"Glöckner von Notre Dame" Regisseur Delannoy 100-jährig gestorben

Er war der älteste noch lebende Regisseur Frankreichs: Jean Delannoy, berühmt geworden durch seine opulente Literatur-Verfilmung "Der Glöckner von Notre Dame", ist im Alter von 100 Jahren gestorben.


Paris - Man kann sich streiten, ob Jean Delannoys Adaption von Victor Hugos "Der Glöckner von Notre Dame" pompöses Ausstattungskino ist - oder packende, akribisch an der Vorlage orientierte Literaturverfilmung. Auf jeden Fall ist "Notre-Dame de Paris", so der Originaltitel des Hugo-Romans und der 1958 gedrehten Verfilmung, die erste Technicolor-Version des dramatischen Glöckner-Stoffes auf der Leinwand und ließ die Filmemacher allein deshalb in ausschweifenden Dekors und farbenfrohen Kulissen schwelgen.

Regisseur Delannoy (2001): Meister der Literaturverfilmung
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Regisseur Delannoy (2001): Meister der Literaturverfilmung

Hinter diesen Kulissen ging es zeitweise hoch her, denn der damals schon renommierte Regisseur Delannoy wollte seinen Film so eng wie möglich am Original halten und bestand auf der Geistlichkeit des Alchimisten Claude Frollo, jenes zwiespältigen Beschützers des buckligen Glöckners Quasimodo, der der schönen Esmeralda verfällt und ob seiner sündhaften Begierde alle Beteiligten ins Unglück stürzt. Die Produzenten der französisch-italienischen Koproduktion, Panitalia und Paris Films, fürchteten den Zorn der Kirche, doch Delannoy setzte sich durch - und fertigte somit nach Wallace Worsley (1923) und William Dieterle (1939) die orginalgetreueste Adaption ab. Zum Leinwand-Klassiker wurde der Film natürlich auch dank der beherzten Darstellungen von Anthony Quinn als Glöckner und Gina Lollobrigida als Esmeralda.

Begonnen hatte Jean Delannoy seine Karriere als Schauspieler, merkte aber schnell, dass seine Berufung hinter der Kamera schlummerte. Einen Namen machte sich der 1908 geborene Filmemacher schon in den dreißiger Jahren mit Literatur-Adaptionen. 1946 gewann er mit seiner Gidé-Verfilmung "Und es ward Licht" den Großen Preis des Filmfestivals in Cannes, den Vorläufer der Goldenen Palme. Auch die Sartre-Erzählung "Das Spiel ist aus" verfilmte er 1947 erfolgreich. Zu den bekanntesten Filmen Delannoys gehören zudem viele Simenon-Adaptionen, darunter "Maigret stellt eine Falle" (1947) und "Maigret kennt kein Erbarmen". Seinen letzten Film, "Marie de Nazareth", drehte Delannoy 1995.

Im Januar hatte der greise Regisseur seinen 100. Geburtstag gefeiert, er galt als ältester noch lebender Filmemacher Frankreichs. Am Mittwochabend sei er in seinem Haus im Südwesten von Paris entschlafen, teilte seine Familie mit.

bor/dpa



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