"Gespenster" Phantome am Potsdamer Platz

Unbehauste Seelen an einem lebensfernen Ort: Christian Petzold lässt die Charaktere seines neuen Films wie Verlorene durch die triste Landschaft des Berliner Stadtzentrums streifen. "Gespenster" ist ein grandioses Schauermärchen aus einer Großstadt, der die Mitte fehlt.

Straßen, Plätze und Bauten: Sie zeugen von der Entwicklung einer jeden Stadt und offenbaren ihre Seele. Doch dann gibt es diese Orte, die wie bereinigt erscheinen von jeglicher Geschichte. So wie in Berlin der Potsdamer Platz, dieses zugige Durcheinander von Häuserschluchten und Vorplätzen, hingemauert und hingeteert in kurzer Zeit auf jenem Brachland, durch das sich wenige Jahre zuvor noch die deutsch-deutsche Grenze zog. Die Seele, die auch diesem Ort innewohnen muss, liegt hier verschüttet unter allerlei Bausünden. Gewachsen ist hier nichts, Leben darf hier nicht sein. Wehe dem, der ausgerechnet in dieser Gegend nach Geschichte sucht, vielleicht sogar noch nach der eigenen.

Aber genau das tun die drei Heldinnen in Christian Petzolds somnambul gedrosselter Großstadtsymphonie "Gespenster": Heimkind Nina (Julia Hummer) streift mit ihrer Zufallsbekanntschaft Toni (Sabine Timoteo) durch die Gegend um den Potsdamer Platz und wird von der französischen Touristin Françoise (Marianne Basler) angesprochen, die in der Halbwüchsigen ihre vor vielen Jahren entführte Tochter zu erkennen glaubt.

Wie in seinen anderen Werken hat Autorenfilmer Petzold ("Die innere Sicherheit") die Dialoge aufs absolut Notwendige zusammengekürzt. Doch hier scheint sich nun auch noch hinter jedem der wenige Worte eine Lüge zu verbergen: Für ein Fernsehcasting, bei dem sich Nina und Toni aus einer Laune heraus bewerben, geben sich die beiden als langjährige Freundinnen aus und erzählen vor laufender Kamera eine haarsträubende Geschichte darüber, wie sie sich angeblich kennen gelernt haben - bei einem Segelunfall auf einem aufgewühlten Gewässer, das diese beiden unbehausten Großstadtseelen in Wirklichkeit wahrscheinlich noch nie gesehen haben. Ebenso phantastisch klingt die Geschichte, mit der die Französin Françoise der verstörten Nina einzureden versucht, sie sei ihre verlorene Tochter.

So ist in "Gespenster" jeder Charakter gefangen in einer Erzählung, die er selbst oder ein anderer formuliert. Überleben kann nur, wer sich aus eben dieser Erzählung befreit.

Wie kein anderer deutscher Filmemacher versucht Petzold seine Figuren mit der Logik des Handlungsortes zu verschmelzen. In seinen beiden letzten Fernsehproduktionen für das ZDF, die beide mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden sind, erkundete er etwa die Wohlstandsregionen der alten Bundesrepublik: Den Rachekrimi "Toter Mann" siedelte er vor der arrivierten Architektur Stuttgarts an; sein Schuld-und-Sühne-Drama "Wolfsburg" spielte auf Landstraßen und in Autohäusern im niedersächsischen Nirgendwo, wo man sich in technisch hochgerüsteten Kraftfahrzeugen dem trügerischen Glaube an Mobilität und Sicherheit hingibt.

Doch mit seinem neuen Kinofilm lässt Petzold nun die Speckgürtel und Bausparerreservate des alten Westen hinter sich und stößt in die Mitte der Berliner Republik vor - ins Zentrum einer Stadt, die doch eigentlich gar kein Zentrum mehr besitzt. Denn der Potsdamer Platz ist mit seinen spitztürmigen Hotel- und Bürokomplexen ja nicht vielmehr als die Behauptung einer Stadtmitte. Ein teurer und lebloser Illusionismus.

Auf diese Weise bildet "Gespenster" den lange fälligen Film über das Berlin der Gegenwart. Mit den erfolgreichen Metropolen-Movies der letzten 15 Jahre, die auch im Ausland für Furore sorgten, hat Petzold anmaßend langsam erzähltes und protestantisch karges Psychorätsel nicht viel gemein. Die sanfte Melancholie von Wolfgang Beckers "Das Leben ist eine Baustelle" (1997), in der die relativ frisch wiedervereinigte Stadt in ihrer pittoresken Unfertigkeit noch allerlei Versprechungen bereithielt, ist hier genauso fern wie der brachiale Optimismus von Tom Tykwers Tempo-Thriller "Lola Rennt" (1998). Bei Tykwer taugte die Kapitale immerhin als Rennstrecke für junge Menschen, die glaubten, dem Schicksal ein Schnippchen schlagen zu können.

Petzolds Film hält indes keinerlei Verheißungen parat. Die Hauptstadt, so wie er und sein Stammkameramann Hans Fromm sie ins Bild setzen, ist ein sonderbar lebensferner Ort. Der modernistische Prunk des Potsdamer Platzes endet hier direkt in der künstlichen Wildnis des Berliner Tiergartens. Es geht um geraubte Kinder, falsche Fährten und verfängliche Camouflagen.

"Gespenster" ist somit zu gleichen Teilen ein Film-noir und ein Märchen, die Gebrüder Grimm haben ebenso ihre Spuren hinterlassen wie Hitchcock. Ist die reiche französische Touristin tatsächlich die Mutter der einsam durch die Stadt irrenden Waise Nina? Das wäre natürlich zu schön, um wahr zu sein. Es ist eine Phantom-Familie, die sich da an einem Phantom-Ort trifft. Zusammen wächst am Potsdamer Platz nichts, alles ist hier Illusion und gezielte Täuschung. So wird die Großstadtsymphonie ohne alle Schockelemente zur Schauermär.


Gespenster

Deutschland 2005. Regie: Christian Petzold. Buch: Christian Petzold, Harun Farocki. Darsteller: Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler, Benno Fürmann. Produktion: Schramm Film. Verleih: Piffl Medien. Länge: 85 Minuten. Start: 15. September 2005

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