Kinodoku "Fragen Sie Dr. Ruth" Sexualkundelehrerin der Nation

Der Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" porträtiert Ruth Westheimer, die als Kind einer jüdischen Familie in Frankfurt aufwuchs, den Nazis entkam und als Erwachsene die lustigste Sex-Ratgeberin der USA wurde.
Dr. Ruth Westheimer

Dr. Ruth Westheimer

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Natürlich berichtet sie auch davon, wie es war, als sie selbst zum ersten Mal Sex hatte. Dr. Ruth Westheimer ist inzwischen 92 Jahre alt und vermutlich die bekannteste Sex-Therapeutin der Welt. In den USA war sie viele Jahre lang ein Radio- und Fernsehstar. Der Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" präsentiert die Heldin gleich zu Beginn bei historischen TV-Auftritten mit David Letterman, Barack Obama und diversen Hollywoodstars - und die robuste Komik ihrer Auftritte verbirgt nicht den Ernst ihres Anliegens, auf leicht begreifliche Weise Sexualität zu erklären. "Ich habe die Aufgabe, etwas Bleibendes zu schaffen", sagt Ruth Westheimer einmal in die Kamera. 

In den Momenten, in denen sie von ihrer ersten Liebesnacht erzählt, die sie als 18-Jährige in einem israelischen Kibbuz erlebte, sehen die Kinozuschauerinnen und Kinozuschauer in Animationsbildern, wie sie mit ihrem jungen Liebhaber, einem Soldaten, Hand in Hand zu dem Heuschober stürmt, in dem sie ihre Unschuld verlieren wird. Dann zeigt der Film, wie die reale Ruth Westheimer im Jahr 2018 im gleichen Kibbuz herumspaziert und von der damaligen Erfahrung schwärmt. 

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"Fragen Sie Dr. Ruth"

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Der Dokumentarfilmer Ryan White lässt sein Werk über das Leben der stets herzerfrischenden Ruth Westheimer öfter aussehen wie eine Graphic Novel, die wichtige Szenen aus dem Leben der Heldin ein bisschen kitschig nachstellt. Wirklich lebendig, komisch und oft berührend aber ist Whites Film, weil die mittlerweile 92-jährige Westheimer fast ununterbrochen selbst zu Wort kommt. Sie erzählt mit wunderbar aufgekratzter Stimme von sehr finsteren Zeiten. Von ihrer Kindheit in einer jüdischen Familie in Frankfurt am Main, während die Nazis die Macht in Deutschland erobern. Von der Deportation ihres Vaters ins KZ 1938 und von ihrer Verschickung mit einem sogenannten Kindertransport in die Schweiz. Von ihrem Einsatz als Scharfschützin in der jüdischen Befreiungstruppe Haganah im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1947. 

Nach einem Studium in Paris und der Übersiedlung in die USA in den Fünfzigerjahren begann Westheimers TV-Erfolgsgeschichte dort erst in den Achtzigerjahren. In einer notorisch verklemmten und zugleich sexverrückten Gesellschaft leistete Westheimer grandiose, heitere Aufklärungsarbeit nicht bloß dadurch, dass sie die menschlichen Geschlechtsteile und ihren Gebrauch höchst anschaulich erklärte. Sie riet auch manchen ihrer Rat suchenden Klientinnen, wie man im Film sieht, sich doch bitte sofort von ihrem Partner zu trennen und einen neuen Kerl zu finden.

Filminfo

"Fragen Sie Dr. Ruth"
Originaltitel: "Ask Dr. Ruth"
USA 2018
Buch und Regie: Ryan White
Verleih: Filmwelt
Länge: 100 Minuten
Freigegeben: ab 6 Jahren
Start: 27. August 2020

Nach therapeutischen und wissenschaftlichen Maßstäben benahm sich Westheimer also keineswegs immer seriös, was einer ihrer Kollegen auch streng bemäkelt. Es ist im Grunde der einzige kritische Einwand in einem Porträt, das Züge einer Anbetung hat. Der Filmemacher Ryan White, der zuvor unter anderem einen Dokumentarfilm über die Tennisspielerin Serena Williams gemacht hat, ist offensichtlich selbst hingerissen von Westheimers Charme. Er begleitet die 145 Zentimeter große Heldin in den Schweizer Ort Wengen, wo sie ihre Jugendjahre verlebte, gequält von der Sorge um die Eltern, die von den Nationalsozialisten deportiert und schließlich im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. 

White besucht Westheimer in ihrem sympathisch unaufgeräumten Büro im New Yorker Stadtteil Washington Heights im Norden von Manhattan. Und er beobachtet sie auf der Geburtstagsparty anlässlich ihres Neunzigsten in einer Gesellschaft von klugen und ihr herzlich ergebenen Mitmenschen. Er lässt sie von diversen Ehemännern sowie ein paar kleinen und großen Enttäuschungen erzählen und im Kreis von Kindern und Enkelinnen listig und lustig schwadronieren.

Der Mut, die Klugheit und der Witz, mit denen Dr. Westheimer von Sex sprach und spricht, mögen manch heutiger Betrachterin gar nicht mehr so revolutionär erscheinen. Deshalb ist es ganz gut, dass in diesem Film einmal die Feministin Gloria Steinem zu Wort kommt mit der Bemerkung, sie habe "noch nie eine Frau in der Öffentlichkeit ehrlich über Sex reden hören", bevor Ruth Westheimer die Welt beglückte.

Zu den Merksätzen, die diese unbedingt der Aufklärung verpflichtete Entertainerin in die Welt schleuderte, gehört die Behauptung, dass unter den Männern ausgerechnet Skifahrer besonders gute Liebhaber seien. Westheimers Erklärung: "Sie sitzen nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher, sondern riskieren etwas - und sie verstehen es, mit dem Hintern zu wackeln."

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