"Girlfight" Muskulöses Rollenspiel

Volltreffer fürs US-Independent-Kino: In Karyn Kusamas Adoleszenz-Drama "Girlfight" boxt sich ein Mädchen tapfer durchs Leben - ein Film mit Brüchen und Kanten, ohne moralischen Haken.

Von Daniel Haas


Aufgeladen mit Aggression: Hector (Jaime Tirelli) trainiert die wütende Diana (Michelle Rodriguez)
Senator Filmverleih

Aufgeladen mit Aggression: Hector (Jaime Tirelli) trainiert die wütende Diana (Michelle Rodriguez)

"Das Leben ist hart. Sie ist härter", titelt stolz das Filmplakat von "Girlfight" - ein Slogan, der dramatische Action verspricht und doch nur jene Form gut gemeinten Marketing-Blödsinns ist, der seinem Produkt und dessen Eigensinn insgeheim misstraut. Diana (Michelle Rodriguez), die Heldin von Karyn Kusamas in Cannes und Sundance vielfach prämiertem Debütfilm, ist nicht härter als das Leben; die 17-jährige Hispano-Amerikanerin aus Brooklyn muss ihre Auffassung von Leben und Identität überhaupt erst noch gestalten.

Wie das Leben an sich ist, kann ein Film immer nur so gut wissen, wie die Figuren, aus deren Sicht erzählt wird. Deshalb enthält sich Kusamas dokumentarisch streng fotografiertes Drama auch aller Verallgemeinerungen und begleitet Diana ein Stück weit durch die zentrale Episode ihrer Pubertät - anstatt sie mit der Bigger-than-Life-Ideologie vom exzeptionellen Einzelschicksal, die das Hollywood-Mainstream-Kino so gern in Szene setzt, zu gängeln.

Sucht nach Identität: Diana (M. Rodriguez)
Senator Filmverleih

Sucht nach Identität: Diana (M. Rodriguez)

Diana ist wütend; wie wütend, wird bereits in der ersten Einstellung deutlich: Mit gesenktem Kopf blickt sie mürrisch herausfordernd von unten herauf in die Kamera, aufgeladen mit jener Aggression, in der sich soziale Not und adoleszentes Unbehagen mit sich selbst und anderen zu einem explosiven Gemisch vermengen. Diese Wut führt Diana in den kleinen schäbigen Boxclub, wo ihr Bruder Tiny (Ray Santiago) auf Wunsch des Vaters trainieren muss.

Doch Tiny, ein schmächtiger, sanftmütiger Junge, will nicht kämpfen, sondern schmökern und schreiben. Und so dauert es nicht lange, bis er das Trainingsgeld heimlich seiner Schwester zuschanzt, die sich von nun an von Hector (Jaime Tirelli), dem gutmütig-melancholischen Coach, im Ring schinden lässt. In Hector wird Diana, deren Vater hilf- und verantwortungslos dem Alkohol verfällt, einen Mentor finden, der gemeinsam mit ihr reift, geschlechterrollenbedingte Stereotypen überwinden lernt und ihr am Ende die entscheidende Frage stellt: "Tief innen, kennst du dich da selbst?"

Sich selber kennen lernen, sich im Verhältnis zu anderen, vor allem zum anderen Geschlecht verorten, dies sind die zentralen Anliegen von Kusamas bravourösem Film; Probleme, die auch den Kern pubertärer Entwicklungen abgeben. So ist es kein Wunder, dass in die Ausbildungs- und Trainingserzählung eine Liebesgeschichte mündet: Diana lernt Adrian (Santiago Douglas) kennen - wie sie ein Box-Talent und hungrig nach Erfolg im Ring. Dass die beiden schließlich gegeneinander antreten müssen, ist nicht nur dramatischen Konventionen geschuldet, es spitzt auch noch einmal all die Konflikte zu, die eine der feministischen Debatten müde gewordene Gesellschaft so gerne gelöst sehen möchte: die der Gleichberechtigung der Geschlechter und ihrer Chancen, sich jenseits der Oppositionen von stark und schwach, weich und hart neu zu entwerfen.

Liebesgeschichte: Diana muss gegen Adrian (Santiago Douglas) antreten
Senator Filmverleih

Liebesgeschichte: Diana muss gegen Adrian (Santiago Douglas) antreten

Die Regisseurin tut gut daran, die Geschichte dieses Selbstentwurfs konsequent über den Körper zu erzählen. Anders jedoch als beispielsweise in "Billy Elliot", Stephen Daldrys Musical-Drama, in dem ein Proletarierjunge zum Ballettstar aufsteigt, werden in "Girlfight" keine Klassengrenzen überschritten: Transgressionen finden im Bereich unmittelbarer Erfahrung statt, deren Grenzen immer auch die der Physis sind. Kritisches Potenzial schlägt Kusama deshalb nicht aus der Subversion eines repressiven Gesellschaftsdesigns, sondern aus der Präsentation eines alternativen Modells von Körperlichkeit.

"Girlfight" ist so gesehen der filmische Kommentar zu einer kulturellen Lage, die von zwei Extremen bestimmt wird: Einerseits die Entmaterialisierung des Körpers in den neuen Medien des Cyberspace zu Formen digitaler Codes - andererseits seine Zurichtung als neuer Agent sozialer Abgrenzung in den Inszenierungen von Fitness, Erotik und Jugendlichkeit.

Mit "Girlfight" gerät das Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit wieder in den Blick und vor die Kamera: Nicht als simple Identitätsproduktion, die an kosmetische Körperbe- und Umarbeitung gekoppelt ist, sondern als kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kraft und ihren Möglichkeiten. Denn mit dem Spiel der Muskeln beginnt auch das der Rollen. Weiblich/männlich, Sieger/Verlierer: Solche Symmetrien geraten schnell in Bewegung - im Ring wird getanzt, nicht marschiert.

"Girlfight - auf eigene Faust" ("Girlfight"). USA 2000. Buch und Regie: Karyn Kusama. Darsteller: Michelle Rodriguez, Jaime Tirelli, Paul Calderon, Santiago Douglas, Ray Santiago. Länge: 110 Min. Verleih: Senator; Start: 8. Februar 2001



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