Golden Globes So sieht's aus, Amerika

Würdige schwarze Preisträgerinnen und Preisträger, eine neue Ordnung bei den Streamingdiensten und die amerikanischsten Gewinnerfilme überhaupt: Trotz Chaos hatten die Golden Globes viele Erkenntnisse zu bieten.
Eine Analyse von Hannah Pilarczyk
Daniel Kaluuya gewinnt als bester Nebendarsteller in einem Filmdrama den ersten Preis des Abends

Daniel Kaluuya gewinnt als bester Nebendarsteller in einem Filmdrama den ersten Preis des Abends

Foto: NBC / Getty Images

»Rede ich jetzt einfach?« Gerade hatte Daniel Kaluuya die erste Trophäe bei den diesjährigen Golden Globes gewonnen. Doch per Zoom zur Gala zugeschaltet, hatte der technische Support vergessen, Kaluuyas Mikrofron freizuschalten. Also musste der frisch gebackene Preisträger kurz nachfragen, was denn nun der Plan sei.

Das hätte bei den Golden Globes ruhig jemand früher tun können – nachfragen, was denn nun der Plan sei. Nicht nur bei den Dankesreden der Preisträgerinnen und Preisträger, sondern generell: wo die Globes ihre Zukunft sehen.

Die Hollywood Foreign Press Association (HFPA), ein kleiner Verband von weniger als 90 internationalen Korrespondentinnen und Korrespondenten in Los Angeles, stand noch nie so in der Kritik wie in diesem Jahr. Ein ausführlicher Hintergrundbericht der »Los Angeles Times« hatte Anfang der vergangenen Woche dubiose Honorarmechanismen, durch die sich die Mitglieder der HFPA für ihre Dienste bei der Preisfindung entlohnten, enthüllt und spekuliert, dass bestimmte Nominierungen wie die für die Netflix-Serie »Emily in Paris« mit großzügigen Einladungen zu Setbesuchen in Zusammenhang stehen könnten. Zudem hatte die »LA Times« offengelegt, dass die HFPA über kein einziges schwarzes Mitglied verfügt, was in Branchenkreisen als Grund dafür gewertet wurde, warum es schwarze Künstlerinnen und Künstler zum Teil so schwer bei den Globes haben.

Schwarzes Können

Doch wie die Preisentscheidungen der HFPA, die als oftmals willkürlich und selten repräsentativ für etwa die Oscars gelten, ist auch die Kritik an der HFPA nicht immer auf den Punkt. »Ich danke der ausschließlich weißen Hollywood Foreign Press Association«, witzelte Sacha Baron Cohen, als der den Preis als bester Hauptdarsteller in einer Komödie oder einem Musical für »Borat Anschluss Moviefilm« gewann.

Aber wenn an diesem Abend, der von weiteren technischen Pannen geprägt war und unter der Teilung in zwei Veranstaltungsorte in New York beziehungsweise Los Angeles litt, eines gelang, dann war es das Feiern schwarzen Könnens: Kaluuya gewann für seine grandiose Darstellung des Black-Panthers-Anführers Fred Hampton in »Judas and the Black Messiah«, Audra Day setzte sich mit ihrer Verkörperung von Billie Holiday als beste Drama-Hauptdarstellerin gegen die favorisierte Carey Mulligan durch, und John Boyega nahm in der TV-Sparte für seine Rolle in Steve McQueens herausragender Anthologie »Small Axe« den Preis für den besten Nebendarsteller an.

Chadwick Bosemans Witwe Taylor Simone Ledward nimmt den Preis für den besten Hauptdarsteller an seiner Stelle an

Chadwick Bosemans Witwe Taylor Simone Ledward nimmt den Preis für den besten Hauptdarsteller an seiner Stelle an

Foto: NBC, Rich Polk / Getty Images

Vor allem aber sorgte Chadwick Bosemans posthumer Sieg für »Ma Rainey's Black Bottom« für den Höhepunkt des Abends. Boseman war am 28. August des vergangenen Jahres an Krebs gestorben. An seiner Stelle nahm seine Witwe Taylor Simone Ledward den Golden Globe für die beste männliche Drama-Hauptrolle in Empfang und sprach im Sinne des »Black Panther«-Stars: »Er würde etwas Wunderschönes sagen, etwas Inspirierendes, etwas, das die Stimme in uns allen verstärken würde, die uns sagt: Du kannst das, die uns sagt, dass wir weitermachen sollen, die uns darauf besinnt, was wir in diesem Moment der Geschichte zu tun haben.«

Die Oscars überholt

Auch das traditionell schlechte Abschneiden von Regisseurinnen bei den Golden Globes sollte sich an diesem Abend korrigieren: Chloé Zhao gewann für ihr hochsensibles Drama »Nomadland« über Altersarmut in den USA. Sie ist nach Barbra Streisand für »Yentl« erst die zweite Frau in der Geschichte der Globes, die in dieser Kategorie gewinnen konnte – aber das sind bis auf Weiteres schon doppelt so viele wie bei den Oscars.

Doch in Sachen Zhao und »Nomadland« werden die Academy Awards, die am 15. März ihre Nominierungen bekannt geben, mit größter Wahrscheinlichkeit nachziehen, so stark ist der Film schlicht. Und auch ein anderer Trend von den Globes dürfte sich bei den Oscars wiederholen: Dass Netflix weitgehend leer ausgeht. Den vielen Nominierungen im Filmbereich zum Trotz konnte Netflix nämlich nur zwei Trophäen mit nach Hause nehmen, neben der für Chadwick Boseman die für Aaron Sorkins Drehbuch zu »The Trial of the Chicago 7« .

Auch wenn sich das Bild im TV-Bereich ins Gegenteil verkehrte und Netflix für »The Crown« und »Damengambit« insgesamt sechs Preise reklamieren konnte, zeichnete sich am Sonntagabend eine neue Ordnung bei den Streamingdiensten ab. Hulu, das »Nomadland« im Angebot hat, und Amazon, das über »Borat« und »One Night in Miami« verfügt, werden im Filmbereich weiter an Profil gewinnen, während Netflix vor allem in seinem alten Kerngeschäft Serien punktet.

Zwei Reisen durch Amerika

In einer Sache werden sich Globes und Oscars aber deutlich unterscheiden: So amerikanisch wie die Globes 2021 werden die Oscars sicherlich nicht. Ausgerechnet die internationalen Korrespondentinnen und Korrespondenten haben nämlich die amerikanischsten Filme überhaupt im Angebot ausgezeichnet. Obwohl sich »Borat« und »Nomadland« von der Tonalität her nicht stärker unterscheiden könnten, fungieren sie inhaltlich wie zwei Teile eines Roadmovies. Beide Filme bereisen nämlich die USA und zeigen sie als Land, das nicht mehr für seine Bewohnerinnen und Bewohner zu sorgen versteht.

In »Borat« liegt der Fokus auf den Frauen, denen mit repressiven Moral- und Schönheitsstandards zugesetzt wird, in »Nomadland« auf den Alten, bei denen die Rente nicht mehr für einen abgesicherten Ruhestand reicht und die gezwungen sind, mit dem Wohnmobil von Zeitarbeit zu Zeitarbeit zu reisen. Dass beide Filme zudem Hybridformate sind und dokumentarische Elemente mit fiktiven verbinden, macht ihre Gemeinsamkeiten nur noch deutlicher.

Und selbst bei den fremdsprachigen Filmen setzte sich mit »Minari« ein durch und durch amerikanischer Film durch. Darin erzählt der gebürtige US-Amerikaner Lee Isaac Chung nach autobiografischen Motiven davon, wie ein koreanisches Elternpaar mit ihren Kindern in den USA Fuß zu fassen versucht. Da in »Minari« hauptsächlich Koreanisch gesprochen wird, landete der Film gemäß der Globe-Regularien bei den internationalen Filmen. Das wird den Oscars, den ursprünglich amerikanischsten aller Filmpreise, nicht passieren, denn dort gelten andere Einreichungsmechanismen. So erfüllten die Globes an diesem Abend noch ihre letzte angestammte Mission: Mit ihrem Chaos die Oscars immer ein wenig besser aussehen zu lassen, als sie es eigentlich verdient haben.