DER SPIEGEL

Missbrauch in der katholischen Kirche Grauenhafte Taten in gedämpftem Ambiente

Nichts hat die katholische Kirche in Frankreich so erschüttert wie der Prozess gegen Kardinal Barbarin. François Ozons Film "Gelobt sei Gott" ist eine Institutionenkritik, wie sie heilsamer kaum sein könnte.

Wenn in Frankreich nicht gerade wieder Gelbwesten und Polizei aneinandergeraten, verliert man in Deutschland schnell aus dem Blick, was in unserem westlichen Nachbarland vor sich geht. Dort wird nicht nur die politische Landschaft völlig neu geordnet, generell schwindet das Vertrauen in althergebrachte Institutionen und in die sogenannten Eliten. Medien, Bildungswesen, Gesundheitsversorgung - alles steht auf dem Prüfstand. Nun ringt das Land um Formen, wieder ins Gespräch miteinander zu kommen, die Gewalt wieder diskursiv einzuhegen und Gemeinsamkeiten auszumachen.

Ein wichtiges Element in diesem umfassenden kulturellen Prozess ist der Film "Gelobt sei Gott" von François Ozon. Er bezeugt den tiefen Verlust von Vertrauen in die katholische Kirche, bis dato eine der Kontinuitäten in der französischen Geschichte. Seit der Revolution hat sich Frankreich fein säuberlich in zwei Lager geteilt: das katholische und das republikanische, atheistische. Entweder war man links oder katholisch. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das linke Lager in viele Bestandteile aufgelöst, während das katholische Milieu lange intakt blieb. Doch seit einigen Jahren ändert sich das, und dieser Film ist ein Zeugnis dieser Entwicklung.

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"Gelobt sei Gott": Das Schweigen hat ein Ende

Foto: Pandora

"Gelobt sei Gott" erzählt vom Umgang der katholischen Kirche mit zahlreichen Fällen von Kindesmissbrauch durch Bernard Preynat, einen Pater aus dem Bistum Lyon. Dabei stützt sich Ozon auf Fakten: Die Selbsthilfeseite "La parole libérée" war Ausgangspunkt seiner Recherchen, über sie kam er in Kontakt mit Missbrauchsopfern und entwickelte auf der Grundlage ihrer Geschichten seinen Film. Nichts, was nicht längst im öffentlichen Bewusstsein sei, habe er aufgegriffen, so Ozon.

Bei ihm steht nun nicht Preynat im Fokus, sondern sein Chef, der Kardinal von Lyon Philippe Barbarin. Obwohl Barbarin früh und umfassend über die Straftaten von Preynat informiert war, stieß er keine internen Maßnahmen an. Barbarin behielt die Akten, ging auch nicht zur Staatsanwaltschaft - dabei ging es wohl um Dutzende, vielleicht Hunderte von Fällen.

Die unerschütterliche Bourgeoisie

Barbarin war bis zu diesem Skandal der meist geachtete Kleriker Frankreichs, ein Mann offenen Geistes, der Papst Franziskus nahesteht. Der sich gegen Kindesmissbrauch und sexuelle Gewalt generell in der Kirche ausgesprochen hatte, der die Opfer empfing und aus seiner persönlichen Erschütterung keinen Hehl machte. Aber den öffentlichen Skandal scheute er letztlich wohl mehr, als er die Aufklärung wollte. Im Januar 2019 wurde der Prozess gegen ihn sowie zwei Bischöfe, einen Priester und zwei Mitarbeiter der Diözese Lyon eröffnet.

Obwohl Ozon seinen Film so schnell drehte, dass er Ende Februar, kurz vor der Urteilsverkündung, in Frankreich in die Kinos kam, macht er sich erzählerisch in aller Ruhe ans Werk. Diese Geschichte spielt im katholischen Bürgertum von Lyon, wo die Bourgeoisie noch ganz bei sich ist. Weder '68 noch zwei sozialistische Präsidenten haben dieses Milieu wirklich erschüttern können. Ozon, eigentlich Spezialist für süffige Melodramen, stellt es uns in gedeckten Farben und gepflegten Dialogen vor. Keine hektischen Bewegungen, niemand brüllt oder tobt, die grauenhaftesten Taten geschehen im gedämpften Ambiente klerikaler Räumlichkeiten - etwa einem Fotolabor, in dem der Priester sich ungestört über die Jungen hermachen kann.


"Gelobt sei Gott"
Originaltitel "Grâce à dieu"

Frankreich, Belgien, 2019
Buch und Regie: François Ozon

Darsteller: Melvil Poupaud, Denis Menochet, Swann Arlaud
Produktion: Mandarin Production, FOZ, Mars Films et al.
Verleih: Pandora Filmverleih

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 26. September 2019


Ozon verliert sein Thema keinen Moment aus den Augen, hat aber auch Raum und Sinn dafür, die Vielfalt der Missbrauchserfahrungen, ihrer Verarbeitung und Verdrängung, zu erzählen. Jeder der Männer, die sich daranmachen, die Täter zu verfolgen und eine Selbsthilfegruppe gründen, hat eine eigene Art des Umgangs mit seinen Erfahrungen.

Und jeder hat ein anderes soziales Umfeld: Die Gemütslage der Eltern der misshandelten Jungen variiert zwischen Selbstvorwürfen, Resignation und bewundernswertem Kampfesmut. Mal brechen sie mit der Kirche, mal ist ihnen der Glauben ein Ansporn, die Kirche von solchen Tätern zu befreien.

Dabei glauben sie zunächst, Barbarin auf ihrer Seite zu haben. Als sich im Juli 2014 die ersten Opfer des Pater Preynat bei ihm melden, beantwortet er zügig jede Mail, drückt sein Mitgefühl aus, trifft sich mit ihnen und verweist sie an eine Mediatorin und Therapeutin. Es wird nichts geleugnet, auch der Sexualstraftäter selbst gesteht sofort und umfassend. Aber es geschieht nichts.

Aufbegehren gegen das Nichtstun

Ozon gelingt es, den kulturellen und sozialen Wandel in diesem Moment abzubilden: Jahrzehnte- oder vermutlich eher jahrhundertelang wurden sexuelle Übergriffe und Straftaten durch geistliche Würdenträger ohne Rekurs auf die staatliche Justiz behandelt. Die missbrauchten Jungen von einst sind nun aber zu Erwachsenen geworden, die nicht mehr hinnehmen wollen, dass schlicht gar nichts passiert ist, dass Pater Preynat immer noch mit Kindern Umgang hat.

Philippe Barbarin wurde am 7. März 2019 zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er die Taten von Preynat nicht zur Anzeige gebracht hatte. Das Urteil ging in die französische Geschichte ein. Barbarin trug den Titel des Primus von Gallien - höchster Kleriker in einem Land, das sich als "älteste Tochter der Kirche" bezeichnet. Es war von diesem Tag an ein anderes.

Im Video: Der Trailer zu "Gelobt sei Gott"

Pandora

Obwohl "Gelobt sei Gott" ein ganz bestimmtes Thema, eine begrenzte Episode präzise ausleuchtet, kommt ihm auch eine universelle Qualität zu: Er trägt bei zur Chronik einer Gesellschaft, die neue Dinge denken, neuen Trost erfinden muss.

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