François Truffaut Die süße Haut der Frauen

Filme waren für François Truffaut nicht bloß Eskapismus, sondern Verarbeitung der eigenen Biografie. In seinen Werken stellte sich der französische Regisseur seinen Obsessionen, seinem Hang zu Frauen und Zärtlichkeiten, seiner Leidenschaft für Literatur und Kino. Der 1984 verstorbene Erneuerer des europäischen Kinos wäre heute 70 Jahre alt geworden.

Von Marc Hairapetian


Truffaut mit Filmpartnerin Isabelle Adjani in "Die Geschichte der Adèle H.": Frauen Dinge tun lassen
AP

Truffaut mit Filmpartnerin Isabelle Adjani in "Die Geschichte der Adèle H.": Frauen Dinge tun lassen

"Der Film von morgen wird eine Liebeserklärung sein"


François Truffaut 1957


"Für mich bedeutet Kino zuallererst Unterhaltung, die auf einer Geschichte aufbaut, in der Personen vorgestellt werden, die etwas Konkretes erleben und fühlen. Kino, so wie ich es verstehe, ist nicht L'art pour l'art, sondern Darstellung bestimmter Aspekte des Lebens, die durch verschiedene Dimensionen bereichert werden. Ich halte mich da am liebsten an Hitchcocks Konzeption des Films: 'Unterhaltung gepaart mit Humor und möglichst frei von Arroganz.'"


François Truffaut 1981


Man stirbt erst wirklich im Vergessenwerden. Von dieser Idee ist Julien Davenne (François Truffaut) beseelt. Zehn Jahre nach dem Ersten Weltkrieg lebt der auf Nachrufe spezialisierte Journalist einer langsam dahinsiechenden Zeitung still und zurückgezogen in einer französischen Provinzstadt. Im Krieg hat er auf dem "Feld der Ehre" die meisten seiner Freunde verloren und kurz darauf auch seine Frau Julie. Doch diesem entscheidenden Verlust verweigert Davenne die Anerkennung. Im Obergeschoss des Hauses, das er zusammen mit seiner Haushälterin und dem taubstummen kleinen Georges bewohnt, hat er einen Gedenkraum voller Bilder und Gegenständen aus dem Besitz der Toten eingerichtet. Niemand außer ihm darf das "grüne Zimmer" betreten.

Hier lebt Julie für Julien weiter. Nächtelang führt er Phantomdialoge mit der Verstorbenen. Sein Trotz gegen das Unabänderliche geht so weit, dass er sich bei einem Puppenmacher eine lebensgroße Reproduktion seiner Frau anfertigen lässt. Doch als er erstmals die fertige Gipsfigur mit ihren erschreckend "toten" Glasaugen erblickt, befiehlt er entsetzt, sie zu zerstören. Eines Tages begegnet er Cécilia (Nathalie Baye). Auch die junge Frau lebt in der Erinnerung an einen geliebten Toten, aber sie spürt rasch, was sie von Julien unterscheidet: Er liebt die Toten mehr als die Lebenden. Dennoch fühlt sie sich hingezogen und versucht, Julien für das Leben zurückzugewinnen.

"Muss man die Toten vergessen?"

"Jules und Jim": Völkerverständigende Hommage an die Liebe
DPA

"Jules und Jim": Völkerverständigende Hommage an die Liebe

"Das grüne Zimmer" ist vielleicht nicht François Truffauts schönster, aber dafür sein ehrgeizigster, verstörendster und intimster Film. Der Regisseur, der die Frauen liebte und in "Jules et Jim" (1961) zuvor Faszination und Unmöglichkeit einer "reinen" Dreiecksbeziehung zeigte, schuf 1978 eine amour fou der besonderen Art: "Entgegen aller sozialen und religiösen Gepflogenheiten gibt es zu Toten ebenso aggressive und leidenschaftliche Beziehungen wie zu Lebenden", sagte Truffaut nach der Premiere. "Das grüne Zimmer kreist um die Frage: Muss man die Toten vergessen?" Truffaut ist auch fast 18 Jahre nach seinem viel zu frühen Tod unvergessen. Der ehemalige Filmkritiker und Mitbegründer der Nouvelle Vague wirkte als Gelegenheitsschauspieler immer wieder in eigenen wie fremden Produktionen (unter anderem in Spielbergs "Unheimliche Begegnung der dritten Art") mit - so intensiv wie in "Das grüne Zimmer" war er vor der Kamera jedoch nie wieder. Er ist darin sein eigenes Alter ego Julien Davenne, mehr noch als Jean-Pierre Léaud alias Antoine Doinel.

In dem mit cartesianischer Strenge inszenierten Kammerspiel, das auf zwei Kurzgeschichten von Henry James basiert, vermeidet Truffaut jeden Ansatz der Psychologisierung. Es gibt keine Rückblenden, die verflossenes Glück sichtbar machen. Davennes einziger Antrieb ist die ungelinderte Empörung über die Tatsache des Todes, gegen den er einem Don Quichotte gleich mit einer sich zum Wahn steigenden Besessenheit anrennt. Neben dem "grünen Zimmer" richtet er mit Cécilia in einer zerstörten Kapelle ein Mausoleum voller brennender Kerzen und Photografien erinnerungswürdiger Verstorbener ein. Truffaut versammelt hier in einem seltsamen Akt von Verehrung seine geliebten Vorbilder.

Charles Aznavour (r.) und Marie Dubois im Truffaut-Film "Schießen Sie auf den Pianisten": Die unendlich traurigen armenischen Augen
WDR

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Minutenlang lässt er die Kamera über Bilder von Marcel Proust, Oscar Wilde oder Maurice Jaubert schwenken. Die einzige der dort abgebildeten Personen, die zur Entstehung des Films noch lebte, war Oskar Werner, den der Betrachter auf einem Szenenphoto aus "Jules und Jim" in einen Soldatenmantel gehüllt schlafend sieht. Manche Kritiker nahmen Truffaut das übel - sie meinten, er hätte seinen einstigen Lieblingsdarsteller, mit dem es bei Dreharbeiten zu "Fahrenheit 451" zu erheblichen künstlerischen Differenzen gekommen war, für sich "ermordet". Sie wussten nicht, dass sich die beiden unbestechlichen Dickköpfe Mitte der siebziger Jahre bei einem langen Gespräch in Paris wieder ausgesöhnt hatten. Dies weiß jedenfalls die Schauspielerin Antje Weisgerber, Werners damalige Lebensgefährtin, zu berichten. So gesehen ist die Aufnahme des österreichischen Schauspielergenies in die "Galerie der Toten" eher als Ausdruck einer tiefen Verbundenheit Truffauts, die die Grenzen von Zeit und Raum nicht kennt, zu werten. Die zwei "Freunde, die sich wie Brüder nahe standen" (Werner), starben eigentümlicher Weise kurz nacheinander: Truffaut am 21. Oktober 1984 52-jährig, Werner zwei Tage darauf im Alter von 61 Jahren.

Ist das Kino wichtiger als das Leben?

Neben der Auseinandersetzung mit dem Tod, beschäftigte Truffaut zeitlebens eine andere Frage: Ist das Kino wichtiger als das Leben? Filme sehen und vor allem Filme machen war für ihn nicht eine Form von Eskapismus, sondern seine Art, das Leben zu bewältigen. Truffauts turbulenter Werdegang hat fast den Hauch des Romanhaften: Geboren am 6. 2. 1932 in Paris als Sohn eines Architekten wuchs das ungeliebte Einzelkind bis zum achten Lebensjahr bei seiner Großmutter auf. Mit 14 verließ er die Schule. Es folgten Selbstmordversuche und die kurzzeitige Einweisung in eine Besserungsanstalt. Früh suchte er Vaterersatzfiguren, die ihm inneren Halt geben konnten, und fand sie in Literatur und Film.

André Bazin, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Cahiers du Cinéma" förderte den jungen Truffaut. Er und seine Frau nahmen ihn in ihr Haus auf und beschafften ihm Arbeit bei diversen Magazinen als Kritiker. In dem berühmt gewordenen Aufsatz "Eine gewisse Tendenz des französischen Films" griff Truffaut 1954 das traditionelle Kino seiner Heimat heftig an: "Es huldigt nur noch der Konfektion". Stattdessen forderte er den "Autorenfilm". Nachdem eine Tätigkeit als Regieassistent bei dem von ihn besonders verehrten Max Ophüls für dessen "Lola Montez" (1955) nicht zustande kam, arbeitete er 1956 vorübergehend für Roberto Rossellini. Erste Kurzstreifen folgten, die er anfangs noch zusammen mit seinen "Cahiers"-Kollegen Jacques Rivette, Alain Resnais und Jean-Luc Godard drehte.

  • 1. Teil: Die süße Haut der Frauen
  • 2. Teil


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