S.P.O.N. - Der Kritiker Das Kino kann gerade nicht

Tja, woran liegt es? Ist der Ton zu laut? Sind die Bilder zu farbig? Oder zu verwackelt? Wohl eher nicht. Klar ist jedenfalls: Der Film steckt in einer Krise. Oder waren Sie vor kurzem im Kino und haben sich danach den ganzen Abend darüber angeregt unterhalten? Eben.

Ist eigentlich auch der Film in der Krise, nur mir hat noch niemand Bescheid gesagt? Und wie sähe sie dann aus, diese Krise? Ach: Krise, Krise, langsam liebe ich dieses Wort, Krise, Krise, überall Krise - wie sähe sie also aus? Reicht es schon, dass man sich langweilt? Oder gibt es einen tieferen Grund?

Früher, also ungefähr vor zwei Jahren, haben sich ja alle immer über Filme unterhalten, wenn sie abends irgendwo eingeladen waren und die Unterhaltung sich so dahin schleppte. Das war das Thema, auf das sich alle einigen konnten, und es war im Grunde immer das Zeichen, dass es Zeit war zu gehen - heute unterhalten sich alle über amerikanische Fernsehserien oder eben die Krise, also die Krise der Krise: Der Film, so scheint es, versinkt langsam im 20. Jahrhundert, wo er geboren wurde und wo er bleibt.

Woran aber liegt es? Daran, dass der Ton mal wieder zu laut ist? Dass die Bilder mal wieder zu farbig oder zu verwackelt sind? Dass einem mal wieder die Wirklichkeit oder die Künstlichkeit in ihrer ganzen eineinhalbstündigen Art um die Ohren gehauen wird? Dass die Erzählung mal wieder knarzt, weil die Geschichte sich ganz offensichtlich so abspielt, wie sich die Drehbuchautoren sich das so vorstellen, in ihrer Allmachtstellung?

Dabei ist Gott doch tot, und auch der Gott als Drehbuchautor. Ich habe in den vergangenen Wochen Filme gesehen im Flugzeug, auf dem Computer, unter offenem Nachthimmel, an einem regnerischen Nachmittag in Paris und in einem kleinen Vorführsaal in Berlin. Aber neu und berauschend war nur der Abend im Offenen, es war noch sommerlich warm, als ich einen Film sah, den ich lange nicht verstand, ich war zufällig vorbei gekommen, die Leute saßen auf langen Bänken im Freien, ich trank einen Gin Tonic und starrte auf die große Leinwand, es war in Moskau, das kam vielleicht noch dazu, und erst nach und nach begriff ich, dass der lustige Typ mit dem Bart dort der großartige Vincent Gallo war, der Englisch sprach, während die anderen Italienisch sprachen, die Bilder waren schön und schwarz-weiß, sie blieben lange stehen und zeigten mal eine karge Insel, mal eine dünne, halb nackte Frau, die Kaspar Hauser hieß.

Der Film sucht Halt im Theatralen

Alles war hier anders als sonst: Es roch nicht nach Popcorn, ich wusste nicht, was mich erwartet - und vor allem wusste auch der Film nicht: Was er wollte, an wen er sich richtete, er kannte sein Publikum nicht, er kannte seine Geschichte nicht, er war frei und voller Geheimnisse und zeigte doch nur ein paar Menschen, die oft und sehr lange zu elektronischer Musik tanzten. Die Bilder waren dabei zugleich nüchtern und von sich selbst berauscht, wie der ganze Film, "La leggenda di Kaspar Hauser" von Davide Manuli, es war, als ob Ingmar Bergman ein paar Pillen zu viel genommen hätte, es war roh und direkt und klug, wie Kaspar Hauser eben, und so ganz anders als all die Filme, die sich immer noch an ihrer Geschichte abarbeiten, an Erzählung, Psychologie und einer Kunstform, die eben doch mittlerweile sehr alt ist.

Und die das nicht so recht wahrhaben will. Der Film, diese Kunst der Schnitte, der Sprünge, der Auslassungen und Ellipsen, versucht immer noch, an einem Ort, dem Kino, in einer Zeit, 90 Minuten plus minus, eine Geschichte zu erzählen. Die Videokunst in Museen und Galerien und auch einige Literatur, hat man den Eindruck, sind da viel weiter, viel freier, viel mehr im 21. Jahrhundert angekommen, mit seinem verwirrenden Reichtum, seiner faszinierenden Neuigkeit: Der Film, dort, wo er gelobt werden will und gelobt wird, geht eher zurück und sucht Halt ausgerechnet im Theatralen.

Michael Hanekes "Liebe" etwa ist ein Kammerspiel wie von Strindberg. Und "Holy Motors" von Leos Carax macht das Rollenspiel selbst zum Thema, zeigt die Kostümierung der Wirklichkeit und den Fundus unserer Erfahrungen - mich hat das an eine Passage aus dem großartigen Buch "Das Jahrhundert" von Alain Badiou erinnert. Es geht um das 20. Jahrhundert, "das den Begriff der Inszenierung erfunden hat", schreibt der Philosoph Badiou: "Es macht das Denken der Aufführung selbst zur Kunst".

Statisten-Casting als Dauerzustand

Badiou findet im Theater, in der Inszenierung, in der Bühne einen Kern, einen Begriff des Politischen, was vielleicht auch Lars von Triers theatrale Anwandlungen erklärt. "Eine Frage wird ständig erörtert: In welchem Bezug steht das individuelle Schicksal zum historischen Ansturm der Massen", schreibt Badiou. "Dem zwanzigsten Jahrhundert stellt sich wieder die Frage des Chors und des Protagonisten, sein Theater ist mehr griechisch als romantisch."

Wenn der Film zum Theater zurückkehrt, sucht er dann das: das Politische, was auch immer das heute sein kann? Eine Relevanz und Dringlichkeit, die ihm abhanden gekommen ist?

Einen Film immerhin habe ich gesehen, der sich der Krise stellt, der Krise des Films als Film, in seiner Hybris, in seiner Kaputtheit, in seiner Manie: Das war der manische, kaputte, hybride Film "Klappe Cowboy!" von Timo Jacobs, klein und das Gegenteil von Kunst ist dieser Film und damit frei dafür zu zeigen, wie verfangen der Film in sich selbst ist. Da ist kein Glamour, nur Großmäuligkeit, da ist keine Verzauberung, nur Verzweiflung, da wird Wirklichkeit hergestellt, weil sie hergestellt werden muss, es geht halt nicht anders, das Statisten-Casting als Dauerzustand.

Und so billig sich dieser Film auch zeigt, er ist doch nah an dem, was Badiou, aus anderen Gründen, so formuliert hat: "Das Theater ist ein Apparat zum Konstruieren der Wahrheiten."

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