte man sie als fliegende Abenteuerspielplätze in Szene, in der von der Ladeluke bis zum Cockpit sämtliche Apparaturen als Handlungsgimmicks instrumentalisiert wurden. Ob sich da in "Passagier 57" ein Sicherheitsbeamter durch die Stauräume einer gekaperten Passagiermaschine schlug oder ob sich in "Con-Air" ein Haufen Häftlinge im Knastbomber selbstständig machte - die Phantasie siegte meist über piefige Plausibilitätskriterien.

Derart unbeschwert ließ es sich allerdings nicht ins nächste Jahrtausend fliegen: Nach den Terroranschlägen des 11. Septembers war das Flugzeug im US-Kino so gut wie nicht mehr existent. Nicht nur aus Actionreißern wurde es verbannt, auch in Komödien sah man es kaum noch - da wurde der Held weder zur Belustigung des Publikums beim Einchecken vom Bodenpersonal schikaniert noch von korpulenten Sitznachbarn gequält. Lediglich Tom Hanks durfte sich in Steven Spielbergs Dramolett "The Terminal" (2004) einen ganzen Film lang auf dem New Yorker Flughafen herumtreiben. In die Luft gehen durfte er bezeichnenderweise nicht. Das Fliegen war Teil eines nationalen Traumas geworden; als Spannungserzeugung oder Amüsement im Popcornkino war es erstmal tabu.

Das ändert sich jetzt offenbar wieder. Nach "Red Eye" (seit vergangener Woche im Kino) läuft im Oktober gleich ein weiterer Flugangst-Thriller an: In "Flight Plan" (Start: 20. Oktober) wird Jodie Foster als Mutter zu sehen sein, deren Tochter während eines Trips von Berlin nach New York spurlos verschwindet. So fühlt sich das Kino also langsam wieder auf ein Terrain vor, das nach dem September 2001 kaum noch Abbildung gefunden hat. Und auch im Actionkino darf wieder rasant geflogen werden: Im eher grobschlächtigen Thriller "Stealth" (Kinostart diese Woche) muss sich ein Team markiger Piloten gegen die Künstliche Intelligenz einer Kampfbomber-Steuerautomatik behaupten.

In "Red Eye", der eigentlich als kleiner, abgründiger Schocker angelegt ist, arbeitet sich Wes Craven mit behutsamen Tastbewegungen in die Handlung hinein. Er zeigt Hotelmanagerin Lisa (präsent und präzise: Rachel McAdams) ausgiebig beim Einchecken. Sonst vergehen beim Horror-Veteran Craven ("Scream") kaum zwei Minuten bis zur ersten Leiche, hier nun folgt er seiner Filmheldin ganze 20 Minuten bei ihrem relativ ereignislosen Gang durch den Terminal - als wolle er dem Zuschauer Zeit lassen, sich erstmal wieder vertraut zu machen mit dem Flughafenkosmos, den er im Kino schon lange nicht mehr gesehen hat.

Die Schlange beim Check-in, nörgelnde Wichtigtuer, das Zeittotschlagen in der Lounge - Craven setzt diese Details so beiläufig ins Bild, dass der Einbruch des Schreckens in das Reiseszenario umso nachhaltiger wirken muss: Der sympathische junge Mann (Cillian Murphy), mit dem Lisa beim Warten in der Airport-Bar einen Cocktail getrunken hat, entpuppt sich im Flugzeug als Erpresser: Er fordert die Hotelmanagerin auf, per Telefon ihre Kollegin anzuweisen, einen in ihrem Haus absteigenden Politiker in ein anderes Zimmer zu verlegen - so dass dieser von seiner Terrorgruppe problemlos ins Visier genommen werden kann.

Aus diesem beklemmenden Szenario entwickelt Craven ein ausgeklügeltes Katz-und-Maus-Spiel, das wohl nicht ohne Grund gleich in der ersten Woche nach US-Kinostart fast die gesamten Produktionskosten einspielte. "Red Eye" ist ein erstklassiger Thriller, zielt zudem aber auch noch mit subversivem Elan aufs Trauma einer Nation von Vielfliegern. Die Heldin erscheint verletzlich und leidgeprüft. Offensichtlich, so deutet Craven an, ist sie mal Opfer einer Vergewaltigung geworden.

Im letzten Drittel, als die Verfolgte wieder festen Boden unter den Füßen hat und einen brachialen Aktionismus an den Tag legt, weist "Red Eye" denn auch Parallelen zu klassischen Rachethrillern wie "Die Frau mit der .45er Magnum" auf. So dass die junge geschundene Businessfrau unter vollem Körpereinsatz schließlich ihren Peiniger erlegen kann - und als Nebeneffekt eine hochgerüstete und doch so angreifbare Nation vor einem verheerenden Anschlag rettet. Sie braucht dazu übrigens nicht mehr als einen alten Hockeyschläger.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.