Verfilmung von "Girl on the Train" Dieser Zug ist abgefahren

Die einsame und alkoholkranke Rachel macht sich auf die Suche nach einem Mörder: "Girl on the Train" war der Thriller-Bestseller 2015. Die Verfilmung ist leider missglückt - trotz der tollen Emily Blunt.

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Da sind kaum noch Nähte, die das Leben von Rachel zusammenhalten: Der Job in der PR-Agentur ist schon länger weg, der Mann auch. Menschen strafen sie mit Blicken, weil Rachel ihre Tage nur noch mit einer Flasche Wodka rumbringt, lallt, wenn sie einem fremden Kind über den Kopf streicht. Nur der Blick ins Lebensglück anderer rührt noch etwas in ihr: Jeden Tag pendelt die Alkoholikerin , halb, um den Schein zu wahren, halb, weil sie es halt immer so gemacht hat, in ihrem Arbeitsoutfit nach London. Durch das Zugfenster sucht ihr Blick dann das Haus von Megan, einer vermeintlich perfekten Vorstadthausfrau, in deren Leben sich Rachel mit ihren Träumen eingenistet hat.

Nur wenige Häuser weiter liegt ihr altes Zuhause. Dort macht mittlerweile der Ex-Mann mit seiner neuen Frau Anna und dem Baby, das Rachel mit ihm nicht bekommen konnte, auf Familienglück.

Als dann Megan eines Tages verschwindet, tun sich die Abgründe auf, die in der Vorstadtidylle sonst zwischen Pilates-Stunden, Landhausstil und pastellfarbenen Uggboots verborgen bleiben. Und Rachel - die in dieser Welt einsame, betrunkene, gescheiterte Frau - beginnt, zu ermitteln.

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"Girl on the Train": Ein vernebeltes Leben

Mit dem Thriller "Girl on the Train" gelang der britischen Autorin Paula Hawkins im vergangenen Jahr ein Überraschungshit, 15 Millionen Mal wurde das Buch mittlerweile verkauft. Hawkins schuf einen besonderen Thriller, der vor allem durch seine außergewöhnliche Protagonistin über den Reiz des Suspense hinauswirkte: Mit derselben selbstzerstörerischen Unnachgiebigkeit, mit der Rachel in ihrem persönlichen Abgrund aufging, verfolgte sie auch die Frage nach Megans Mörder. War sie es, die während der Tatzeit so betrunken war, dass sie am nächsten Tag mit eingenässter Unterhose, blauen Flecken und Blut auf der Bluse aufwachte, gar selbst? Leser und Rachel waren sich da gemeinsam nicht sicher.

Hollywood sicherte sich schon früh die Rechte an "Girl on the Train", verlegte die Handlung nach New York und besetzte die Hauptrolle großartig mit Emily Blunt ("Sicario"): Ihre Rachel ist knallhart, wenn sie in Videonachrichten darüber fantasiert, Anna umzubringen. Wund vor Sehnsucht, wenn sie vom Zug aus Megan beobachtet, und immer von einer stumpfen Fiebrigkeit, als hätte sich der Dauerrausch in alle Poren eingebrannt. Verdient wird Blunt als Oscar-Kandidatin gehandelt. Man wünscht sich nur, es wäre für einen besseren Film.

Der Reiz des vernebelten Lebens

Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson ("Secretary") und Regisseur Tate Tayloer ("The Help") haben systematisch alles ausgemistet, was das Buch zu mehr als einem konventionellen Whodunit machte - und haben die genaue Charakterzeichnung zugunsten des Plots geopfert. Im Buch arbeitete Hawkins nicht nur mit Rachels Blick, sondern erzählte auch aus Megans Perspektive (gespielt von Haley Bennett), die das vermeintlich perfekte Ehefrauendasein nur mit zahlreichen Affären erträgt und ein dunkles Geheimnis wahrt. Auch Anna (Rebecca Ferguson) kam zu Wort, ihre Angst vor der geschassten Rachel, ihr kompromissloser Nestbau.

Der Film, der auch Rachel zu Beginn eher hastig umreißt, um dann schnell das bekannte Wechselspiel aus Rückblenden, Gefahrensituationen und Verdächtigungen einzuleiten, nimmt sich kaum Zeit für diese Perspektiven. Er traut sich aber auch nicht, die beiden anderen Frauen einfach in einer Unerklärlichkeit wirken zu lassen, sondern inszeniert sie lieblos als küchenpsychologische Gegenpole - hier die abgründige Vorstadt-Lolita Megan, da das Heimchen Anna in rosa Nikki-Jogginghosen ("Gibt es einen wichtigeren Job, als ein Kind großzuziehen?").

Auch wird der Reiz von Rachels vernebeltem Leben kaum ausgekostet. Der Zuschauer geht nicht gemeinsam mit ihr verloren, sondern weiß - weil die Erzählweise zwar verschachtelt, aber nie unzuverlässig ist - selbst dann, wenn Rachel selbst kaum noch laufen kann immer ganz genau, wo und wann er gerade ist. Dass der Wahnsinn immer im angenehmen Abstand bleibt, spiegelt sich auch darin, dass "Girl on the Train" zwar durchaus einen Look besitzt: Das graue Herbstlicht macht auch die Vorgärten der Einfamilienhäuser großstädtisch nackt.

Was wäre, wenn Netflix...

Aber eine Ästhetik, die nicht nur gut aussieht, sondern im besten Sinne auch tatsächlich verstört, entwickelt der Film nicht. Das Potenzial, das hier verschenkt wurde, deutet sich an, wenn sich in wenigen Aufnahmen nachts vor den gepflegten Familiengärten das wilde Dunkel auftut, obwohl es mit der Zivilisation ja auch im Vorort nicht gerade weit her ist.

So passiert bei "Girl on the Train" das, was bei allen Romanverfilmungen passiert, die sich jede künstlerische Eigenständigkeit versagen: Die, die das Buch nicht gelesen haben, werden einen okayen Thriller sehen, aber nicht erfassen, warum um diese Chose so viel Bohei gemacht wird. Die, die das Buch gelesen haben, werden sich langweilen, weil sie halt wissen whodunit - und sie werden spätestens nach der Hälfte des Films, wenn auch Blunts Spiel nichts mehr retten kann, anfangen zu überlegen, was anders - besser - gelaufen wäre, wenn sich Netflix oder die BBC mit einer Miniserie des Stoffs angenommen hätten.

Diese Hollywood-Version von "Girl on the Train" ist jedenfalls so bieder wie die Blümchentapete in der Vorstadt, an deren Abgründen sich die Romanvorlage so genussvoll labte.

Im Video: Der Trailer zu "Girl on the Train"

"Girl on the Train"

    USA 2016

    Regie: Tate Taylor

    Drehbuch: Erin Cressida Wilson

    Darsteller: Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Haley Bennett, Justin Theroux, Luke Evans, Allison Janney, Édgar Ramírez, Lisa Kudrow

    Produktion: DreamWorks Pictures, Marc Platt Prods., Amblin Entertainment, Reliance Entertainment

    Verleih: Constantin Film Verleih

    Länge: 112 Minuten

    Start: 27. Oktober 2016



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
dosmundos 27.10.2016
1.
Bestätigt meine Befürchtungen. Warum sich um eine besondere filmische Umsetzung bemühen, wenn alleine schon der Erfolg des Buches garantiert, dass eine konventionelle Umsetzung des Stoffes zumindest kein Flop an den Kinokassen wird?
josch@sapo.pt 27.10.2016
2. das Buch nicht gelesen
vielleicht deshalb kann ich die Umsetzung nicht beurteilen, aber der Film mit einer phantastischen schauspielerischen Leistung von Emily Blunt hat mir sehr gut gefallen.
nascado 27.10.2016
3. Film hat mich sehr berührt
Das Buch habe ich nicht gelesen aber der Film war sehr beeindruckend. Spannung und schauspielerische Leistung waren bedrückend und erinnerten mich von der Stimmung an twin Peaks und Mulholland Drive. Meinen Sitznachbarn ging es ähnlich. Buchverfilmungen sind für denjenigen der das Buch gelesen hat fast immer enttäuschend.
Matz40699 28.10.2016
4. Wdodunit würde jede Verfilming sehr schwer machen
Ich habe das Buch ebenfalls vorher nicht bekannt und fand den Film daher sehr gut und spannend gemacht. Das Buch und damit den Ausgang kennend macht jede Verfilmung schwer.
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