Deutsch-dänischer Film "Giraffe" Eine Insel kommt ins Archiv

Sehe ich Drama, wo keines ist? In ihrem zweiten Spielfilm "Giraffe" schickt die Dänin Anna Sofie Hartmann eine Ethnologin auf eine unmögliche Mission: Sie soll Gegenwart einfangen, während diese vergeht.
Szene aus "Giraffe": Lisa Loven Kongsli als Ethnologin Dara

Szene aus "Giraffe": Lisa Loven Kongsli als Ethnologin Dara

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Grandfilm

Immer wieder sieht man in Anna Sofie Hartmanns "Giraffe" einen Trupp Arbeiter durch die Landschaft der dänischen Insel Lolland ziehen. In dieser strukturschwachen Region soll dereinst der Fehmahrnbelttunnel an die Erdoberfläche stoßen und die Landmassen (und Märkte) von Deutschland und Dänemark miteinander verbinden. Doch noch liegt der Tunnelbau in weiter Ferne: Die Arbeiter, die wir sehen, verlegen lediglich Kabel für noch zu errichtende Wohnhäuser, in denen irgendwann die eigentlichen Tunnelarbeiter untergebracht werden sollen.

Veränderung ist hier kein plötzlicher Umbruch, sondern ein Jahrzehnte andauernder Zustand. Das staatenübergreifende Infrastrukturprojekt hat Lolland in ein eigentümliches Zwischenreich verwandelt: Die gewohnte Welt der Insel ist äußerlich so, wie sie immer war, und ist doch bereits unwiederbringlich verloren. Die Zeit selbst ist still gestellt und wie ein Forschungspräparat der menschlichen Betrachtung preisgegeben. 

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"Giraffe"

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Diese Tätigkeit des Betrachtens bestimmt Hartmanns gesamten Film, nicht nur inhaltlich, sondern auch in seinem formalen Aufbau und seiner rhythmischen Struktur. Im Auftrag eines örtlichen Museums reist die Ethnologin Dara (Lisa Loven Kongsli) durch Lolland, um die im Zuge des Tunnelbaus enteigneten und zum Abriss bestimmten Häuser zu dokumentieren. "Giraffe" folgt ihren Streifzügen und reiht in nüchternen Bildern ganz verschiedenartige Ereignisse und Eindrücke übergangslos aneinander: den weiten Horizont des Meeres, ein Skype-Gespräch zwischen Dara und ihrer Mutter, die reglosen Gesichter von Bauern und Arbeitern.

Die Bestandteile der äußeren Welt werden hier als vollkommen eigenständige Erscheinungen behandelt, in der Hoffnung, dass sie dadurch ihre innere Verbundenheit irgendwann von selbst preisgeben. Auch Daras spontane Affäre mit einem jungen Bauarbeiter folgt diesem Impuls des neugierigen Forschens, als würde Dara in ihr vor allem erkunden wollen, wie sich Momente der Leidenschaft und der Verständigung anfühlen, wenn sie herausgelöst sind aus den Zusammenhängen des Alltagslebens.

Dabei zeigt Hartmanns Film auch, was für ein zutiefst paradoxes Unterfangen diese Art der Betrachtung eigentlich ist: Man sondert die Dinge voneinander ab, um ihre inneren Beziehungen sichtbar werden zu lassen, man hält die Welt auf Abstand, um ihr gedanklich näherzukommen. Diese innere Instabilität wird besonders deutlich, als Dara in einem verlassenen Bauernhof auf die vielfältigen Spuren einer früheren Bewohnerin stößt. Dara vergräbt sich förmlich in den Tagebuchaufzeichnungen, Fotos und kleinen Habseligkeiten dieser Agnes Sørensen und versucht, anhand dieser Fülle von Zeugnissen zum lebendigen Kern einer fremden Existenz durchzudringen.

Doch so sehr Dara sich auch bemüht, Agnes Sørensen bleibt ungreifbar, ja scheint sogar mit jedem zusätzlichen Detail noch mehr zur Abstraktion zu werden. "Vielleicht bin es ja auch nur ich, die da unbedingt ein Drama erkennen will", gesteht Dara einer (von Maren Eggert gespielten) Angestellten auf der Fähre zwischen Deutschland und Dänemark.

Sie benennt damit den toten Punkt, den der gesamte Film wie einen Abgrund umkreist: dass es nämlich nicht die Erscheinungen der Welt sind, die irgendwann unter dem Brennglas des menschlichen Blicks ihre innere Sinnhaftigkeit offenbaren, sondern dass es der menschliche Geist selbst ist, der die Abwesenheit sinnhafter Strukturen irgendwann nicht mehr erträgt und deshalb Verbindungslinien einzieht, wo sie gar nicht existieren. Durch methodische Betrachtung der Welt wollen die Figuren in Hartmanns Film Kontakt zu der sie umgebenden Wirklichkeit aufbauen - und versinken doch nur immer tiefer in den eigenen Gefühlen und Gedanken.

So erzählt "Giraffe" im Grunde von einem permanenten Ausbruchsversuch, der nie vom Fleck kommt. Das tut er auf eine unaufgeregte Art, in präzise durchgestalteten Einstellungen, die den Orten, Menschen und Dingen stets Raum zum Atmen geben. Nur gegen Ende wünscht man sich, dass der Film doch noch irgendeinen Haken schlagen und inhaltlich oder formal noch eine zusätzliche Ebene einziehen würde.

Stattdessen scheint sich "Giraffe" in einer leisen Melancholie einzurichten, die nicht so recht zu dem eigenen, von innerem Drängen erfüllten Forscherblick passen will. Denn die geistige Vereinsamung, die der Film selbst so nachdrücklich erfahrbar macht, ist nicht nur schade, sondern unerträglich.

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