Gewaltthriller "Tödliche Versprechen" Im Blutrausch zur Erleuchtung

Komplexes Gedankenspiel über menschliche Moral oder gut getarnter Gewaltporno? David Cronenbergs "Tödliche Versprechen" lädt auch in der DVD-Fassung zum Sinnieren über das Böse im Menschen ein.

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Zimperlich ist David Cronenberg nie mit seinem Publikum umgegangen. Das wird jeder bestätigen können, der mal einen Film des kanadischen Meisterregisseurs gesehen hat. Ob man miterlebt, wie Jeff Goldblum in "Die Fliege" (1986) langsam zur schleimigen Insektenmutation wird; wie eine Gruppe schöner Menschen um Holly Hunter in "Crash" (1996) Autounfälle zwecks sexueller Befriedigung provoziert; oder Viggo Mortensen in "A History of Violence" (2005) als braver Familienvater von seiner Vergangenheit als Profikiller eingeholt wird – man kann sich eigentlich immer auf jede Menge Blut, Gewalt und verstörenden Psychoterror gefasst machen.

Filmszene mit Mortensen als "Nikolai": Warum ist das vermeintlich Böse so verführerisch?
Tobis

Filmszene mit Mortensen als "Nikolai": Warum ist das vermeintlich Böse so verführerisch?

Trotzdem gilt Cronenberg als einer der größten Regisseure unserer Zeit und nicht als stumpfer Horrorschlachter. Auf der kürzlich erschienenen DVD seines jüngsten Werkes "Tödliche Versprechen" kann man sich mal wieder davon überzeugen, warum das so ist.

Schon der Anfang stimmt souverän auf das Gesamterlebnis ein: In wenigen Minuten wird die Kehle eines Mannes in Nahaufnahme durchschnitten, ein schwangeres Mädchen wankt blutend in eine Apotheke und stirbt im Londoner Krankenhaus, das Baby überlebt nach (detailliert gezeigter) Reanimation. Die Hebamme Anna (Naomi Watts) nimmt das Tagebuch der unbekannten Toten an sich und gerät unversehen in die höchsten Kreise der russischen Mafia in London – an einen freundlichen wie gnadenlosen Paten (Armin Mueller-Stahl), seinen labilen Sohn Kirill (Vincent Cassel) und dessen eiskalten Chauffeur und Helfer Nikolai (Viggo Mortensen, umwerfend gut). Immer weiter verfängt sich Anna im undurchdringlichen Verbrechernetzwerk, wie bei Cronenberg üblich steigt das Maß der Bedrohung ganz sanft und unmerklich an, bis es kaum noch auszuhalten ist. Jede Szene ist präzise und elegant zusammenkomponiert, die Bilder sind so schön, dass die unvermittelten Gewaltausbrüche umso wirkungsvoller hereinbrechen. Kleine und große Wendungen drehen die Geschichte in immer neue Richtungen, gewisse Unglaubwürdigkeiten des Drehbuchs hat man bis zum brillanten Finale längst vergessen.

"Tödliche Versprechen" ist ein Film, der lange nachwirkt, der nicht einfach vorbei sein will, wenn der Abspann läuft. Wie in "A History of Violence" geht es hier um tiefe Fragen der Moral. Kann Gewalt jemals gerechtfertigt sein? Wo beginnt das Böse in Menschen, die überzeugt sind, nur das Gute zu tun? Warum ist das vermeintlich Böse so verführerisch? Direkte Antworten serviert Cronenberg nie, vielleicht deutet er sie gerade ein bisschen an, vielleicht will er einfach nur alles zur Diskussion stellen, in der Hoffnung, dass sich bei manchen Zuschauern die Erleuchtung einstellt.

Man kann sich natürlich schon fragen, ob es nötig ist, die Kamera lustvoll draufzuhalten, wenn jemandem ein Auge ausgestochen wird. Manche werden in "Tödliche Versprechen" nicht mehr als einen brutalen Gewaltporno sehen.

Wer sich aber darauf einlassen kann und einigermaßen stabile Nerven mitbringt, der erlebt beinahe perfektes Kino.


DVD "Tödliche Versprechen" (Tobis).



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Dros, 19.06.2008
1. Und? In China fällt ein Sach Reis um,
Warum muss man eigentlich über jedes dämliche Filmchen soviel Aufhebens machen?
stonie, 19.06.2008
2. wozu titelzwang?
ganz guter film. nur warum hierzu ein forenthema und was soll überhaupt dann das thema sein? also /close
Paralyta, 19.06.2008
3. Klischeehaft, vorhersehbar, eintönig
Ich habe den Film versucht zu mögen, aber dazu ist er zu banal, zu konstruiert. Die unbehagliche Stimmung, die sich zu Anfang in der Magengegend einnistet, schlägt wegen der haarsträubenden Aktionen (insbesondere der Protagonistin) irgendwann nur noch in Magenschmerzen um. Nur noch selten hat man den Eindruck, dass man es hier mit echten denkenden Menschen und richtigen Gangstern oder Gesetzeshütern zu tun hat. Zu oft erinnerten mich die Akteure an Abziehbildchen überzeichneter 70er Jahre Serien-Stereotypen. Peinlich, dass man so etwas noch im Jahre 2007/2008 vorgesetzt bekommt. Der Film ist im Grunde nur eine Anhäufung von Klischees und vorhersehbaren Storyfetzen. Ständig erwischt man sich dabei, dass man sich die flache Hand gegen die Stirn dreschen will, weil man wieder Zeuge unmöglichen Blödsinns wurde. Der Gewaltgrad ist zwar hoch, aber für durchschnittliche Horrorfilme/Actionfilme-Gucker erträglich. Wirklich Schade um den Rest, der mir sehr gefallen hat. Schauspiel, Regie, Atmosphäre, Milieu und Intension haben mir zugesagt, aber das Drehbuch war Klassen schlechter als eine normale Soap-Episode.
rufus008 19.06.2008
4. Meisterwerk
Zitat von sysopKomplexes Gedankenspiel über menschliche Moral oder gut getarnter Gewaltporno? David Cronenbergs "Tödliche Versprechen" lädt auch in der DVD-Fassung zum Sinnieren über das Böse im Menschen ein. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,560450,00.html
Ganz einfach einer der besten Gangsterfilme der letzten 10 Jahre, mit dem Zeug zum Klassiker a la Chinatown. Mehr muss man dazu nicht sagen. Ich bin selten derart "berauscht" aus dem Kino gekommen. Und jedem, dem ich den Film bisher empfohlen habe, ging es genauso.
KleinRuh, 19.06.2008
5. Am Anfang hui, am Ende pfui
Als ich den Artikel über "Tödliche Versprechen" gelesen habe, da habe ich mich ernsthaft gefragt, ob der Autor und ich denselben Film gesehen haben! Großes Kino? Meisterwerk? Zum Nachdenken anregend? Neee, sorry, keine Spur davon! Die hochgepriesene Anfangsszene, in der einem Friseurkunden die Kehle durchgeschnitten wird, ist unnötig brutal und effekthaschend, schon das hat mich irritiert. Dann, für eine kurze Zeit, baut der Film so etwas wie einen interessanten, spannungssteigernden Plot auf, der allerdings nur so lange hält, bis die Hauptdarstellerin sich in aberwitzigen, völlig idiotischen Handlungen verliert und damit die ganze Faszination tötet. Ich meine, welcher normale Mensch würde auf die blutrünstige Russenmafia zugehen und ihnen ins Gesicht schreien, daß man über sie bescheid weiß? Und das natürlich alleine, ganz schutzlos! Und der böse Killer und "Leichenbeseitiger", der auf die armen, armen Protagonisten angesetzt wird, entpuppt sich - oh Wunder! - als Undercover-Polizist. So ein Quatsch! Mit Abstand am meisten hat mich aber schockiert, daß hier ein sehr ernstes und trauriges Thema - nämlich das des Menschenhandels und der Zwangsprositution von Mädchen aus dem Ostblock - als reißerischer, platter Unterhaltungs-Thriller verwurstet worden ist, der zu keinem Zeitpunkt Lösungsansätze oder Denkanstöße bietet sondern nur auf Emotionen, Blut und Action setzt. Das finde ich nicht akzeptabel! Was kommt denn als nächstes? Eine Familienkomödie über Natascha Kampusch? Ein Actionthriller mit den Opfern von Amstetten? Es gibt auch im TV und Kino gewisse Grenzen, die eingehalten werden sollten. Grüße, Marco
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