Griechisches Kino Sex, Spaß und Philosophie

Leichte Kost und schwere Kunst: Beim 41. Internationalen Filmfestival in Thessaloniki zeigte sich, dass das griechische Kino-Publikum die Produzenten der Fast-Food-Komödien belohnt, während die Cineasten ganz im Bann des Kunstfilm-Übervaters Theo Angelopoulos stehen.

Von Stephen Locke


"Beware Of Greeks Bearing Guns": Doppelrolle für Lakis Lazopoulos

"Beware Of Greeks Bearing Guns": Doppelrolle für Lakis Lazopoulos

Diese Tendenzen konnte man vom 10. bis zum 19. November in Thessaloniki deutlich erkennen. Zehn Tage lang wurden neben dem internationalen Wettbewerb überwiegend südeuropäische Filme präsentiert. Einen Schwerpunkt des Filmfests bildete der Rückblick auf die gesamte griechische Produktion des letzten Jahres. Hinzu kamen eine Retrospektive und ein Symposium, die Theo Angelopoulos, dem Ehrenpräsidenten des Festivals, gewidmet waren.

Der größte Hit des griechischen Kinos heißt in diesem Jahr "Safe Sex". In vergnüglicher Weise breitet er acht ineinander verwobene Geschichten um Affären und Beziehungen in allen Variationen aus - streitende Paare, eifersüchtige Frauen, "straighte" Männer, die gleichgeschlechtlichen Sex ausprobieren, eine Frau, die sich einbildet, Sex mit einem Seifenopernhelden zu haben, Ehepaare, die gleichgesinnte Paare suchen, und so weiter und so fort... Doch wie die meisten griechischen Komödien hat dieser Spaß von Mihalis Reppas und Nikos Papathanassiou kaum Chancen, außerhalb des eigenen Landes gezeigt zu werden. Schade eigentlich.

"Dead End Streets": Digitalvideo und Primärton

"Dead End Streets": Digitalvideo und Primärton

Ein weiterer Box-Office-Erfolg, die griechisch-australische Koproduktion "Beware of Greeks Bearing Guns" von John Tatoulis, nimmt ebenso lustvoll griechische Klischeevorstellungen auf die Schippe. Es geht um eine Vendetta zweier höchst ungleicher griechischer Zwillingsbrüder, die 55 Jahre nach der Tat den Mord an ihrer Mutter rächen sollen. Die Suche nach dem Muttermörder führt die beiden nach Australien und zu einer Reihe verblüffender Erkenntnisse über das geheime Liebesleben ihrer Erzeugerin. Die turbulente Komödie gewinnt vor allem durch einen der populärsten griechischen Schauspieler, Lakis Lazopoulos, der die doppelte Hauptrolle mit Bravour erfüllt.

Neben einer ganzen Reihe weiterer Komödien findet sich zumindest eine, die auch außerhalb Griechenlands ein Hit werden könnte: "In Good Company" ("Enas & Enas") von Nikos Zapatinas. In dem Film treffen sich ein Freigänger aus dem Gefängnis und ein Insasse einer Irrenanstalt und verbringen fünf verrückte Tage miteinander - unter ständiger Beobachtung durch zwei dümmliche Polizisten und ein Psychiaterpaar. Wie in vielen griechischen Filmen entpuppen sich auch hier die unwahrscheinlichsten Kandidaten als die wahren Lebenskünstler und Philosophen.

Hauptfigur Andreas in "Ephemeral Town": Schöne Bilder und sparsame Dialoge

Hauptfigur Andreas in "Ephemeral Town": Schöne Bilder und sparsame Dialoge

Wenn es jedoch um Filmkunst geht, schicken die Griechen leider ganz andere Filme in den internationalen Wettbewerb. Hier soll Kino etwas Innovatives und Kunstvolles haben - und natürlich gehen darüber die Meinungen weit auseinander. "Dead End Streets" ("Kleistoi Dromoi") von Stavros Ioannou dreht sich beispielsweise um das Schicksal der heimatlosen und verfolgten Kurden und ist mehr Dokumentar- als Spielfilm. Der als Dokumentarfilmer bekannte Ioannou drehte unter schwierigsten Bedingungen mit kurdischen Laiendarstellern, die auf der Durchreise nach Italien, Deutschland oder Holland vorübergehend in einem riesigen Zeltlager auf dem Koumoundourouplatz in Athen untergekommen sind. Das eher primitive Drehbuch entwirft die Geschichte eines Kurden, der unter den Flüchtlingen seinen Bruder sucht. So authentisch die mit Digitalvideo und Primärton aufgenommenen Bilder wirken, so erschütternd das Schicksal der Entwurzelten auch ist, entsteht durch die Banalität der Dialoge, die Hilflosigkeit der Handlung und die Naivität der Opfer ein eher negatives Bild dieser in die Sackgasse geratenen Menschen - was zweifellos den Intentionen des Filmemachers widerspricht.

Der zweite griechische Wettbewerbsfilm verrät den überall spürbaren Einfluss von Theo Angelopoulos. "Ephemeral Town" ("Efimeri Poli"), der erste Spielfilm des Nachwuchs-Regisseurs George Zafiris, zeigt einen Mann namens Andreas auf der Suche nach dem Haus seiner Mutter auf einer Insel, die er als kleines Kind verließ und seitdem nie wieder gesehen hat. Das ausgestorbene, durch Erdbeben zerstörte Dorf dient inzwischen als Lager für Flüchtlinge, die auf ihren Weitertransport warten. Die Ausländer und die Tochter des Bürgermeisters, der die Eindringlinge hasst und verfolgt, helfen Andreas, seine ephemere Heimat wiederzufinden. Die schönen Bilder und sparsamen Dialoge geben Hoffnung, dass hier ein junger Filmemacher auf dem Weg ist, eine eigene cineastische Sprache und Vision zu entwickeln. Es ist eine Filmsprache, die weltweite Anerkennung in den Werken Theo Angelopoulos gefunden hat, der wie kein anderer die Stadt Thessaloniki in seinen Filmen verewigt hat und wie kein anderer in seiner griechischen Heimat verehrt wird.

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