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29. Juli 2014, 17:04 Uhr

Historienfilm "Die geliebten Schwestern"

Fack ju, Schiller

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Ein Sommer in Rudolstadt entfacht das Verlangen: In seinem Kinoepos "Die geliebten Schwestern" spekuliert Dominik Graf über eine leidenschaftliche Ménage-à-trois um den jungen Friedrich Schiller.

Wenn man Dominik Graf mit der Bezeichnung "Autorenfilmer" jagen kann, so trifft ihn die Beschreibung als Autorensprecher indes ganz gut. Die Tonspur, die der Sprecher Graf im Werk des Filmemachers Graf hinterlassen hat, ist von eigener künstlerischer Qualität. Das gilt zuerst für die Stimme, die im Grenzbereich zwischen Flüstern und Raunen ihr Volumen und ihre Ausdruckstärke gefunden hat. Neben aller Deutlichkeit, mit der Graf den Text vorträgt, erlaubt er sich ein Tändeln, das immer wieder Raum lässt für so etwas wie Skepsis. Der Sprecher Graf weiß, wohin er will, aber ihm ist auch klar, dass der Weg dahin durch Schlenker interessanter wird.

Dieses entschiedene Plaudern begegnet dem Zuschauer gleich zu Beginn von "Die geliebten Schwestern", Grafs neuem Film, der seine Premiere im Wettbewerb der Berlinale feierte. Es geht um eine Ménage-à-trois, also die Utopie einer Liebe, die nicht den Konventionen der Paarbeziehung gehorchen will.

Der junge Schiller (Florian Stetter,"Kreuzweg") trifft 1788 in Weimar auf Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius), adelig zwar, aber ökonomisch prekär. Die Mutter (Claudia Messner) mahnt deshalb an, dass die Heirat strategisch klüger einem finanziell potenteren Kandidaten als dem aufstrebenden Dichter versprochen werden müsste. Einem wie dem Herrn von Beulwitz (Andreas Pietschmann), den Schwester Caroline (Hannah Herzsprung) geehelicht hat, aber nicht liebt.

Vernunft? Nein, noch mehr Verlangen

Ein Sommer in Rudolstadt, wohin Schiller von der Familie eingeladen wird, kühlt die Gemüter aber nicht ab zur Vernunft, sondern erhöht das Verlangen noch: Nicht nur Charlotte, auch Caroline fühlt sich zu Schiller hingezogen und umgekehrt.

Belegt ist diese Dreiecksbeziehung allerdings nicht. Es braucht daher Grafs Erzählerstimme, um sich spekulativ durch den historischen Stoff zu navigieren. Mit der Autorensignatur aus dem Heute ist aber der ganze Illusionismus futsch - auch weil Graf nicht versucht, stimmlich dem Kratzen eines Federkiels auf Papier zu entsprechen und seinen Text brummend wie ein Märchenonkel vorzutragen.

Gerade durch die Vermischung von Essay und Fiktion gelingt Graf dabei ein souveränes und kurzweiliges Spiel mit der Geschichte. So lässt "Die geliebten Schwestern" viel Platz für eine Alltagsgeschichte um 1800. Der Zuschauer bekommt ein Gefühl für die Unverzichtbarkeit der mühsamen Briefkommunikation - etwa, wenn Schiller und die Schwestern ihre mehrfach täglich wechselnden Briefchen codieren, um an potenziell mitlesenden Überbringern oder auch nur an der Öffentlichkeit einer Tischgesellschaft vorbei im Gespräch zu bleiben. Die SMS erscheint in diesem Licht keineswegs als Verfallsform, sondern als technische Verfeinerung solch minutiöser Kommunikation.

Zugleich zwingt einem der Film seine Kulissen nie auf und beschränkt sich nicht auf eine Kunstanbetung, bei der die Prominenz des Dichternamens alles beherrscht. Schiller spielt von den drei Hauptfiguren sogar die geringste Rolle. Die interessanteren Figuren sind allemal die beiden Frauen. Henriette Confurius strahlt als Charlotte durch gütige Offenheit. Und Hannah Herzsprung, die der deutsche Film als schwermütiges Problemkind in "Vier Minuten" (2005) kennengelernt hatte, darf zeigen, wie leichtfüßig und charmant sie sein kann.

Ein Film über die Liebe - so undramatisch

Die Kamera von Michael Wiesweg schaut das Klassiker-Weimar bisweilen fast scheel an. Eine Salonszene bei Frau von Stein (Maja Maranow), bei der Charlotte Manieren lernen und einen Mann finden soll, wird vom Rande her gefilmt - weder die Couch, noch die Tafel, sondern die Tür, durch die Personal verschwindet, ist im Blick der dynamischen Kamera. In der Mitte des Films erlaubt sich Graf eine kecke Reflexion: Als die Kunde von der französischen Revolution Deutschland erreicht, ergießt sich eine Kunstblutlache über das Pflaster, und nach dem Schnitt auf eine Guillotine imaginiert eine Abfolge von Porträts des Filmpersonals, wen ein vergleichbarer Umsturz hier Stand und Kopf hätte kosten können.

Man kann sich einzig wundern, dass ein Film über die Liebe so undramatisch erscheint. "Die geliebten Schwestern" orchestriert Freud und Leid der tiefen Empfindungen nicht auf einen großen Höhepunkt hin. Vielmehr scheint der Film durch sein essayistisches Passepartout hindurch auf die Handlungen, die er dokumentiert, zu schauen wie sein eigener Betrachter.

Wie klug Dominik Graf den Raum für seine nachträgliche Fiktion öffnet, lässt sich auch daran erkennen, wie er ihn schließt. Nach den 140 Minuten der Kinofassung (auf Festivals werden 170, im Fernsehzweiteiler 190 Minuten gezeigt) entfernt sich "Die geliebten Schwestern" aus der Geschichte mit einem Epilog über Caroline und dem Blick auf den einzigen Brief von ihr, der überliefert ist, wie der Erzähler Graf bilanziert. Das heutige Weimar gerät ins Bild. Und dann kommen Touristen.

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