Golden Globes 2014 Britische Invasion in Hollywood

Ob Judi Dench, Steve McQueen oder Idris Elba: Bei den Golden-Globe-Nominierungen setzten sich besonders viele britische Talente durch - und das mit typisch britischen und auch ur-amerikanischen Themen. Ein Zeichen für Hollywoods Ideenlosigkeit?

TOBIS

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Diesmal ging es auch ohne Gitarren: Bei den Nominierungen für die Golden Globes 2014 haben die USA eine Invasion der britischen Talente erlebt. Vorneweg ist Steve McQueen gestürmt, der Videokünstler und Turner-Prize-Gewinner, der mit seinem dritten Film "12 Years a Slave" die Liste der Preisanwärter neben der Gangster-Farce "American Hustle" anführt - insgesamt sieben Preise könnte sein Sklaverei-Drama gewinnen.

McQueen ist als bester Regisseur nominiert, ebenso wie sein Landsmann Paul Greengrass für "Captain Phillips". Beider Werke sind darüber hinaus Anwärter auf den Preis als bestes Kinodrama - eine Rubrik, in der mit dem Zwangsadoptionsdrama "Philomena" von Stephen Frears ein weiterer britischer Film auf sie wartet.

Auch "12 Years a Slave"-Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor ist Brite und hat harte Konkurrenz aus der Heimat: Neben ihm ist Idris Elba ("Mandela") als bester Hauptdarsteller in einem Kinodrama nominiert. Dieses Duell wiederholt sich noch mal in der Rubrik bester Schauspieler in einer Miniserie oder einem TV-Film, wo Ejiofor für "Dancing on the Edge" und Elba für "Luther" im Rennen ist. Bei den Hauptdarstellerinnen in einem Kinodrama bilden Britinnen sogar die Mehrheit: Hier treten Emma Thompson ("Saving Mr. Banks"), Judi Dench ("Philomena") und Kate Winslet ("Labor Day") gegeneinander an.

Nationalepos? Nein, danke!

Hat sich Hollywood damit das Zeugnis ausgestellt, das die globale Filmkritik schon lange bereit hielt - dass die Traumfabrik außer Superhelden nichts mehr zu bieten hat? Dass die Zukunft der amerikanischen Filmindustrie auf anderen Kontinenten entschieden wird? Dass US-Filmemacher mehr denn je darauf angewiesen sind, Geschichten für ein globales Publikum zu erzählen?

Tatsächlich hat sich Hollywood schon immer gern beim Vereinigten Königreich, seinen Talenten und seinen Geschichten bedient - von Laurence Olivier bis Daniel Day-Lewis, von Vivien Leigh bis Judi Dench, von Alfred Hitchcock bis Tom Hooper. Dennoch ist 2013 eine sanfte Verschiebung der Gewichte in der US-Filmindustrie festzustellen, die der Vormarsch der Briten nur unterstreicht - weg vom mächtigen Nationalepos hin zu feinnervigeren, fast könnte man sagen: europäischeren Filmen.

Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel von "The Butler", Lee Daniels' wuchtigem Erbauungsdrama über einen schwarzen Butler, der unter acht US-Präsidenten dient und Zeuge aller historischen Einschnitte für die Bürgerrechtsbewegung wird. Mit seiner einfachen, durch und durch pädagogischen Botschaft gelang "The Butler" noch ein großer Erfolg an den US-Kinokassen, doch bei den Golden Globes reichte es für keine einzige Nominierung. Warum auch einen so zähen, unter seiner eigenen Bedeutsamkeit ächzenden Film nominieren, wenn eine Bande unerschrockener Briten mit "12 Years a Slave" zeigt, wie man Verantwortung gegenüber der Geschichte und künstlerischen Anspruch versöhnen kann?

Katzenklappe fürs Kunstkino

Selbst die zweifache Nominierung von "Rush", dem testosteronlastigen Formel-1-Reißer von Ron Howard, deutet in eine ähnliche Richtung wie der Triumph von "12 Years a Slave": Ein Australier (Chris Hemsworth) und ein Deutscher (Daniel Brühl) in den Hauptrollen, dazu eine Geschichte von den globalen Rennstrecken der Siebziger - in den USA gilt so was fast schon als Arthouse. Und mit Alfonso Cuarón hat nicht zuletzt ein Mexikaner den Konsensfilm des Jahres, den 3-D-Geniestreich "Gravity", gedreht.

Sieht man sich die Nominierungen für den besten fremdsprachigen Film an, muss man sich jedoch eingestehen, dass Hollywood bestenfalls die Katzenklappe für ein aufregenderes, unkonventionelleres Kino geöffnet hat. Die eindringliche lesbische Liebesgeschichte "Blau ist eine warme Farbe" ist zweifellos der meistdiskutierte Film des Jahres, so direkt spricht er sein Publikum an. "Le Passé" zeigt wunderbar zärtlich, wie eine Familie zerbricht und sich neu zusammensetzt. Der dänische Beitrag "Die Jagd" erzählt die Geschichte eines falschen Verdachts auf Kindesmissbrauch mit dem Mut, keine Hoffnung auf Versöhnung zu bieten. "La Grande Bellezza", Italiens Abräumer beim Europäischen Filmpreis, bedient sich kunstvoll bei Roms cineastischem Erbe und verweist so gleichermaßen auf Zukunft wie Vergangenheit der Ewigen Stadt. "The Wind Rises" erweitert schließlich noch einmal den Kreis dieser außergewöhnlichen Filme: Hayao Miyazakis letzte Kinoarbeit ist ein Animationsfilm, der sich an die mit Tabus belegte Geschichte Japans während des Zweiten Weltkriegs heranwagt.

Hollywood muss tatsächlich noch viel weiter als nach Großbritannien schauen, wenn es Geschichten von wahrer Originalität, Emotionalität und Dringlichkeit erzählen will.

insgesamt 6 Beiträge
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derpolokolop 12.12.2013
1. Same procedure...
as nearly every year.
Christian Weiss 12.12.2013
2.
Die besten Filmschaffenden Amerikas haben keine britischen Wurzeln, sondern jüdische und italienische. Wenn es hin und wieder mal auch ein paar sehbare europäische Filme gibt, kann das dieser Kunstform nur gut tun. Der europäische Standard ist ja ansonsten himmeltraurig tief. Wenn die nächste "romantische Komödie" von Til Schweiger ins Kino kommt, erschiesse ich mich, bevor ich die wegen meiner Freundin anschauen gehen muss.
spon-facebook-10000523851 12.12.2013
3. Man kann halt
die Welt nur einmal rette, Invasionen mit Schulkindern vereiteln oder eigenhaendig eine ganze Drogenbande ausloeschen. das beste was geboten wird sind wohl 3-D Cartoons.
peterrjack 12.12.2013
4. Dubbing
Das mag ja alles sein? aber erst einmal sollte sich Deutschland abgewöhnen alle Filme ins Deutsche zu dubben, da durch diese schlechte Angewohnheit Sinn und Seele vieler Filme nicht erhalten werden kann, bzw verzerrt dargestellt wird.
peterkneter 13.12.2013
5. optional
Die Deutschen sind die Könige im Nörgeln und in der Mißgunst. Im deutschen Kino ist doch seit Jahren nichts mehr los! Vom TV ganz zu schweigen. Wieso wird da nicht groß drüber genörgelt? Richtig! Weil wir ja Hollywood haben. Die Schlechtesten Streifen von dort sind immernoch besser als das was zur Zeit hier produziert wird!
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