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18. Januar 2019, 14:40 Uhr

"Meine Biografie missbraucht"

Gerhard Richter rechnet mit Henckel von Donnersmarck ab

Mit scharfen Worten hat sich Gerhard Richter von dem Film "Werk ohne Autor" distanziert. Florian Henckel von Donnersmarck hatte ihn nach Motiven aus dem Leben des Malers gedreht.

"Reißerisch", so befand Gerhard Richter über den Trailer zu "Werk ohne Autor". Mehr war lange Zeit nicht mehr von dem berühmten Maler über den Film zu hören, der diverse Motive aus seinem Leben aufgreift. Nach einem eigenen Drehbuch hatte ihn Florian Henckel von Donnersmarck gedreht und im Oktober in die deutschen Kinos gebracht.

Nun hat Richter im Magazin "New Yorker" sein Schweigen gebrochen und den Film - und seinen Macher - mit deutlichen Worten verurteilt. "Um mir die Ereignisse in Erinnerung zu rufen", schreibt Richter auf eine Anfrage des amerikanischen Magazins, das mehr zu der Zusammenarbeit von Richter und Henkel von Donnersmarck erfahren wollte, "musste ich mir den ziemlich umfangreichen Ordner den Fall Donnersmarck betreffend anschauen. Leider hat die Visualisierung aller Fakten so viele schlechte Gefühle hervorgerufen, und meine Ablehnung sowohl des Films als auch der Person weiter anwachsen lassen, dass ich es als unmöglich erachte, Ihnen eine Antwort zu geben."

Der "New Yorker" zeichnet in seiner aktuellen Ausgabe im Rahmen eines großen Porträts von Donnersmarck die Entstehungsgeschichte von "Werk ohne Autor" nach. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit Gerhard Richter, der Donnersmarck nicht nur als Inspiration diente, sondern den er auch mehrmals für Gespräche traf.

Inwieweit es bei den Treffen um das konkrete Filmvorhaben ging, welche Zugeständnisse der öffentlichkeitsscheue Richter Donnersmarck bei der Verwertung seiner Biografie machte und welche Dinge er sich verbat, nimmt weite Teile des Textes ein. Nach Darstellung von Donnersmarck waren die Begegnungen von Offenheit und Verbindlichkeit geprägt. So hätte Richter das Drehbuch, das ihm vorgelesen worden sein soll, für gut befunden und sogar erwogen, eigens Bilder zum Film beizusteuern.

"Keinen Film über Gerhard Richter gutheißen kann"

Richter stellt das gänzlich anders dar. "Sehr kurz nach seinem [Donnersmarcks] ersten oder zweiten Besuch", schreibt Richter in der Korrespondenz mit dem "New Yorker", "habe ich ihm deutlich gesagt, dass ich keinen Film über Gerhard Richter gutheißen kann." Außerdem habe er ihm vorgeschlagen, dem Protagonisten einen anderen Beruf als den des Malers zu geben, da der Beruf für die Familiengeschichte unerheblich sei.

Donnersmarck habe sich darauf nicht festlegen lassen wollen, weshalb Richter ihm nach eigenen Angaben ein schriftliches Statement überreicht habe, in dem er ihm verbot, sowohl seinen Namen als auch seine Gemälde zu verwenden oder zu veröffentlichen. Donnersmarck habe ihm versichert, die Wünsche zu respektieren.

"Aber in Wahrheit", so Richter, "hat er alles dafür getan, dass mein Name in Zusammenhang mit seinem Film gebracht wird, und die Presse hat ihm dabei nach besten Möglichkeiten geholfen. Zum Glück haben die wichtigsten Zeitungen hier sein Machwerk sehr skeptisch und kritisch besprochen. Nichtsdestotrotz hat er es geschafft, meine Biografie zu missbrauchen und übel zu verzerren."

Der Text im "New Yorker" kommt zu einer heiklen Zeit für Donnersmarck. Zurzeit werden in den USA die wichtigsten Filmpreise vergeben, neben einer Nominierung als bester nicht-englischsprachiger Film für den Golden Globe (der schließlich an "Roma" von Alfonso Cuarón ging) konnte sich "Werk ohne Autor" einen Platz auf der Oscar-Shortlist für den besten fremdsprachigen Film sichern.

Ob er es in den Kreis der Nominierten geschafft hat, wird sich am Dienstag zeigen, wenn die Academy die Nominierungen verkündet. Auf das Ergebnis des Nominierungsprozesses kann der Text keinen Einfluss mehr haben, die Abstimmung wurde am 14. Januar beendet. Aber sollte "Werk ohne Autor" unter den fünf Nominierten sein, dürfte er es - abgesehen von der übermächtigen Konkurrenz durch "Roma" - angesichts solch massiver Kritik nochmals schwerer haben, Academy-Mitglieder für sich einzunehmen.

hpi

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