Freundschaftsdrama "Ginger & Rosa" Unsere Mütter, unsere Töchter

Wie hältst du es mit der Bombe? In dem schönen Coming-of-Age-Drama "Ginger & Rosa" muss sich eine Freundschaft zu Zeiten der Kuba-Krise beweisen. Die großartige Hauptdarstellerin Elle Fanning sorgt dafür, dass man keine Minute des überaus ruhig erzählten Films verpassen möchte.

Concorde Filmverleih

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Woran sie gerade schreibe, fragt Rosa (Alice Englert) ihre beste Freundin Ginger (Elle Fanning). "An einem Gedicht über das Ende der Welt", antwortet die 17-Jährige. Weniger dramatisch geht es bei Ginger selten zu. Aber was könnte man von jemandem, der am Tag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima geboren wurde und zu Zeiten der Kuba-Krise erwachsen wird, auch sonst erwarten?

Mit herzlicher Parteilichkeit erzählt die britische Regisseurin und Drehbuchautorin Sally Potter ("Orlando") die Geschichte der Freundschaft zwischen Ginger und Rosa. Denn natürlich gibt es andere Arten, um auf den drohenden Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion zu reagieren, als sich wie Ginger in Weltuntergangszenarien hineinzusteigern. Die gleichaltrige Rosa etwa sucht ihr Glück ganz in der Liebe und ist die erste der Freundinnen, die sich mit schwarzem Lidstrich einen verführerischen Blick ins Gesicht malt.

Doch die Flucht ins Gefühlige ist weder für Ginger noch für Sally Potter eine Option. Wenn Annette Bening als Freundin der Familie Ginger in ihren Engagement in der Abrüstungsbewegung bestärkt - "Du bist eine Aktivistin wie wir? Gut so!" - dann kann man sie umstandslos als mütterliches Alter Ego von Potter verstehen, die hier sanftmütig auf ihre eigene Jugend und ihren eigenen Aktivismus im London der sechziger Jahre zurückblickt.

Verbunden von Geburt an

"Es hat sich real angefühlt. Es hat sich angefühlt, als würde es dich persönlich betreffen. Es hat sich angefühlt, als würde es unmittelbar bevorstehen", hat Potter ihre Eindrücke als Teenager von der Kuba-Krise beschrieben. Die Dringlichkeit dieser persönlichen Erfahrung hallt in "Ginger & Rosa" spürbar nach. Doch sie ist von Potter in eine Geschichte übersetzt worden, die trotz ihrer genauen zeitlichen und geografischen Verortung von etwas allgemeinerem erzählt: nämlich der hoffnungsvollen Suche nach Zielen und Bezugspersonen, dieser prägenden Erfahrung einer jeden Jugend.

Ginger und Rosa treffen aufeinander, noch bevor sie geboren werden. Im Krankenhaus liegen ihre Mütter nebeneinander, und als die heftigsten Wehen einsetzen, greifen sie sich gegenseitig bei der Hand. Die Verbindung hat Bestand - zwischen den Müttern wie zwischen den Töchtern. Gemeinsam tasten sich Ginger und Rosa in ihre Pubertät vor, stecken sich gegenseitig die Zigaretten an und sitzen zusammen angezogen in der Badewanne - in der Hoffnung, dass die neue Blue Jeans passgenau schrumpft.

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Coming-of-Age-Drama "Ginger & Rosa": Und wenn die Welt morgen untergeht?
Als die Kuba-Krise ausbricht, gerät aber nicht nur die Weltpolitik in Bewegung, sondern wird auch Gingers Leben und nicht zuletzt ihre Freundschaft zu Rosa erschüttert. Die Trennung ihrer Eltern nimmt Ginger noch stoisch hin, zu oft haben sich die hitzköpfige Natalie (Christina Hendricks) und der lässige Roland (Alessandro Nivola) schon überworfen. Dafür ist ihr Entsetzen umso größer, als sie sieht, wie ihre Mutter in die Schule kommt - um mehr Haushaltsunterricht einzufordern. "Als ich mit dir schwanger wurde, war ich ein Teenager und konnte noch nicht einmal ein Ei kochen", rechtfertigt sich Natalie. "Das wollte ich dir ersparen."

Doch für ihre Mutter, die für die Familie einst das Malen aufgab, hat Ginger keinerlei Verständnis. Sie zieht zu Roland, dem umtriebigen Autor radikaler Politpamphlete. Er hat als Totalverweigerer während des Zweiten Weltkriegs im Gefängnis gesessen, auch die traditionelle Vaterrolle lehnt er ab. Das macht ihn für Ginger so attraktiv - aber leider auch für Rosa. Während Ginger politisch immer aktiver wird, wird sie privat immer passiver. Und irgendwann kann sie nur noch in Schockstarre verharren, als die Anziehung zwischen der besten Freundin und dem Vater nicht mehr zu leugnen ist.

Zwischen verspielt und tonnenschwer

In wunderbar komponierten, gleichwohl ornamentlosen Bildern schildert Potter die Annährung und Entfremdung zwischen Ginger und Rosa. Auch wenn sie sich dafür viel Zeit nimmt, wirkt ihr Erzählen überaus ökonomisch. Wenige Figuren und Situationen sowie eine Hand voll gelungener Schnitte reichen aus, um zahllose Facetten der Freundschaft zu beleuchten. Die Aufgeräumtheit, die den Film prägt, schlägt bei den Dialogen allerdings negativ zu Buche. Vieles wirkt stanzenhaft und reißt Lücken auf, die nicht alle Schauspieler, am wenigsten Hendricks, zu füllen wissen.

Hauptdarstellerin Elle Fanning ("Somewhere") nutzt die Freiräume hingegen, um wie ihre Figur das Spektrum von verspielter Mädchenhaftigkeit bis tonnenschwerem Pathos zu erkunden. Die große Neugier, mit der sie das tut, steckt an und lässt einen gebannt dem an sich eher spannungsarmen Film folgen. Fast beiläufig zeigt sich dabei, dass die Bruchstellen in Gingers Leben einige der feministischen Hauptkonflikte der sechziger und siebziger Jahre vorwegnehmen: den Bruch mit dem Lebensentwurf der Mutter, den Kampf um die Vereinbarkeit der politischen Überzeugungen mit den eigenen Lebensentscheidungen und nicht zuletzt das Ringen um Verständnis dafür, wenn die beste Freundin einen ganz anderen Weg als man selbst einschlägt.

Unter Potters souveräner Regie wirkt das als Film weniger thesenlastig, als es hier vielleicht klingt. Aber erst Fannings wunderbares Spiel steuert eine Wahrhaftigkeit bei, die nicht nur Ginger, sondern auch alle anderen Figuren zum Leben erweckt. Wenn "Ginger & Rosa" deshalb rückblickend als der Film erinnert werden wird, der aus Elle Fanning einen Star gemacht hat, dann tut es dieser schönen Coming-of-Age-Geschichte letztlich nur ein klein wenig Unrecht.

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