"Golden Twenties" Heldin auf leisen Sohlen

Liebesfilm, Familiendrama, Coming-of-Age: Mit "Golden Twenties" zeigt Regisseurin Sophie Kluge, was es bedeutet, eine junge Frau zu sein - und widersetzt sich Sehgewohnheiten.

Filmfest München

Sie hat kein Ziel, keine Leidenschaft, keinen unbedingten Willen. Doch passiv ist sie deswegen nicht. Für die Heldin von "Golden Twenties" müsste man einen eigenen Begriff erfinden: Ava (Henriette Confurius) ist keine klassische Protagonistin, die auf dem Weg zu ihrer Selbsterfüllung Konflikte bewältigen muss, aber das Gegenteil davon ist sie auch nicht. Sie ist keine Drifterin, sie lebt nicht in den Tag hinein, viel weniger schonmal als ihre Mutter, Mavie (Inga Busch), die auf- und abtaucht, wie es ihr gefällt.

Ava ist eine ungewöhnliche Heldin, weil sie sich weder betäubt noch ins Leben stürzt, sondern erstmal nur hinschaut. Meistens kann sie auch die ständige Achterbahnfahrt der Gefühle, die Mavie in die große Berliner Altbauwohnung hinein trägt, an sich abperlen lassen. Doch ganz spurlos geht sie nicht an ihr vorbei.

Regisseurin Sophie Kluge, Tochter des bekannten Film- und Fernsehphilosophen Alexander Kluge, ermöglicht in ihrem Spielfilmdebüt ein Nachdenken darüber, was es heißt, eine junge Frau zu sein in unserer Gesellschaft. Eine, die sich nicht sofort mitteilt, die das Herz nicht auf der Zunge trägt, die nicht die Welt für sich reklamiert, sondern oftmals nur reagiert. Es ist ein Perspektivwechsel, nicht nur, weil das Kino meistens von Männern geschrieben und inszeniert wird, sondern weil es auch dann, wenn es das nicht ist, oft den Stereotypen von männlicher Welteroberung und existenzieller Selbstbefragung verpflichtet bleibt.

Ava hat gerade mit dem Studium abgeschlossen, zieht wieder bei der Mutter ein und geht die nächsten Schritte in Richtung Erwachsensein vorsichtig-tastend. Nichts ist für sie drängend: weder im Verhältnis zu sich selbst, noch zu anderen. Kluge nutzt diese Gemächlichkeit für eine neugierige Inszenierung der Augenblicke, die sich oft nicht gleich definieren lassen.

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"Golden Twenties": Vorsichtig-tastend ins Erwachsenendasein

Ist das Alltag oder doch schon ein Einschnitt? Sowenig wie die Hauptfigur scheint es der Film zu wissen. Er folgt Ava zum Jobinterview, aus dem nichts wird, zur Hospitanz am Theater, wo sie kuschen soll. Er zeigt ihre minimalen Verzögerungen im Gehorsam und was das mit den anderen macht. Eine Rebellion ist das noch lange nicht, aber ein Porträt fügt sich daraus langsam zusammen.

Kluge, die selbst keine Filmhochschule besucht hat, widersetzt sich herkömmlichen Erwartungen an dramatische Entwicklungen. Ihr Fokus gilt den Figuren, denen Ava begegnet und ihren Interaktionen. Gemeinsam mit Ava tastet sie sich an die Situationen heran und gestaltet sie oft unmerklich, um die Bedeutung der Blicke und der räumlichen Anordnungen zu betonen. Das Theater, an dem Ava kurz aushilft, ist dafür ein besonders wichtiger Schauplatz. Ansprüche von Freiheit und Offenheit treffen hier auf Routinen und Hierarchien.


"Golden Twenties"
Deutschland 2019
Regie und Buch: Sophie Kluge
Darsteller: Henriette Confurius, Inga Busch, Max Krause
Produktion: Amerikafilm, BerghausWöbke Filmproduktion
Verleih: 20th Century Fox
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 92 Minuten
Start: 29. August 2019


Kluge hat dafür ein starkes Ensemble zusammengestellt, das in wenigen Szenen alles auf den Punkt bringt. Vor allem Franziska Machens, die die Regieassistentin Franzi spielt, verkörpert im Wechsel alle Positionen, von der herablassenden Autorität über die großzügige Nettigkeit bis zur penetranten Eifersucht. Denn der Job am Theater führt auch zu einer aufkeimenden Beziehung: Jonas (Max Krause), der hübsche junge Darsteller im Ensemble, macht Ava Avancen.

Im Video: Der Trailer zu "Golden Twenties"

20th Century Fox

"Golden Twenties" verschreibt sich so komplett und kompromisslos der Empathie mit seiner Hauptfigur, dass er nur nebenbei Liebesfilm, nur nebenbei Familiendrama, nur nebenbei ein spätes Coming-of-Age erzählt. Im Kern nämlich ist es eine Studie über Aufmerksamkeit.

Blixa Bargeld steht auf dem Balkon nebenan, gießt Blumen, schaut zu ihr rauf, spricht mit ihr, singt für sie. Ava sitzt auf dem Fensterbrett und ist da. Ihr Blick hat keinen Zweck, sie ist weder melancholisch, noch nostalgisch, obwohl sie allen Grund dazu hätte. Sie lässt sich nicht auf eine Funktion, auf eine Story herunterbrechen, aber die Welt um sie herum gestaltet sie gerade deswegen, dadurch: weil sie offen ist, durchlässig, neugierig. Sie ist eine Heldin, und was für eine.



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