Aufstieg von Greenpeace Zwölf Hippies gegen die Weltmächte

Mit brüchigen Kuttern gegen Russland und die USA: Die Bilder der ersten Greenpeace-Expeditionen gingen um die Welt. Der Film "How to Change the World" dokumentiert die Anfänge der Organisation - mit beeindruckenden Originalaufnahmen.

Von Hannah Knuth


Vancouver, im Herbst 1971. In der kanadischen Hafenstadt tummeln sich Hippies, Öko-Freaks, Vegetarier, Buddhisten und Nudisten. Rund 2000 Seemeilen westlich nähert sich ein brüchiger Schiffskutter der Aleuten-Inselkette vor Alaska. An Bord: eine zwölfköpfige Crew, zusammengewürfelt aus Journalisten, Musikern, Wissenschaftlern und Wehrdienstverweigerern - kaum einer von ihnen hat seemännische Erfahrung.

Mit abenteuerlichem Leichtsinn will die Gruppe den von der US-amerikanischen Regierung geplanten unterirdischen Atomtest auf der Insel Amchitka verhindern; in der Überzeugung, dass die Bombe mit der vierfachen Hiroshima-Sprengkraft nicht hochgehen wird, wenn der Kutter nur nah genug an die Insel heransegelt.

Mit dieser Fahrt, die letztlich vorerst ins Leere führt, denn das Schiff wird erst vom Sturm und später von der US-Marine aufgehalten, beginnt die Geschichte von Greenpeace. Der seit den Sechzigerjahren schwelende Umweltaktivismus hatte in diesem Moment einen Zünder bekommen. Weil zwölf Männer überzeugt waren: Jeder kann die Welt verändern.

Bewusstseinsbombe statt Atombombe

So ist denn auch der Film benannt, der die Anfänge der heute drei Millionen Mitglieder zählenden Umweltschutzorganisation dokumentiert: "How to Change the World" beeindruckt mit Originalfilmaufnahmen, denn Regisseur Jerry Rothwell konnte sich aus einer Masse noch unveröffentlichter 16-Millimeter-Filmrollen bedienen, die bisher in den Tiefen der Greenpeace-Archive schlummerten.

Bob Hunter, der Initiator und spätere Leader der Gruppe, ist damals politischer Kolumnist bei der "Vancouver Sun" und sieht in der Protestfahrt die einzige Möglichkeit, das Vorhaben von US-Präsident Richard Nixon zu stoppen.

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Greenpeace-Film: Protest im Gummiboot
"Das ist einfach der Irrsinn", erklärt er mit abgeklärter Stimme in einem Interview vor der Abreise: "Es ist klar, dass wir da hinfahren müssen. Es ist doppelt irrsinnig: einmal der Kalte Krieg, und dann die Umweltzerstörung. Egal was kaputtgeht, Hauptsache die Kohle stimmt."

Auf den Irrsinn der Atombombe reagiert Hunter mit der "Mindbomb", einer Bewusstseinsbombe, die durch Aufnahmen von spektakulären Aktionen das Denken der Menschen auf der ganzen Welt verändern soll. Denn der Journalist Hunter weiß um die Macht der Bilder, ist überzeugt: Wer die Welt verändern will, ist mit einer Kamera erfolgreicher als mit einer Waffe. Und so läuft bei jeder Aktion der Gruppe das Videoband mit.

Es sind diese Aufnahmen, die das Image der Non-Profit-Organisation bis heute prägen. Als die Gruppe an einem toten, an der Oberfläche schwimmenden Wal-Baby vorbeisegelt, springt der Aktivist Paul Watson ins Wasser, klettert auf den Wal und lässt sich fotografieren - das Bild geht um die Welt. Es ist der Beginn eines intensiven Kampfs gegen den kommerziellen Walfang.

Der Aktivist Paul Watson auf einem toten Wal-Baby im Pazifik
NFP

Der Aktivist Paul Watson auf einem toten Wal-Baby im Pazifik

Was folgt, ist die wohl spektakulärste Aktion in der Geschichte von Greenpeace: Mit Schlauchbooten fahren die Aktivisten 1975 mitten in eine russische Walfangflotte hinein. Hunter und Watson fahren dicht an die Wale heran, stellen sich mit ihrem Gummiboot direkt in die Schussbahn der Walfänger. Die drücken trotzdem ab - und die Harpune fliegt nur knapp über die Köpfe der Aktivisten hinweg.

Es ist eine bezeichnende Szene: Plötzlich wird es still, die Wale sind getroffen, die Schlauchboote drehen ab. Das Meer färbt sich blutrot, und die ersten Worte, die man vom Anführer Hunter nach dieser lebensgefährlichen Aktion hört, richten sich an den Fotografen Rex Wyler auf dem Begleitboot: "Hast du den Shot?"

Das ist, was zählt: Dieser Wal ist verloren, die nächsten aber kann man retten - wenn die Szene erfolgreich aufgenommen ist. Pazifistischer Protest statt aktiver Bellizismus, Inszenierung statt Gewaltoffensive. Das ist die Quintessenz aller frühen Aktionen und das Erfolgsrezept: Es reicht eben nicht, allein die Missstände der Welt zu bezeugen - die Welt muss Zeuge werden.

Paul Watson und Bob Hunter vor einem Robbenjäger-Eisbrecher in der Arktis
NFP

Paul Watson und Bob Hunter vor einem Robbenjäger-Eisbrecher in der Arktis

1976 stellen sich Hunter und Watson einem kanadischen Eisbrecher mit Robbenjägern in den Weg; mit festem Stand und verschränkten Armen posieren sie vor der Kamera, das anrollende, gewaltige Schiff im Rücken. Es sind diese beeindruckenden Bilder, von denen Rothwells Film lebt. Sie machen ihn zu einer eigenen, einer neuen "Mindbomb", der Bewusstseinsbombe 2.0 - diesmal für den Zuschauer.

Rothwell gelingt eine eindrückliche Erzählung, die letztlich nur daran krankt, dass sie ausschließlich aus einer Perspektive erzählt wird: "How to Change the World" ist gewissermaßen ein Film von Greenpeace über Greenpeace.

Da ändert es nichts, dass Rothwell auch kritisch die Risiken eines solch rasanten Aufstiegs aufzeigt. Greenpeace' Sogkraft führt Mitte der Siebzigerjahre zu Niederlassungen auf der ganzen Welt, was zugleich bedeutet: Machtkämpfe, Rivalitäten und Diskussionen über Verwaltungs- und Geldfragen. Hunter verabscheut Hierarchien, tritt 1977 als Chef der Organisation zurück. Nur ein Jahr später schließen sich die Büros der Welt zu Greenpeace International zusammen.

Hunter ist der Begründer der Umweltbewegung, ihre Organisation dürfen andere übernehmen. Mit viel Triebkraft, Leidenschaft und jeder Menge Intuition hat er den Grundstein für den heute mächtigen und nicht unumstrittenen Umweltkonzern gelegt. Der 2005 verstorbene Bob Hunter selbst sah den Grund für seinen Erfolg in einer glücklichen Konstellation: "Geschichte besteht zu 90 Prozent daraus, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein."

Sehen Sie hier den Trailer zu "How to Change the World"



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Seite 1
pirx64 09.09.2015
1. war einmal
Das war alles einmal, heute leider auch korrupt und mit Skandalen versehen. Aus diesem Grund habe ich auch vor knapp einem Jahr meine Mitgliedschaft gekündigt. Hier der Link zu einem SPON-Bericht http://www.spiegel.de/wirtschaft/greenpeace-verliert-tausende-foerderer-a-991413.html
acer66 09.09.2015
2. @Olaf
Die Beiden kann man ja wohl weniger in einen Hut schmeissen.
SPONU 09.09.2015
3. Aus diesem Grund
Zitat von pirx64Das war alles einmal, heute leider auch korrupt und mit Skandalen versehen. Aus diesem Grund habe ich auch vor knapp einem Jahr meine Mitgliedschaft gekündigt. Hier der Link zu einem SPON-Bericht http://www.spiegel.de/wirtschaft/greenpeace-verliert-tausende-foerderer-a-991413.html
Unterstütze ich Sea Shepherd und Paul Watson.
outsider-realist 09.09.2015
4.
Ah ich verstehe....das erklärt nun einiges.
rudi_1957 09.09.2015
5. Wir waren auch mal
'Fördermitglieder'. Als sich Greenpeace dann zum korrupten Umwelt - Big - Business gewandelt hat, haben wi's sein lassen. Mir tut heute noch jede DM bzw. jeder € leid.
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