Golden Globes 2015 Das Märchen von der Oscar-Prognose

Ja, auch Kinofilme wie "Boyhood" wurden ausgezeichnet. Längst geht es aber bei den Golden Globes nicht mehr darum, die Oscar-Nominierten vorherzusagen. Die großen Gewinner waren diesmal gelungene TV-Formate und ihre Darsteller.
Golden Globes 2015: Das Märchen von der Oscar-Prognose

Golden Globes 2015: Das Märchen von der Oscar-Prognose

Foto: PATRICK T. FALLON/ REUTERS

Um Gewissheiten ging es bei den Golden Globes noch nie. Nur viermal triumphierte die von der Hollywood Foreign Press Association (HFPA) favorisierte Kinoproduktion in den vergangenen zehn Jahren auch bei der Oscar-Verleihung, das ist keine gute Quote.

Insofern ist es vielleicht an der Zeit, mit gedachten Gewissheiten und herbeifantasierten Zusammenhängen aufzuräumen: Warum sollte die Preisvergabe einer aus 81 mehr oder minder obskur zusammengewürfelten Vereinigung ausländischer Journalisten Einfluss auf die Oscar-Entscheidungen der mehr als 6000 Mitglieder umfassenden Academy haben? Höchstens, weil die Medien das Märchen von der Oscar-Prognose der Globes jedes Jahr neu herbeischreiben.

Natürlich kommt es jedes Jahr zu Überschneidungen zwischen den Globes-Gewinnern und den Oscar-Nominierten, die am kommenden Donnerstag verkündet werden. Schließlich kursieren die betreffenden Filme schon seit Wochen und Monaten als potenzielle Kandidaten und werden von ihren Studios mit teils aufwendigen Kampagnen beworben. Gegen Ende der sogenannten Awards Season, wenn Filmkritiker von New York bis L.A. und alle wichtigen Branchenverbände ihre Nominierungen verkündet haben, verdichtet sich das Feld. Richard Linklaters innovatives Coming-of-Age-Drama "Boyhood" gehört in diesem Jahr zu den Favoriten, ebenso wie Alejandro González Iñárritus Schauspieler-Tragikomödie "Birdman".

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Hollywood-Preise: Das sind die Gewinner der 72. Golden Globes

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"Birdman" oder "Boyhood"? Da ist noch alles offen

"Boyhood" gewann bei der 72. Verleihung am Sonntagabend in Hollywood dann auch den Golden Globe als bestes Drama, während "Birdman", anders als bei den Oscars, in der Kategorie "Komödie oder Musical" nominiert war. Überraschenderweise gewann dort aber Wes Andersons "The Grand Budapest Hotel", was aber noch lange nicht heißt, dass "Birdman" deshalb weniger gute Chancen bei den Oscars hat. Anderson hingegen kann sich freuen, einen der großen Preise der diesjährigen Saison gewonnen zu haben; bei den Oscars wird es dieses Jahr für ihn wahrscheinlich eng.

Denn auch zwei Historiendramen treten an, mehrere Preise abzuräumen: "The Imitation Game" über den Enigma-Entschlüssler Alan Turing (Benedict Cumberbatch) und "Die Entdeckung der Unendlichkeit" über den Astrophysiker Stephen Hawking (Eddie Redmayne). Newcomer Redmayne konnte sich bei den Globes gegen den etablierten Sherlock-Mimen Cumberbatch durchsetzen, bei den Oscars treten die beiden erneut gegeneinander an. Allerdings spielt dann auch "Birdman"-Darsteller Michael Keaton wieder eine Rolle, der hier in der "Komödie und Musical"-Kategorie gelistet wurde und prompt gewann. Bei den Frauen gewann erwartungsgemäß Julianne Moore für ihre Rolle als Alzheimer-Patientin in "Still Alice", den Preis in der Komödien-Kategorie bekam erneut Amy Adams ("American Hustle"), diesmal für "Big Eyes".

Wenig Überraschungen also in den Film-Kategorien. Allerdings ließ die HFPA die Chance ungenutzt verstreichen, ein Signal für die ganze Branche zu setzen: Nominiert in der Kategorie "Beste Regie" war nämlich mit Ava DuVernay zum allerersten Mal eine Afro-Amerikanerin, die Regisseurin des Bürgerrechtsdramas "Selma". Den Regie-Globe erhielt dann jedoch - hochverdient, keine Frage - Richard Linklater für "Boyhood". "Selma" ging leer aus, bis auf den Preis für den besten Filmsong. (Eine Übersicht über alle vergebenen Preise finden Sie am Ende des Artikels.)

Was die Globes spannender als die Oscars macht

Die Signale wurden dort gesetzt, wo sich die Golden Globes inzwischen als eigentlich wichtiger Branchenpreis erweisen. Anders als beim reinen Kinopreis Oscar werden bei den Globes auch TV-Serien und -Filme ausgezeichnet, was angesichts des Fernsehbooms der vergangenen Jahre immer wichtiger wird: mehr brillante Darstellungen, packende Geschichten und inszenatorische Neuerungen. Die Globes haben die Chance, Film- und TV-Leistungen einer Saison gleichermaßen abzubilden und zu würdigen.

Da kann man es enttäuschend finden, dass ausgerechnet die waghalsigste TV-Serie des vergangenen Jahres, Nic Pizzolattos "True Detective", keinen Golden Globe gewann, sondern gegen die von den Coen-Brüdern inspirierte und produzierte Serie "Fargo" verlor, deren Hauptdarsteller Billy Bob Thornton sich noch dazu gegen "True Detective"-Star Matthew McConaughey durchsetzen konnte. Geschenkt: Beide Serien bieten beste Erzählkunst und hervorragende Darstellungen bis in die kleinste Nebenrolle - und gelten als Pionier- und Glanzstücke des auf wenige Folgen beschränkten Anthologie-Formats. Sie zu würdigen, ist wichtig und richtig.

In der Komödie-Kategorie zeichnete die HFPA-Jury mit dem Transgender-Dramolett "Transparent" ein echtes Underdog-Format aus - und ließ etablierte Serien wie "Girls" oder "Orange Is the New Black" alt aussehen. Eine überraschende, aber richtige Anerkennung alternativer und neuer Vertriebswege abseits der klassischen TV-Sender und Networks, denn "Transparent" ist die erste eigene Serie des Amazon-Streaming-Dienstes. Hauptdarsteller Jeffrey Tambor wurde ebenfalls mit einem Golden Globe ausgezeichnet. In der Drama-Kategorie wurde endlich Kevin Spacey als Hauptdarsteller der Netflix-Serie "House Of Cards" geehrt.

Show der starken Frauen

Bei den Komödien- und Musical-Darstellerinnen konnte sich Latina-Newcomerin Gina Rodriguez mit ihrer Telenovela-Rolle als "Jane the Virgin" unter anderem gegen Lena Dunham ("Girls") und Julia Louis-Dreyfus ("Veep") durchsetzen. Eine mutige Entscheidung, außerdem die erste Würdigung des TV-Senders The CW ("Arrow", "Vampire Diaries") bei den Golden Globes.

Ohnehin war die 72. Golden-Globes-Show vor allem eine Bühne für starke Frauen - angefangen bei den routinierten, wie immer schamlosen Moderatorinnen Tina Fey und Amy Poehler. Sie ließen ihre Kollegin Margaret Cho als nordkoreanischen General auftreten, um die jüngste Debatte um die Komödie "The Interview" aufzuspießen, und machten auch vor Witzen über Bill Cosby nicht halt.

Der Triumph von "Boyhood" bei den Golden Globes wurde zudem komplettiert durch die Auszeichnung von Patricia Arquette als beste Nebendarstellerin, die sich in ihrer Rede bei Regisseur Linklater bedankte, die Rolle einer "unterschätzten alleinerziehenden Mutter" geschrieben zu haben.

Maggie Gyllenhaal wurde für ihre Hauptrolle als Waffenhändlerin im Nahost-Konflikt in der Mini-Serie "The Honourable Woman" ausgezeichnet und Ruth Wilson, Hauptdarstellerin der Beziehungsdrama-Serie "The Affair", konnte sich unwahrscheinlicherweise gegen die favorisierten Claire Danes ("Homeland") und Robin Wright ("House Of Cards") durchsetzen.

So wenig Gewissheiten, so viele Überraschungen: Wer weiß, am Ende wird aus den Golden Globes noch ein relevanter Preis.

Die Gewinner der 72. Golden Globes im Überblick:

  • Film-Kategorien

Bestes Filmdrama: "Boyhood"

Beste Schauspielerin in einem Filmdrama: Julianne Moore ("Still Alice")

Bester Schauspieler in einem Filmdrama: Eddie Redmayne ("The Theory of Everything")

Beste Komödie: "Grand Budapest Hotel"

Beste Schauspielerin in einer Komödie oder einem Musical: Amy Adams ("Big Eyes")

Bester Schauspieler in einer Komödie oder einem Musical: Michael Keaton ("Birdman")

Bester Nebendarsteller: J.K. Simmons ("Whiplash")

Beste Nebendarstellerin: Patricia Arquette ("Boyhood")

Beste Regie: Richard Linklater ("Boyhood")

Bestes Drehbuch: Alejandro Gonzalez Iñárritu, Nicolas Giacobone, Alexander Dinelaris, Armando Bo ("Birdman")

Beste Filmmusik: Johann Johannsson ("The Theory of Everything")

Bester Filmsong: "Glory" (von John Legend, Common, aus "Selma")

Bester nicht-englischsprachiger Film: "Leviathan"

Bester Animationsfilm: "How to Train Your Dragon 2"

Cecil B. DeMille Award fürs Lebenswerk: George Clooney

  • Fernseh-Kategorien

Beste Drama-Serie: "The Affair"

Beste Comedy-Serie: "Transparent"

Bester Drama-Schauspieler: Kevin Spacey ("House of Cards")

Beste Drama-Schauspielerin: Ruth Wilson ("The Affair")

Bester Comedy-Schauspieler: Jeffrey Tambor ("Transparent")

Beste Comedy-Schauspielerin: Gina Rodriguez ("Jane the Virgin")

Bester TV-Film oder Miniserie: "Fargo"

Bester Schauspieler TV-Film/Mini-Serie: Billy Bob Thornton ("Fargo")


Beste Schauspielerin TV-Film/Mini-Serie: Maggie Gyllenhaal ("The Honorable Woman")

Beste männliche Nebenrolle: Matt Bomer ("The Normal Heart")

Beste weibliche Nebenrolle: Joanne Froggatt ("Downton Abbey")