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Guy Ritchies "Sherlock Holmes" Zickenkrieg in der Baker Street

Der Detektiv als Draufgänger: In seinem Hollywood-Blockbuster "Sherlock Holmes" verwandelt Guy Ritchie den kühlen Meisterermittler in einen nervösen Action-Helden. Das macht noch keinen guten Film - Robert Downey Jr. aber eine gute Figur.
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"Sherlock Holmes": Kopfmensch als Kampfmaschine

Foto: Warner Bros.

So hat man Sherlock Holmes noch nicht gesehen. In einer Kellerspelunke voll zwielichtiger, johlender Gestalten steht er schwitzend und mit nacktem Oberkörper einer brutalen Kampfmaschine gegenüber.

Warum sich der Meisterdetektiv aus der Baker Street 221B zum Abschaum der Gesellschaft in die Abseiten Londons begibt? Zum einen wohl, weil man dem Verbrechen am besten auf Augenhöhe begegnet, um ihm auf die Spur zu kommen; zum anderen, um mal wieder sportlich an den Nahkampf-Skills zu arbeiten.

Bevor es zum Gefecht kommt, erlebt der Zuschauer die Szene in Zeitlupe vorab: Jeder Handgriff, jeder Schlag, jede Trittkombination und ihre schädliche Wirkung für den Körper des Gegners wird von Holmes mit analytischer Off-Stimme präzise vorgeplant. Und dann geht alles ganz schnell. Wie in einem hart geschnittenen Martial-Arts-Drama zerlegt der durchtrainierte Detektiv den massigen Fleischklops - Geist siegt über Grobheit.

Rund 200 Filme wurden über Sherlock Holmes im Verlauf der vergangenen hundert Jahre gedreht. Mehr als 70 Darsteller versuchten sich an der Darstellung des distinguierten Meisterermittlers, den der britische Schriftsteller Arthur Conan Doyle 1887 erfand und zur wohl populärsten Detektivfigur der Literaturgeschichte machte. In Guy Ritchies neuester Hollywood-Version ist der eigentlich unterkühlte Kopfmensch Holmes nun erstmals ein Action-Held, der auch vor dem Einsatz körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt.

Im Gegenteil - der Kampf Mann gegen Mann macht ihm sogar sichtlich Spaß. So weit, so interessant, wenn nicht gar rasant. Aber leider sind solche Momente der mutigen Neuerfindung in Ritchies Film selten und dienen oft nur als zusätzlicher Schauwert in einem ohnehin an visueller Aufdringlichkeit leidendem Event-Blockbuster.

Schauspielkunst und Spaßverderberei

Dabei war die Grundidee gar nicht mal übel: Sherlock Holmes als Draufgänger, getrieben von der eigenen Genialität und Abgründigkeit. Als Verbrecherjäger nicht zimperlich, als Privatmensch aber durchaus mit soften Seiten.

Zumindest suggerieren das die unterhaltsamsten Szenen des Films, wenn Holmes mit seinem Mitbewohner und Vertrauten Watson zu sehen ist: Fast tuntig wirkt er in seiner Nervosität und kaum verhohlenen Eifersucht, wenn der Freund von seiner Verlobten erzählt - und bemüht sich nach Kräften, die bevorstehende Hochzeit abzuwenden. Holmes-Darsteller Robert Downey Jr. schafft diesen schauspielerischen Spagat zwischen Zicke und Zampano mit einer clownesken Nonchalance, die begeistert. Seit seinem furiosen Comeback mit "Zodiac" und "Iron Man" läuft der ehemalige Drogenjunkie zur schauspielerischen Form seines Lebens auf. In Jude Law, der Watson mit großer Konzentration und markanten Akzenten gekonnt unterspielt, hat Downey Jr. zudem einen ebenbürtigen Mitspieler.

Köstlich ist alleine die Szene, in der Watson auf einer gemeinsamen Kutschfahrt an Holmes eine seiner Lieblingswesten entdeckt und den WG-Genossen dazu zwingt, das Kleidungsstück sofort abzulegen und zurückzugeben. Am Abend zuvor hatte Holmes das gemeinsame Dinner mit Watsons Zukünftiger durch unflätigstes Verhalten zum Desaster werden lassen. Kaum hat Watson die edle Weste von Holmes in Empfang genommen, wirft er sie mit boshaftem Blick und trotziger Handbewegung aus dem Fenster der Droschke. Man könnte - und möchte! - den beiden einen ganzen Film lang zusehen bei ihrem amüsanten Ausloten der Untiefen zwischen Männerfreundschaft und Homoerotik.

Es hätte so schön sein können

Leider aber lassen Hollywoods Spielregeln für das große Kinoabenteuer so viel Kammerspiel nicht zu. Nicht ohne Kalkül wurde "Sherlock Holmes", an dem zum Schluss vier verschiedene Drehbuchautoren arbeiteten, in den USA familiengerecht an Weihnachten gestartet. Und auch Regisseur Guy Ritchie wollte es nach betont coolen Gaunerkomödien wie "Bube, Dame, König, GrAS" und "Snatch" wohl mal richtig krachen lassen, wenn ihm Warner Brothers schon einen Riesensack Geld in den Schoß legt. Rund 90 Millionen Dollar soll die auf modern getrimmte Detektivgeschichte gekostet haben. So werden Holmes und Watson viel zu oft zu Statisten vor CGI-verstärkten Action-Szenarien in alten Werften und Fabriken, statt sich kongenial zu kabbeln wie ein altes Ehepaar.

Durch diese Spaßverderberei laufen Spannungsbögen und Dramaturgie leider völlig aus dem Ruder, so dass man sich weder für die Story des Films interessiert - ein finsterer Bösewicht (Mark Strong) steht von den Toten auf und treibt rätselhaftes Mordwesen -, noch für das Auftauchen von Irene Adler (Rachel McAdams), einer schönen Ex-Geliebten von Holmes, die Zweifelhaftes im Schilde führt.

Selbst die Auflösung aller Rätsel, spektakulär auf der halb fertiggestellten Tower Bridge inszeniert, ist einem angesichts all der verpassten Chancen des Films erschreckend egal. Selten sah man in Filmen dieser Dimension einen spannungsärmeren Showdown, der durch einen allzu offensichtlichen Hinweis auf die bereits geplante Fortsetzung zusätzlich ausgebremst wird. Sie hätte so schön sein können, die Ankunft des größten Detektivs aller Zeiten im 21. Jahrhundert. Schöner und intelligenter zumindest als kreuzbraves und grundsolides Superheldenkino vor historischer Kulisse. Geist siegt über Grobheit? Leider nicht immer.

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