"Glitter - Glanz eines Stars" Fünf Oktaven für Aschenbrödel

Nach Whitney Houston ist nun auch Mariah Carey im Kino angekommen und stellt in einem kitschigen Aschenputtel-Melodram über das Musikgeschäft doch nur sich selbst dar.

Von Oliver Hüttmann


Filmszene mit Mariah Carey und Max Beesley: Unzumutbar kitschig
Columbia TriStar

Filmszene mit Mariah Carey und Max Beesley: Unzumutbar kitschig

Das Leben von Mariah Carey ist eine Seifenoper. Das Scheidungs- und Wunderkind wurde aufgezogen von seiner Mutter, einer Opernsängerin, und schrieb als Zwölfjährige ihre ersten Songs. Mit 17 zog sie aus und zu Freundinnen in eine New Yorker Bruchbude. Sie bekam einen Job als Backgroundsängerin und zwei Jahre später einen Plattenvertrag, nachdem der Sony-Boss Tommy Mottola ein Demotape von ihr gehört hatte. Er machte sie zum Star und heiratete sie dann auch gleich noch.

Inzwischen sind sie getrennt, aber Carey hat weltweit rund 150 Millionen Alben verkauft und 14 Nummer-Eins-Hits geschafft. Vor wenigen Monaten erst ist sie für die höchste Summe, die je an einen Musiker gezahlt worden ist, zum Plattenkonzern Virgin gewechselt. Der Manager, der den Deal eingefädelt hat, ist allerdings schon gefeuert. Denn zuletzt war Carey mit einem Nervenzusammenbruch in eine Klinik eingeliefert worden. Von tiefen Depressionen und Selbstmordversuchen wird gemunkelt, die Zeit der erfolgreichsten Sängerin der neunziger Jahre scheint vorüber.

Drei Freundinnen auf der Suche nach Ruhm: Texada, Carey, Da Brat (v.l.)
Columbia TriStar

Drei Freundinnen auf der Suche nach Ruhm: Texada, Carey, Da Brat (v.l.)

Damit sind bereits die Eckpunkte von "Glitter ­ Glanz eines Stars" genannt, einer Seifenoper im Musikbusiness, der Erfolgsstory einer Sängerin, einem Aufstieg ohne Fall und der ersten richtigen Kinorolle von Carey. Hier heißt sie Billie und ihre allein erziehende Mutter ist eine verbitterte und verarmte Bluessängerin, die ihre Tochter schließlich ins Waisenhaus schickt. Anfang der achtziger Jahre zieht Billie mit ihren Freundinnen Louise (Da Brat) und Roxanne (Tia Texada) nach New York, wo die drei als Tänzerinnen und Backgroundsängerinnen jobben. Der bekannte DJ Dice (Max Beesley) erkennt Billies enormes Stimmtalent, produziert einen Song für sie und bringt sie bei einer großen Plattenfirma unter. Billie und Dice werden auch ein Liebespaar, aber im Schatten ihres Erfolges wird er zunehmend eifersüchtig und außerdem von den mächtigen Musikmanagern ins Abseits gedrängt.

Popstar Carey: Eigentlich ein Pummelchen
DPA

Popstar Carey: Eigentlich ein Pummelchen

Am Ende liegt Dice erschossen auf der Straße und Billie steht als erfolgreicher Superstar auf der Bühne des Madison Square Garden, wo sie unter Tränen in ein Meer entflammter Feuerzeuge hinein eine Ballade singt.

Der Film von Vondie Curtis-Hall ist zusammengesetzt aus jenen Klischees, die immer schon zum amerikanischen Traum gehörten. Die Charaktere bleiben blass, die Dialoge sind oberflächlich und ohne Witz, und die Optik ist so eingängig und glanzlos wie die meisten von Careys Liedern. Das größte Problem ist jedoch Mariah Carey selbst, die ebenso wenig eine Schauspielerin ist wie ihre ewige Rivalin Whitney Huston in "Bodyguard", zudem aber noch ihre Biografie für ein unzumutbar kitschiges Aschenputtel-Melodram hergibt. So ist "Glitter" kaum mehr als ein überlanger Video-Clip und ein Marketing-Vehikel, zu dem das gleichnamige Album veröffentlicht wird und demnächst auch eine DVD.

Fünf Oktaven für die schöne Disco Queen: Billie (M. Carey, r.) singt Playback für Sylk (Padma Lakshmi, l.)
Columbia TriStar

Fünf Oktaven für die schöne Disco Queen: Billie (M. Carey, r.) singt Playback für Sylk (Padma Lakshmi, l.)

Eher unfreiwillig offenbart der Film allerdings auch ein Dilemma, dessen sich Mariah Carey vielleicht immer schon bewusst war. Der Megastar wirkt nämlich vor der Kamera wie ein kleines Pummelchen, das für Hochglanz-Fotos in Lifestyle-Magazinen offenbar stets zur Gazelle retuschiert wird. Carey ist eigentlich nicht besonders schön und kann das auch nicht durch Charisma ausgleichen. Ihr einziger Trumpf bleibt allein ihre Stimme, die angeblich fünf Oktaven umfassen soll - letztlich genau das, worauf es bei einer Sängerin ankommt. Im Film nimmt nun ein Produzent ihren Gesang für ein Stück auf, das dann von einer Disco-Schönheit präsentiert wird. Später versucht Dice wiederum zu verhindern, dass Billie von den Plattenmanagern auf Fotos und in Videos halbnackt vermarktet wird.

Beides gehört in der Musikbranche zur Realität und gängigen Praxis, Letzteres macht Carey auch heute noch ausgiebig mit. Als Kritik am Showgeschäft taugen diese Szenen also leider nicht. Aber sie verraten vielleicht ein kleines Stück Wahrheit hinter dem Glanz dieses Stars. Der Rest von "Glitter" ist billiger Tand.

"Glitter ­ Glanz eines Stars" ("Glitter"), USA 2001; Regie: Vondie Curtis-Hall; Buch: Kate Lanier; Darsteller: Mariah Carey, Max Beesley, Da Brat, Tia Texada, Terrence Howard; Länge: 104 Minuten; Verleih: Columbia TriStar; Start: 15. November 2001



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