Geburtstag Alfred Hitchcock zum Hundertsten

Seine Filme sind Klassiker und haben Kultcharakter. Der Ansturm der "Vögel" oder das Messer unter der Dusche jagen den Zuschauern noch immer kalte Schauer den Rücken hinunter. Heute wäre der britische Regisseur hundert Jahre alt geworden.

Frankfurt/Main - Welch ein Glück für die Menschheit, dass Alfred Joseph Hitchcock aus London streng katholisch erzogen wurde und einen unerbittlich autoritären Vater hatte! Denn das war wohl im tiefsten Grunde seiner so empfindsamen wie schrulligen Seele der Antrieb, Filme zu machen - Filme, die in die aberwitzigen Abgründe menschlicher Ängste hineinführen wie im Meisterwerk "Vertigo", die schamlos voyeuristischen Gelüsten frönen wie in "Das Fenster zum Hof" oder in denen eine Hoteldusche zu Dantes Inferno gerät wie in "Psycho".

Nicht nur, dass er diese Filme realisiert hat, sondern auch, wie er sie machte, ließ Hitchcock zu einer einmaligen, unverwechselbaren Gestalt in der nun über einhundertjährigen Kunst der bewegten Bilder werden. Mit guten Gründen kann man den erst dicklichen, im Alter dann kugelrunden Regisseur mit der unvermeidlichen Zigarre zwischen den fleischigen Fingern den bislang unübertroffenen Meister der "suggestiven Verführung" nennen. Denn der penible Perfektionist, der sein Handwerk schon mit 21 Jahren erlernte, verstand es in seinen besten Werken famos, Bilder nach ihrem dramatischen und emotionalen Zweck auszuwählen.

Kein anderer aus der Branche hat übrigens die Geheimnisse seines Handwerks so unterhaltsam offengelegt, wie Hitchcock das 1966 in dem Interview-Buch seines französischen Bewunderers Francois Truffaut "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht" getan hat. Wer diesen Dialog zweier Größen liest, wird die Filme des Meisters mit anderen Augen sehen und dem Genie wie Geschick des Schöpfers von insgesamt 53 Stumm- und Tonfilmen noch mehr Respekt zollen.

Angefangen hatte der Jesuitenschüler kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs als Zeichner bei einer Werbefirma. Davon hat er übrigens lebenslänglich profitiert, denn als Regisseur plante er seine Szenen stets mit Skizzen durch. 1920 bekam er eine Anstellung als Zeichner von Stummfilm-Zwischentiteln in einem Filmatelier. Dort wurde er in der Pionierzeit der laufenden Bilder bald Regieassistent und Drehbuchschreiber. Für deutsch-britische Koproduktionen wurde der begabte, als sehr schüchtern geltende junge Mann nach Berlin und München geschickt, wo er 1925 beim Melodrama "Irrgarten der Leidenschaft" erstmals auf dem Regiestuhl saß. Ein Jahr später heiratete er die Cutterin Alma Reville, die ein Leben lang sowohl privat wie beruflich an seiner Seite blieb und mehr zu seinem Werk beigetragen hat, als vielfach bekannt ist.

Zehn Stummfilme und 15 Tonfilme hatte Hitchcock gedreht, als er 1939 kurz vor Ausbruch des Krieges mit Frau und Tochter Patricia nach Hollywood ging. Zwar war er in seiner Heimat ein unbestrittener Regiestar, der 1937 mit "Eine Dame verschwindet" ein ewig frisch und witzig wirkendes Werk geschaffen hatte. Doch er ahnte richtig, daß sich seine Fähigkeiten erst in den kalifornischen Traumfabriken voll entfalten würden. Zumal er darunter litt, dass die Intellektuellen und die Oberschicht seines Landes das Kino als Unterhaltungsmedium der Arbeiter verachteten: "Kein Engländer, der etwas auf sich hielt, hätte sich dabei ertappen lassen, ins Kino zu gehen."

In Hollywood erwarteten den Magier aber nicht nur ein lukrativer Vertrag mit dem exzentrischen Erfolgsproduzenten David O. Selznick, sondern auch die Fallstricke eine Studiosystems, in dem Regisseure nicht viel galten. So wurde die Verfilmung von Daphne du Mauriers Melodram "Rebecca" für Hitchcock, der ganz andere Vorstellungen über die Machart als Selznick hegte, eine harte Probe mit glanzvollem Resultat. Denn `Rebecca" mit Joan Fontaine und Laurence Olivier bewies eindrucksvoll die Könnerschaft des Briten. Dieser Film hat auch nach 60 Jahren nichts von seinem psychologischen Spannungsreichtum verloren.

Von nun an drehte Hitchcock fast in jedem Jahr ein weiteres Werk, fast alle gelten als Klassiker. Höhepunkt seiner Schaffenskraft waren die Jahre zwischen 1953 und 1963, in denen er elf Filme inszenierte, die seinen Mythos als den Meister des Suspense, des teuflisch ausgefeilten Spannungskinos, begründeten: "Bei Anruf Mord", "Das Fenster zum Hof", "Vertigo", "Der unsichtbare Dritte" und die Kinoschocker "Psycho" sowie "Die Vögel" sind noch immer Titel, die in der Wertachtung jedes Cianeasten ganz oben stehen.

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