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"Ein Prophet": Gangsterschule hinter Gittern

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Gefängnisdrama "Ein Prophet" Nicht fürs Leben, fürs Killen lernen wir

Was passiert mit den jungen Männern vom unteren Rand der Gesellschaft, wenn man sie in den Knast steckt? Sie werden zu Gangstern ausgebildet. Der französische Regisseur Jacques Audiard entwirft in seinem Gefängnisdrama "Ein Prophet" das Bild einer erschreckend effizienten Kriminellenschulung.

Für die meisten Leute bricht eine Welt zusammen, wenn sie ins Gefängnis müssen. Für Malik El Djebena, die Titelfigur in "Ein Prophet", ist der Antritt seiner sechsjährigen Haftstrafe wie eine Geburt. Als er seine Habseligkeiten abgeben muss, legt er in den Karton eine zerdrückte Zigarette und einen ganz klein gefalteten 50-Franc-Schein, den er zuvor vergeblich versuchte, vor den Wachen in seinem Schuh zu verstecken. Malik hat keine Welt, die zusammenbrechen könnte. Er kann Französisch und Arabisch sprechen, aber nicht lesen oder schreiben. Er hat keine Schulbildung, keinen Job, keine Familie. Seine Existenz ist so nackt und bloß wie er selbst, als er sich der demütigenden oralen und analen Durchsuchung durch die Wärter unterziehen muss: Zunge rausstrecken, vorbeugen, husten.

"Ein Prophet" ist in erster Linie ein Genrefilm, ein Gefängnisdrama, das den Regeln seiner Gattung folgen muss. Also gibt es die Machtkämpfe, die sexuellen Angebote depravierter Knastgenossen und ihre Abwehr, das brutale Abziehen und Rempeln auf dem Gefängnishof - und natürlich die Initiationsriten. Malik lernt schnell, wer hinter Gittern das Sagen hat: Ein kleiner, mächtiger Clan um den korsischen Mafiaboss César Luciani, der auch die meisten Wärter unter seiner Kontrolle hat. Der Korsenmob kann im Knast schalten und walten, wie er will. Und er ist bereit, Malik vor Übergriffen zu schützen. Er muss dafür nur einen Mord begehen, den ersten seines Lebens.

Frankreich hat große Probleme mit den arabischstämmigen Jugendlichen und jungen Männern, die in der Banlieue ein hoffnungsloses Leben abseits der Gesellschaft fristen, das ohne Angebote und Lenkung von Außen in schiefe Bahnen laufen muss. Es gibt keinen Masterplan für diesen Teil der Bevölkerung, also spuckt der Staat sie aus, sobald sie kriminell werden, sperrt sie ins Gefängnis - eine sehr effiziente Ausbildungsstätte, eine Schattenuniversität, die ihre Studenten nicht zu braven Bürgern erzieht, sondern zu skrupellosen, wertefreien Mördern und Gangstern. Jacques Audiards Film, in Cannes mit dem Großen Preis der Jury gekürt und für den Oscar nominiert, schildert in tristen, graublauen Tönen und mit beeindruckender erzählerischer Wucht, wie Malik in dieses Negativmilieu hineingeboren und darin ausgebildet wird.

Mordmanöver wird zum Gemetzel

Es ist die Art und Weise, wie Audiard seine Geschichte erzählt, die seinen Film zu mehr macht als nur einem harten, spannenden Genre-Thriller. Die Szene, in der Malik den Araber Reyeb in dessen Zelle umbringen muss, ist dafür beispielhaft. Zunächst muss der Junge unter Schmerzen lernen, wie er eine Rasierklinge in seinem Mund verbergen kann, ohne sich selbst zu verletzen. Beim Vortäuschen sexueller Handlungen soll er die Klinge in die Halsschlagader des Anderen jagen, ein schneller, gründlicher Schnitt. Tagelang übt er den Kniff vor dem Spiegel, während das Blut aus seinem zerschnittenen Mund ins Waschbecken tropft.

Als es schließlich so weit ist und Malik mit Reyeb alleine ist, geht nichts nach Plan. Es kommt zum Handgemenge, und was als elegantes Mordmanöver gedacht war, wird zum Gemetzel. Am Ende dieser klaustrophobischen Szene, die aus einer grausam distanzierten Kameraperspektive gefilmt wird, steht Malik zitternd und blutüberströmt über dem im Todeskampf zuckenden Körper Reyebs. Der Mord, das Blut, der Ausbruch der Gewalt, das alles wird hier nicht zelebriert wie oft in diesem Genre, es gibt auch nichts Heroisches in dieser Verzweiflungstat. Das Grauen dieser Szene entsteht nicht so sehr durch den im Kino schon tausendfach gezeigten Akt der Brutalität, es entsteht durch den erschreckend blanken Ausdruck auf Maliks Gesicht: Während seine Nerven noch vibrieren, hat ihn ein Teil seiner Menschlichkeit schon verlassen. Lektion eins: Töten zu können ist in dieser Welt eine Notwendigkeit, also muss man es sich draufschaffen.

Malik, verkörpert von dem grandios unprätentiösen Schauspiel-Newcomer Tahar Rahim, wird zum Dienstboten der Korsen, er kocht ihnen Kaffee, bringt ihnen das morgendliche Baguette. Er genießt den Schutz der Mafiosi, aber er, der Araber, gehört nicht dazu, das lassen sie ihn spüren. Einzig Luciano, von Niels Arestrup als alternder, aber eiskalt-pragmatischer Pate dargestellt, wird für Malik zur Vaterfigur. Luciano sieht Potential in dem linkischen Jungen, dessen vergeblicher Versuch, sich einen Schnurrbart stehen zu lassen, ihn noch verletzlicher wirken lässt. Und Malik begreift, dass es Geschäftssinn und Skrupellosigkeit braucht, um eine Machtposition einzunehmen. Er beginnt, César genau zu beobachten. Aber es ist sein kurz vor der Entlassung stehender arabischer Mitinsasse Ryad, der Malik nicht nur anspornt, Lesen und Schreiben zu lernen, sondern auch vorschlägt, ein eigenes Distributionsnetz für Rauschgift im Knast aufzubauen.

Das Gesicht in der Menge wird zur Bedrohung

So lernt Malik bei den Korsen das Handwerk und baut nebenbei mit muslimischen Freunden Ryads seine eigene Organisation auf - bis es zum unvermeidlichen Abnabelungsprozess vom Lehrmeister Luciano kommen muss. Als das, Jahre später, passiert, ist es wieder ein Mordbefehl, den Malik für César ausführen soll, doch der inzwischen gut geschulte Verbrechensautodidakt spielt längst sein eigenes Spiel. Zum Blutbad - in der an die Gefängniszelle erinnernden Enge eines Auto-Innenraums - kommt es trotzdem. Und wieder läuft nicht alles nach Plan, wieder wird es ein chaotisches Gemetzel.

Doch diesmal, als er schießend und unter sterbenden Männern begraben im Fußraum des Wagens gefangen ist - huscht ein zufriedenes Lächeln über Maliks Gesicht. Es ist eine rare Gemütsregung dieses wohl uncharismatischsten Filmhelden, den das Genre je gesehen hat. Welche Konflikte sich auch immer hinter den wissenshungrigen, wachsamen, aber letztlich undurchdringlichen Augen Maliks verbergen mögen, man kann sie nur erahnen. Das unscheinbare Gesicht in der Menge wird zur unberechenbaren Bedrohung. Dass es arabische Züge trägt, ist eine der Pointen von Audiards Film.

"Ein Prophet", und hier kommt eine religiöse Komponente ins Spiel, heißt dieses ungewöhnliche Gangster-Epos nämlich deshalb, weil Malik seit seinem ersten Mord von Reyebs Geist heimgesucht wird, dem ermordeten Muslim-Bruder, den er opfern musste, um seine Karriere zu beginnen. Reyebs Wunde klafft noch immer an seinem Hals, doch er scheint seinem Mörder freundlich gesonnen zu sein und schickt ihm manchmal Visionen der nahen Zukunft. Das verleiht dem Film eine surreale, poetische Ebene - und stilisiert Malik zur mythischen Figur. Die alte, traditionell auf Profit ausgerichtete Cosa Nostra, verkörpert von Luciano, wird abgelöst von einer kraftstrotzenden, zusätzlich vom Frust sozialer Ausgrenzung getriebenen Mafia junger Muslime. Nach sechs Jahren Ausbildung ist der Niemand aus dem namenlosen Vorort ihr mächtiger Pate.

In Cannes sagte Regisseur Audiard, der zuvor schon mit "Der wilde Schlag meines Herzens" (2005, ebenfalls mit Niels Arestrup als ambivalente Vaterfigur) ein tristes Familiendrama inszenierte, ihm sei die politische Dimension von "Ein Prophet" nicht so wichtig. Man könne seinen Film auf vielerlei Arten deuten. Es sei ihm, sagte er nicht ohne Bosheit, vorrangig darum gegangen, Ikonen für jene zu erschaffen, die keine Vorbilder haben - die Araber in Frankreich.

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