Gangsterfilm "Chiko" Hamburg Hexenkessel, Digger!

"Scarface" lässt grüßen: Stilsicher steuert Özgür Yildirim in seinem Spielfilmdebüt durch die Straßen in Hamburgs rauem Osten und erzählt vom Aufstieg und Fall des B-Boys Chiko. Ein deutsch-türkisches Gangsterporträt, an dem sich sowohl Sozialpädagogen als auch Islamkritiker die Zähne ausbeißen.

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Auch der härteste Gangsterfilm beginnt manchmal als Komödie. Denn wenn der kriminelle Nachwuchs vor trüber Gegenwartskulisse von seiner strahlenden Verbrecherzukunft träumt, wird vor allem eines generiert: Witz.

Szene aus "Chiko" (mit Moritz Bleibtreu, Volkan Özcan): Die Sünden der anderen
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Szene aus "Chiko" (mit Moritz Bleibtreu, Volkan Özcan): Die Sünden der anderen

So ist es auch am Anfang von "Chiko", der Geschichte zweier Homies aus Hamburg-Dulsberg, die in ihrer Klinkerbauküche vom großen Drogengeld fantasieren. Während Tibet (Volkan Özcan) und Chiko (Denis Moschitto) bei der Ausarbeitung ihrer mäßig komplizierten Verbrechensstrategien ausgiebig "Digger", "Fotze" und "ficken" sagen, ruft Tibets Mutter die Möchtegern-Mafiosi zur Raison. Kleinlaut entschuldigen sie sich bei der alten Dame für ihre verbalen Ausfälle.

Doch je humoriger ein Gangsterdrama seinen Anfang nimmt, desto grausamer kollidieren dann eben irgendwann Anspruch und Wirklichkeit, desto brutaler schlägt das Spiel in Ernst um. Bei "Chiko" wird der Wendepunkt in der Szene mit dem Nagel erreicht: Den kriegt Tibet vom Großdealer Brownie (Moritz Bleibtreu) in den Fuß geschlagen, weil er von dem Marihuana des Bosses ein bisschen was abzwackte, um es auf eigene Rechnung zu verticken.

Ganz unerwartet wird der Zuschauer in diesem so salopp angelaufenen Ghetto-Drama also mit einem Kreuzigungsszenario konfrontiert. Allein, die Hoffnung auf Erlösung ist da irgendwie schon verloschen. Denn Tibets Kumpel Chiko muss sich nun entscheiden: Will er zu seinem unberechenbaren Freund halten und wahrscheinlich irgendwann draufgehen, oder will er Karriere bei Brownie machen? Schwierige Frage. Der junge Türke Chiko heißt eigentlich Isa, so wird im Koran Jesus genannt. Trotzdem hat er – Bruder hin, Bruder her – eigentlich kein Interesse daran, für die Sünden eines anderen zu sterben.

Erstaunlich, mit welcher Souveränität Spielfilmdebütant Özgür Yildirim seinen rustikalen B-Boy-Kracher aus Hamburgs Osten in ein opulentes Gewaltmelodram wendet. Das hätte wunderbar schiefgehen können – schon wegen der schillernden Besetzung.

Immerhin kennt man Denis Moschitto vor allem als drolligen Vogel aus Multikulti-Komödchen wie "Kebab Connection", und Moritz Bleibtreu hat man ja gerade erst recht unüberzeugend als koksenden Wüterich in "Free Rainer" gesehen. Als besonders heikel schließlich musste man das Engagement von Reyhan Sahin bewerten, die zurzeit als Porno-Rapperin Lady Bitch Ray in jedes Mikro, das man ihr hinhält, ihre Thesen zur weiblichen Selbstermächtigung und ihr Lob des weiblichen Geschlechtsorgans diktiert. Hier spielt Talkshowstar Sahin nun ausgerechnet eine türkische Prostituierte, in die sich der Titelheld verliebt.

Der 28-Jährige Yildirim, der seinen Film auch noch vom deutsch-türkischen Regie-Star Fatih Akin ("Gegen die Wand") produzieren ließ, hat sich da also eine Menge Medienballast aufgeladen. Gerade in Anbetracht dessen, dass er ja eigentlich eine kleine authentische Milieustudie seines Heimatviertels Hamburg-Dulsberg vorlegen wollte. Im Grunde genommen erinnert er da ein bisschen an seinen Helden Chiko, der einen viel zu großen Coup durchzieht. Andererseits: Was hat man schon zu verlieren?

Dass Yildirim nicht scheitert, liegt vor allem daran, dass er sich – anders als sein Held – streng an die Regeln hält. Als Genre-Filmer agiert er ausgesprochen konventionell; nicht ein einziges Mal weicht er vom großen Aufstieg-und-Fall-Erzählbogen ab, den die Regiemeister vorgegeben haben. Da darf man nicht nur bis zu Martin Scorsese oder Brian De Palma zurückgehen, da kann man gleich die ganze Strecke bis in die Dreißiger abmessen – also bis zu Howard Hawks ("Scarface") und William A. Wellman ("The Public Enemy").

Gangsterfilmer sind ja wie Gangster selbst ein einziger großer Widerspruch: Extrem wertkonservativ, extrem anmaßend. Einerseits huldigen sie ehrfürchtig den Helden ihres Faches, andererseits wollen sie die Alten an Tricks und Tollkühnheit übertreffen und dann hinwegfegen.

Yildirims effizientester Schachzug ist es nun, dass er mit seiner Besetzung die Erwartungen des Publikums unterwandert. Wie ein smarter Kiez-Aufsteiger weiß der Regisseur das Überraschungsmoment zu nutzen. Etwa wenn auf einmal der Multikulti-Spaddel Moschitto mit antrainiertem Stiernacken eine brutale Präsenz an den Tag legt, oder wenn Lady Bitch Ray hinter all ihren Vagina-Monologen einen klugen psycho-ökonomischen Pragmatismus durchschimmern lässt.

Und auch Bleibtreu entwickelt als Koks-König eine überraschend hohe Komplexität: In den Kulissen eines Aufnahmestudios betreibt der künstlerisch ambitionierte Brownie einen lukrativen Drogenhandel; sein Einflussgebiet reicht weit über die östlichen Stadtgrenzen Hamburgs hinaus, also bis in jene Regionen, wo die Mietskasernentristesse von Dulsberg sich längst in die Eigenheimidylle von Volksdorf verwandelt hat.

So erzählt "Chiko" nebenbei von den schlingernden Grenzverläufen im leicht-, halb- und schwerkriminellen Milieu. Der Film spielt zwar auch in Teestuben und Moscheen, aber eben auch in den Bungalows und Restaurants des neuen freien deutschen Unternehmertums. Anders als der spekulative Kiez-Schocker "Knallhart", mit dem Detlev Buck vor zwei Jahren billiges Futter für die Jugendgewaltdebatte lieferte, lässt sich "Chiko" deshalb weder von Sozialpädagogen noch von Islam-Kritikern instrumentalisieren.

Stattdessen behält Özgür Yildirim bei allem Sinn für Melodramatik einen klaren Blick für die Widersprüche seines Viertels. Denn Hamburg-Dulsberg ist natürlich gar kein richtiger Hexenkessel – es ist nur höllisch unübersichtlich. Glücklich, wem da beim Koksen nicht der Riecher kaputtgegangen ist.



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