Hannah Pilarczyk

Hören, Lesen, Heimkino Was unsere Filmredakteurin dieses Wochenende macht

Wieder Wochenende im Shutdown. Was tun? Filmredakteurin Hannah Pilarczyk hört italienische Singer-Songwriter und schaut Filme von Lina Wertmüller, die als erste Frau für den Regie-Oscar nominiert war.

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Was ich höre:

Lucio Battisti (1943-1998)

Lucio Battisti (1943-1998)

Foto:

Mondadori Portfolio / Getty Images

Italienischer Singer-Songwriter und Shoegaze

Dass ich die Musik von Cantautore Lucio Battisti  in meinem Leben brauche und ganz besonders beim Frühstück am Samstagvormittag, wusste ich lange nicht. Dank NTS  weiß ich es nun. Seit bald zwei Jahren höre ich keine Musikstation häufiger als das englische Webradio – und so wie Spotify das Spektrum der Musik, die ich höre, eingeschränkt hat, hat es NTS mit seiner unberechenbaren Bandbreite an Künstlerinnen und Künstlern wieder erweitert. »Don't Assume« ist der Claim des Senders – keine voreiligen Schlüsse.

Auf zwei Kanälen sendet NTS rund um die Uhr Liveprogramm, wofür es eine Handvoll von tatsächlichen Livesendungen mit ein- bis zweistündigen Specials kombiniert, die sich wiederum auch einzeln im Archiv abrufen lassen. In dieser Woche feiert NTS sein zehnjähriges Bestehen, und die Gäste, die es zum Kuratieren des Jubiläumsprogramms eingeladen hat, unterstreichen für mich die unschlagbare Geschmackssicherheit der Station: Arca, Theo Parrish, Matt Groening, Mica Levi und meine ewige Lieblingsband My Bloody Valentine .

Was ich lese:

Foto:

privat

Amerikanische Kommunisten

In Deutschland ist die New Yorker Autorin Vivian Gornick am ehesten bekannt für ihre Erinnerungen »Ich und meine Mutter«, von der »New York Times« zum besten Memoir der vergangenen 50 Jahre gekürt. Ich habe Gornick erst 2020 entdeckt, als der Verso-Verlag ihr lang vergriffenes Sachbuch »The Romance of American Communism«  von 1977 wiederveröffentlichte und damit einen Überraschungserfolg in den USA landete. Ich glaube, ich bin über Ari M. Brostoffs wunderbaren Essay  in »n+1« auf das Buch gekommen.

In »The Romance of American Communism« trifft Gornick ehemalige Mitglieder der American Communist Party und lässt sich von ihnen schildern, was sie zur Partei gebracht hat, wie sie die Zeit in der Partei erlebt haben und was schließlich zum Bruch geführt hat. Mich begeistert an dem Buch nicht nur, dass Gornick damit einen oft vernachlässigten (oder verleugneten?) Teil amerikanischer Geschichte freilegt, nämlich dass die Unterstützung von Sozialismus und Kommunismus eine lange Tradition hat. Es ist auch die Eindringlichkeit, mit der sie ihre Interviewten beschreibt. So unmittelbar lebendig sind mir Menschen innerhalb weniger Sätze noch nie erschienen.

Aufgrund des Erfolgs von »The Romance of American Communism« hat Verso jüngst einen Sammelband mit Essays von Gornick herausgebracht: »Taking a Long Look«. Was sie zur Frauenbewegung, Hannah Arendt und »Uncle Tom's Cabin« zu sagen hat? Werde ich am Wochenende herausfinden.

Was ich sehe:

Lina Wertmüller

Lina Wertmüller

Foto:

Leonardo Cendamo / Getty Images

Eine Filmklassikerin

Wie viele Filmkritiker*innen kann ich es nicht erwarten, dass die Kinos wieder aufmachen. Wie viele Filmkritiker*innen war ich insgeheim aber auch froh, eine Zeit lang nicht ständig aktuellen Filmstarts hinterherhetzen zu müssen. So konnte ich nämlich endlich eine riesengroße filmgeschichtliche Lücke bei mir schließen: das Werk von Lina Wertmüller.

Drei Filme der italienischen Regisseurin, die als erste Frau überhaupt für den Regie-Oscar nominiert wurde, habe ich bislang geschaut – »Sieben Schönheiten«, »Liebe und Anarchie« sowie »Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August« – und fand alle drei umwerfend. Polemisch, laut, exaltiert und dabei von größter dramaturgischer Präzision: Das geht bei Wertmüller alles zusammen.

Auf Streamingportalen sind ihre Filme leider nicht zu haben, weshalb ich mich als Berlinerin auf den Weg zu meiner Lieblingsvideothek machen werde, der Filmgalerie  in der Invalidenstraße in Mitte. Ich glaube, es wird auf »Die Blutfehde« mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni hinauslaufen.

Was mich amüsiert:

Bei den Freundinnen und Freunden, denen ich als Antwort auf jede zweite WhatsApp/Signal/Telegram-Nachricht ein Bild von Erling Haaland geschickt habe (Haaland jubelt, Haaland ist enttäuscht, Haaland hebt Marco Reus in die Luft), möchte ich mich ausdrücklich NICHT entschuldigen. Wir müssen jede Minute, die dieser sensationelle Fußballer noch in der Bundesliga spielt, genießen. Deshalb noch mal: die Hebefigur der Zwanzigerjahre

Foto: FRIEDEMANN VOGEL / POOL / EPA

#MeinBrautgehörtzumir

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