Kino-Drama "Freeheld" Guter Stoff, mieser Film

Das Drama "Freeheld" erzählt - nach einer wahren Begebenheit - vom Kampf einer todkranken lesbischen Polizistin gegen die US-Bürokratie. Eigentlich eine Heldengeschichte. Eigentlich.


"Menschen wie Stacie und ich sind ganz gewöhnliche Leute. Und wir wollen nichts anderes, als dass alle gleich behandelt werden". Das sagt eine todkranke Frau im Rollstuhl nach einer Bezirksvertreterversammlung in Ocean County, New Jersey, am 25. Januar 2006.

Gerade ist dort überraschend entschieden worden, dass Laurel Hesters Polizistinnen-Pension, genau wie im Fall verheirateter Kollegen und Kolleginnen, an ihre eingetragene Partnerin Stacie übertragen wird. Dafür hatte sie im Angesicht des Todes drei Monate lang kämpfen müssen.

Dokumentiert wurden dieser Kampf und dieses Statement in Cynthia Wades Oscar-prämiertem Kurzdokumentarfilm "Freeheld" von 2007, der auf vielen, zumeist schwullesbischen Filmfestivals Menschen berührte und schließlich auch die Academy überzeugte. Laurel Hester war am 18. Februar des Vorjahres an ihrer Krebserkrankung gestorben. Ihre Partnerin Stacie Andree lebt dank besagter Pension noch heute im gemeinsamen Haus.

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Kino-Drama "Freeheld": Ein ureigener Hollywoodstoff
Ein heroischer Kampf gegen Diskriminierung, eine Liebe, die allen Widerständen standhält, eine Initiative aufgewühlter Bürger und Aktivisten, schließlich der Sieg der richtigen Sache im letzten Moment - es dauerte nicht lange, bis in Hollywood jemand auf die Idee kam, aus diesem Stoff einen Spielfilm zu machen, der mehr Menschen erreichen würde als ein 40-minütiger Dokumentarfilm.

Ein Drehbuchautor wurde gefunden, Ron Nyswaner, zu dessen Meriten es gehört, das Thema Aids in einem Hollywood-Mainstreamfilm behandelt zu haben ("Philadelphia"). Schließlich eine Hauptdarstellerin, Ellen Page, die viele zu den charismatischsten jungen Stars des US-Kinos zählen.

Page sah sich den Dokumentarfilm an, sagte zu und kämpfte sechs Jahre lang für das Spielfilmprojekt, schließlich sogar als Ko-Produzentin, bis es endlich auf die Leinwände kam. Ein Jahr zuvor hatte sie sich geoutet; auf der Premiere im September 2015 schritt sie mit ihrer Partnerin Samantha Thomas über den roten Teppich.

Hilflosigkeit des US-Filmsystems

Vielleicht muss man den Spielfilm "Freeheld", der nun auch in den deutschen Kinos startet, als Ausdruck der Hilflosigkeit eines US-amerikanischen Filmsystems sehen. Ein System, das sich seit längerem überlegt, wie sich die im gesellschaftlichen Mainstream angekommenen Geschichten von lesbischen, schwulen und transidentischen Minderheiten erzählen lassen. Gerne greift es dabei auf die Rekonstruktion vergangener siegreicher Schlachten zurück - in Hesters Bundesstaat New Jersey können Lesben und Schwule seit 2013 heiraten, dort haben sie aktuell mehr Rechte als in Deutschland.

Die Schlacht um das Potential von spannenden, komplexen Filmerzählungen über Frauen, insbesondere über lesbische Frauen, ist dagegen noch längst nicht entschieden.

Das öffentliche Outing von Ellen Page hat tatsächlich noch für Aufregung gesorgt und lässt Sorgen um ihre weitere Karriere als realistisch erscheinen. Und der gut ins Hollywoodsystem integrierte Drehbuchautor Nyswaner distanzierte sich im September 2015 öffentlich von den Überarbeitungen seines "Freeheld"-Drehbuchs, das systematisch "enthomosexualisiert" ("de-gayed") worden sei.

Was könnte er damit meinen?

Die Geschichte Laurel Hesters, wie sie der Dokumentarfilm von 2007 einfängt, der mit einem turbulenten Treffen der Bezirksvertreter beginnt und mit dem Begräbnis von Hester endet, erhält im Spielfilm eine ebenso lange Vorgeschichte. Sie erzählt den Beginn der Beziehung zu Stacie, vor allem aber von den Schwierigkeiten des Paars, ihre Liebe vor den Vorgesetzten und Kollegen der Polizistin geheim zu halten. Hier geht es um die langsame Akzeptanz einer lesbischen Identität, die man erst spät, angesichts des Äußersten, nach außen kommunizieren kann.

Die historische Laurel Hester war bereits zu Collegezeiten Mitglied in einer lesbischen Aktivistengruppe und hatte durchaus ihre Vorgesetzten bei der Polizei über ihre sexuelle Orientierung informiert. Im Spielfilm erscheint sie als Frau, die gelernt hat, nichts über ihr Privatleben zu erzählen. Zu Recht, wie Nyswaners Drehbuch oder seine Überarbeitungen nahelegen - denn die Kollegen sind größtenteils homophob und wollen sich nicht für die Sache einer Lesbe einsetzen.

Diskriminierung und Identitätskrisen

Hier liegt ein entscheidender Unterschied zum Dokumentarfilm, der mit rührenden solidarischen Statements der Polizisten beginnt. Gemeinsam mit Hester und Andree, mit den LGBT-Aktivist_innen von "Garden State Equality" und mit wütenden Bürger_innen des Bezirks, bitten sie immer wieder die Bezirksvertreter, "das Richtige zu tun". Sie sollen das Einzelschicksal zum Anlass nehmen, sich für Gleichheit und gegen Diskriminierung zu entscheiden - was sie schließlich auch tun.

Im Spielfilm hingegen gibt es keine Szene, die nicht die Konfliktpotentiale der Geschichte herausarbeitet: Homophobie, strukturelle Diskriminierung, lesbische Identitätskrisen.

Die wunderbare Julianne Moore als sterbendes Opfer einer von mürrischen alten Männern verteidigten Bürokratie und die ebenso engagierte Ellen Page als von Minderwertigkeitsgefühlen beherrschte Partnerin spielen ein lesbisches Paar in einer homofeindlichen Welt. In dieser müssen sich die Menschen erst mal selbst überwinden oder von anderen davon überzeugt werden, dass der Kampf für ihre lesbischen Kollegin ein Kampf für allgemeine Gleichheit und Gerechtigkeit ist.

Würde sich der Spielfilm von Anfang an für die Perspektive der Menschen entscheiden, die würdevoll auf ihren Rechten beharren und sich nicht der Zweifel, Ängste und Vorurteile ihrer Umwelt annehmen, hätte er Zeit und Aufmerksamkeit für die großen Gefühlsmomente, die Cynthia Wades in ihrem Dokumentarfilm wie nebenbei einfängt: Das solidarische Haare-Abschneiden von Stacie, als ihrer Freundin durch die Chemo die Haare ausfallen; die Video-Botschaft Hesters, die krankheitsbedingt nicht mehr zur Versammlung kommen kann; die Schilder mit den Solidaritätsbekundungen in den Schaufenstern in Laurels Nachbarschaft.

Man müsste keine Konflikte erfinden, wenn man der historischen Laurel-Hester-Geschichte tatsächlich die Kraft einräumen würde, ein ureigener Hollywoodstoff zu sein.

Peter Solletts "Freeheld" unternimmt dagegen lieber einen weiteren unnötigen Versuch, eine Geschichte so sehr jeglicher Poesie zu berauben, bis sie in die langweiligen Formeln des männlichen, weißen und heterosexuellen Hollywood-Mainstreams passt.

Im Video: Der Trailer zu "Freeheld"

"Freeheld"

    USA 2015

    Regie: Peter Sollett

    Drehbuch: Ron Nyswaner

    Darsteller: Julianne Moore, Ellen Page, Steve Carell, Michael Shannon, Luke Grimes, Josh Charles, Mary Birdsong

    Produktion: Endgame Entertainment

    Verleih: Universum Film

    Länge: 104 Minuten

    FSK: 6 Jahre

    Start: 7. April 2016

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insgesamt 9 Beiträge
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mansiehtnurmitdemherzengu 05.04.2016
1. Es ist ein Spielfilm!
Ein Feature ist nicht die szenische Rekonstruktion einer Doku. Dass da mitunter andere Aspekte zum Tragen kommen ist sogar wünschenswert, sonst wäre es ja nicht wirklich originär. Von der Inszenierung erfährt man hier aber nichts. Diese Besprechung liest sich wie diese amazon-Rezensionen nach dem Motto: "Der Film is' aber gar nich' wie das Buch."
udolf 06.04.2016
2.
Hätte man es anders gemacht wäre es eine Hollywood Liebesgeschichte und Kritik wäre aufgekommen das man sich nicht mit der Homophobie des männlichen, weißen und heterosexuellen Mainstreams auseinander gesetzt hätte bzw. das lieber als Randgeschehen erzählt hat.
Krefey 06.04.2016
3.
@mansiehtnurmitdemherzengu, #1 Ja, es ist ein Spielfilm. ich bin aber der Meinung, dass ein Spielfilm, der sich an einer realen Geschichte orientiert, der reale Namen verwendet und auch als reale Geschichte verkauft und vermarktet wird eine Verpflichtung zur Wahrheit hat, schon allein aus Gründen des Respekts vor den Handelnden. wenn also, wie hier beschrieben, die Kollegen und Vorgesetzten um die Homosexualität wussten und den Kampf unterstützen, dann ist es diesen Menschen gegenüber extrem unfair, wenn man nun so tut als Ware das alles ganz anders gelaufen. wenn man die Geschichte so umschreibt und ändert, dann kann man das meinetwegen machen, dann muss man aber die Namen ändern. solange man reale Namen, Zeiten und Orte verwendet und den Realismus verdeutlicht, ist man aus Respekt vor den Partizipanten der Geschichte auch verpflichtet, dass niemand am Ende besser oder schlechter aussieht als in Wirklichkeit.
rahelrubin 06.04.2016
4. Verstehe ich nicht
Was ist nun genau schlecht an dem Film? Dass man Konflikte überspitzt, offenbar um der Dramarturgie willen? Dass die Darsteller gut sind? Dass es keine Doku geworden ist? Viele Worte, wenig Aussage. Da mochte halt jemand den Film nicht. Und warum ist es mainstream und nicht im Sinne schwul-lesbischer Befindlichkeit, wenn eine Situation als feindlicher ind schwieriger dargestellt wird als sie im wahren Leben wohl war? Verstehe ich nicht.
sven17 06.04.2016
5.
Scheint eine der üblichen Filme zu sein, die auf einer wahren Geschichte "basieren" um dann dem üblichen Hollywoodklischee angepasst zu werden. Polizisten die ihre lesbische Kollegin unterstützen scheinen da gerne in das Gegenteil geändert zu werden um das übliche wir gegen die Klischee zu bekommen.
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