Götz George zum 65. Geburtstag "Ein richtiger Kaventsmann"

Mit Filmen wie "Schtonk" und "Der Totmacher" hat sich der lange Zeit auf den Schmuddel-Kommissar Schimanski festgelegte Götz George endgültig aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters frei gespielt. Nun feiert der eigenwillig-empfindsame Charakterdarsteller seinen 65. Geburtstag und sein 50-jähriges Leinwandjubiläum.
Von Marc Hairapetian

Sein bester Film ist zugleich sein unbekanntester: "Mensch und Bestie" (1963) zeigt den damals 25-jährigen Götz George in einer im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Kain-und-Abel-Geschichte. Als Regimegegner Franz Köhler wird er von den Nationalsozialisten in ein KZ gesteckt, woraus ihm jedoch bald die Flucht gelingt. Er will sich zur russischen Front durchschlagen, um mittels kommunistischer Hilfe mit einem Scheinangriff die restlichen Lagerinsassen zu befreien. Die Gegenseite ist allerdings nicht untätig. Die Fahndung leitet sein eigener Bruder Willi Köhler (Günther Ungeheuer).

Edwin Zboneks bildgewaltiges Schwarzweiß-Drama ist das Duell zweier großer Schauspieler: Während der ansonsten auf Edelschurken abonnierte Günther Ungeheuer als pflichtversessener SS-Mann seinem Nachnamen alle Ehre macht, überzeugt der junge Götz George bereits durch eine enorme darstellerische Spannbreite. Einerseits ist er zäh genug, die Strapazen zu ertragen, andererseits ist seine Seele verletzlich wie die eines Kindes. Mehr als der Hunger quält ihn innerlich die Frage, warum der Bruder gegen den Bruder die Waffe hebt, warum Menschen überhaupt fähig sind, einander so viel Leid zu zufügen. Mit sanfter Autorität gelingt es ihm sogar den scharfen Schäferhund, den Willi beim Überqueren eines Flusses auf ihn gehetzt hat, zu zähmen. Doch es gibt kein Happy-End für Herr und Hund. Kurz vor Erreichen der Grenze sterben beide im Kugelhagel der SS.

Die deutsch-jugoslawische Koproduktion wurde bei ihrer Uraufführung am 2. Juli 1963 vom Berlinale-Publikum gnadenlos ausgebuht. Auch fast zwei Jahrzehnte nach Kriegsende schien hier zu Lande die Zeit immer noch nicht reif für die eigene Vergangenheitsbewältigung. CCC-Chef Arthur Brauner witterte gar ein "antisemitisches Komplott". "Mensch und Bestie" erhielt keinen Verleih und wurde erst siebzehn Jahre später unter dem Titel "Die Flucht" mit einem kleinen Filmstart bedacht, von dem kaum jemand Notiz nahm. Ab und an geistert das kinematografische Mahnmal durch das quotenschwache Nachtprogramm der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten.

In diesem Jahr überschlagen sich die Programmmacher mit Ehrenbekundungen des laut Umfrage der Zeitschrift "TV 14" "beliebtesten Schauspielers Deutschlands", doch "Mensch und Bestie" findet sich nicht darunter.

Eine Wiederentdeckung der von Edgar-Wallace-Regisseur Edwin Zbonek auch formal überdurchschnittlich gestalteten Parabel lohnt sich jedoch unbedingt: Götz George, der drei Jahre zuvor als Deserteur in Wolfgang Staudtes "Kirmes" viel Kritikerlob erhielt, erreicht hier eine frühe Intensität, in der Handwerk und Hingabe eine wundersame Allianz eingehen. Mit diesem Film konnte er spielerisch auch ein Trauma besser verarbeiten: den Tod des eigenen Vaters, der 1946 in einem russischen Internierungslager gestorben war. Am Ende wog der zuvor nicht nur körperliche Raumverdränger Heinrich George, der mit eiserner Faust und großem Herzen das Berliner Schiller-Theater als Schauspieler und Intendant regierte, sich aber auch für Propagandafilme wie "Jud Süss" hergab, nur noch 80 Pfund.

Sentimentale Proleten

Die physische Präsenz hat Götz George vom Vater geerbt, den er bis heute als sein "Idol" bezeichnet. Bei beiden steckt hinter der rauen Schale fast immer ein weicher Kern. Beide sind, beziehungsweise waren, Meister in der Verkörperung sentimentaler Proleten, die einstecken und austeilen können, was das Zeug hält, und in guten Momenten, die Welt vor Freude erdrücken möchten.

Stimmlich unterscheiden sich Vater und Sohn allerdings vehement voneinander. Während Heinrich in Agonie und Ekstase zugleich Angst einflößend grölte, hat Götz' Timbre auch in entfesselten Situationen etwas Verletzliches. Die oft arrogante Fassade Götz Georges ist der Selbstschutz eines introvertierten Schauspieler-Titans, der in seinen Rollenbüchern stets ein Foto des Vaters und eine Postkarte der Tochter mit sich führt, seit Jahrzehnten Tagebuch schreibt und Promi-Partys wie der Teufel das Weihwasser meidet. Was wie ein Widerspruch klingen mag, erklärt vermutlich am besten das Phänomen Götz George: Nicht frei von Manierismen und Selbstgefälligkeit, spielt der pedantische Perfektionist seine Protagonisten nicht, sondern schwitzt sie förmlich aus.

Seinen Vornamen verdankt der am 23. Juli 1938 in Berlin als Götz Karl August Schulz geborene Akteur Fausts "Götz von Berlichingen", der Lieblingsrolle des Herrn Papa. Nach dem frühen Tod des Vaters, der auf keinen Fall wollte, das der Filius ebenfalls den Schauspielerberuf ergreift ("Ein Genie in der Familie reicht"), hing er abgöttisch an seiner Mutter, der Aktrice Berta Drews. Diese ermutigt ihn doch noch die Bretter, die ihm die Welt bedeuten, zu betreten.

Sein Debüt gab er elfjährig im Nachkriegs-Berlin in William Saroyans "Mein Herz ist im Hochland". Entscheidend geprägt wurde er darauf von Heinz Hilpert am Deutschen Theater in Göttingen. Es war das einzige Ensemble, dem sich Götz George jemals anschloss, ansonsten unterzeichnete er nur Gastverträge. Heute gibt der pressescheue Mime bei einem seiner seltenen Interviews unumwunden zu, sich auf der Bühne ausgespielt zu haben: "Theater ist ein großer Leidensprozess. Du weißt am Anfang nicht, wohin es geht; du musst dir erst die Rolle erarbeiten. Und mir ist es immer so gegangen, dass ich immer dann verrissen wurde, wenn ich ganz spezifische Aufgaben und wunderbare Regisseure hatte. Irgendwann verliert man als nicht permanent ins Ensemble eingebundener Schauspieler auch den Mut, wieder vorstellig zu werden."

"Ich habe den Cowboy gespielt"

Bei Film und Fernsehen verließ ihn - trotz einiger Durststrecken - nie der Mut: Ein halbes Jahrhundert ist sein erster Kinoauftritt nun her. Nach einer kleinen Rolle an der Seite Romy Schneiders in der Teenager-Schmonzette "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" (1953) benötigte Götz George nur sechs Jahre, um die Leinwand wirklich zu erobern. Für seinen Boxer Gustav in "Jacqueline" (1959) ergatterte er einen Bundesfilmpreis. Aus dem schmalen Jungen war - wie er selbst sagt - "ein richtiger Kaventsmann" geworden, der eine gehörige Portion Marlon-Brando-Sex-Appeal in die steril-prüde Kinowelt der Wirtschaftswunder-Ära brachte. Unverständlich, dass sich die Jungregisseure des "Oberhausener Manifests" sein ungestümes Temperament nur selten zu eigen machten. Dagegen nutzte Altmeister Wolfgang Staudte Georges überbordendes Potenzial nach "Kirmes" (1960) auch in der brillanten Abrechnung mit "deutschen Tugenden" und Fremdenhass "Herrenpartie" (1964).

Warum der einstige "Bravo"-Titelboy den Cowboy spielte

Mit dem Megaerfolg "Der Schatz im Silbersee" (1962), der die Lawine der nicht gerade werkgetreuen Karl-May-Adaptionen auslöste, wirkte er im vielleicht besten deutschen Western aller Zeiten mit. Als Farmersohn mit dem schönen Namen Fred Engel, der - ausgerechnet - den Tod des Vaters rächen will und zusammen mit dem legendären Blutsbrüderpaar Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) die vom fuchsroten Colonel Brinkley (Herbert Lom) angeführte Trampbande empfindlich bei der Goldsuche stört, rauft, reitet, schießt und liebt er sich mit nacktem Oberkörper und Filmpartnerin Karin Dor durch die jugoslawische Prärie, als ginge es wirklich um sein Leben.

Doubles für gefährliche Szenen lehnte er strikt ab, was ihm großen Respekt der einheimischen Kaskadeure einbrachte: "Ich bereue nichts davon.", erinnert er sich. "Ich habe bei Gelegenheit meine verlorene Jugend nachgeholt und den Cowboy gespielt."

Nach seiner Sturm- und Drangphase überraschte der einstige "Bravo"-Titelboy mit der durch ihre Einfachheit und Normalität geradezu erschreckende Darstellung des KZ-Kommandanten Rudolf Höss in Theodor Kotullas "Aus einem deutschen Leben" (1977). Anfang der achtziger Jahre kreierte er als mit Schnauzbart, gammeligem Armee-Parka und jeder Menge fäkalientriefender Flüche ausgestatteter Ruhrpott-"Bulle" ein neues TV-Genre, das des Kneipen- und Hochhaus-Neo-Realismus, indem der Kriminalbeamte heruntergekommener als der Kriminelle aussieht. Während die linke Presse Schimanski samt Kollegen-Pendant Thanner (Eberhard Feik) schnell ins Herz schloss, mokierte sich die "Bild"-Zeitung" ausdauernd über den "Zerfall der Sitten". Parallel zu zwei "Tatort"-Spielfilmen ("Zahn um Zahn", "Zabou") glänzte George nach längerer Pause auch anderweitig im Actionkino: in Carl Schenkels klaustrophobischem Fahrstuhltriller "Abwärts" (1985) genauso wie in Dominik Grafs "Die Katze" und der Defa-Produktion "Der Bruch" (beide 1987).

Vielleicht verhinderte paradoxer Weise ausgerechnet die Schimanski-Popularität in jener Zeit den Weltstar Götz George. Doch als keiner mehr mit ihm diesbezüglich rechnete, sorgte er international gleich doppelt für Furore. Endlich einmal als Komödiant austoben durfte er sich als schmieriger Sensationsreporter in Helmut Dietls "Schtonk" (1992). Die Persiflage auf den Hitler-Tagebuch-Skandal des "Stern" bestach trotz einiger stilistischer Mängel und manchem "Overacting" der versammelten Starriege (Juhnke, Mühe, Hoppe, Ochsenknecht, Ferres) durch den damals längst verloren geglaubten Wortwitz der "Screwball Comedies", wobei George Egomanie, Angst, Skrupel und manchmal rührende Hilflosigkeit in seiner Figur vereinte.

Danach sorgte das "sensible Arbeitstier" (George über George) mit einem beklemmenden Kammerspiel bei den Filmfestspielen in Venedig für Aufsehen: "Der Totmacher" (1995) von Romuald Karmakar widmet sich in an Versessenheit grenzender Detailgenauigkeit der gerichtspsychiatrischen Untersuchung des homosexuellen Massenmörders Fritz Haarmann. Dieser hatte in den zwanziger Jahren in Hannover zwei Dutzend junge Männer bestialisch ermordet und zu "Wurst verarbeitet". In der Göttinger Heilanstalt erzählt nun Haarmann mit leuchtenden Augen von seinen Untaten.

Es ist Georges Verdienst, dass Haarmann nicht zu einem Mythos dämonisiert, sondern in seiner allzumenschlichen Tragweite als bauernschlaue Person gezeigt wird, die sich über ihre Handlungen sowie deren Wirkungen weitgehend bewusst ist. Georges Haarmann ist ein perfekter Schauspieler, der vom großen Enthusiasmus bis zur tiefen Trauer einer verkorksten Kreatur alle Register zieht. Darin liegt allerdings nicht nur Glanz und Gloria, sondern auch eine gewisse Gefahr. Weniger wäre hier mehr gewesen.

"Mitunter ein komplizierter Mensch"

Ein Hang zur Affektiertheit zieht sich bei aller Strahlkraft auch durch Georges neuere Kinoarbeit, ob es sich nun um den von ihm als Neurotiker angelegten Regisseur Uhu Zigeuner in Dietls "Rossini" (1997) handelt, den homophilen Taschendieb in der Tragikomödie "Das Trio" (1998) oder den trotz Greisenalters eitel um sich herumdirigierenden und eher an ein Alien erinnernden KZ-Arzt Mengele, dem 1999 im fiktiven Politthriller "Nichts als die Wahrheit" doch noch der Prozess gemacht wird. Umgerechnet 500.000 Euro gab er aus eigener Tasche für die Herstellung der unausgegorenen Groteske dazu. Die Fernsehauftritte von "Der Sandmann" (1996) bis zur "Bubi Scholz"-Story" (1997) waren da wesentlich eindringlicher.

Unvergessen auch Georges öffentliche Schelte für Thomas Gottschalk in dessen "Wetten dass...?"-Sendung. Der "Entertainer der Nation" hatte es gewagt, ihn zum Erotik-Thriller "Solo für Klarinette" (1998) in gewohnt flapsiger Weise zu befragen, ohne den Film vorher gesehen zu haben. Nicht mit George! Einen derartigen Eklat hatte es seit Klaus Kinski nicht mehr im deutschen Fernsehen gegeben. George wurde - wie einst bei "Mensch und Bestie" - ausgebuht. Danach zog sich der in seinem Refugium auf Sardinien lebende Workaholic eine Zeit lang gänzlich zurück.

Auf die Frage, ob er mit der Öffentlichkeit nicht umgehen könne, dreht der empfindlich-empfindsame Mime jetzt im Gespräch die Frage einfach um: "Fragen Sie doch, ob die Öffentlichkeit gut mit uns Schauspielern umgeht. Reden Sie doch mit meinen Kollegen, nicht mit Ihren. Die werden Ihnen sagen, dass der George mitunter ein komplizierter Mensch ist, der morgens als Erster am Drehort ist und abends als letzter geht. Aber die werden nichts von einem intriganten Arschloch erzählen."

Und so wird der immer noch jugendlich aufbrausende Mittsechziger weiterhin auf seine Art versuchen, jeder seiner Rollen Würde und Wärme zu verleihen, auch wenn er sich manchmal wie ein Kotzbrocken aufführt. In diesem Fall heiligt der Zweck aber die Mittel. Nicht anecken wollende Schauspieler mit dem "Hab mich lieb Syndrom" haben wir genug in diesem Land.

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